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Wolfgang Rademann
M. Handelmann/SUPERillu
Star–Interview: Wolfgang Rademann
Die zwei Gesichter des TV-Produzenten

Er nennt sich selbst Unterhaltungsfuzzi. Mit Bärbel Beuchler sprach Wolfgang Rademann über sein zweites Ich – die journalistische Spürnase

Redaktion
on 9. Juni 2017

Hotel Kempinski. Wolfgang Rademann kommt mit seinem Rollkoffer geradewegs vom Flughafen. Er war in Amerika und macht hier für uns am Samstagnachmittag einen Zwischenstopp, bevor er nach Hause fährt. Er führt uns in sein „Büro“ in der Bristol-Bar. Ein kleinen runder Tisch, auf dem ein Schild anzeigt: „Büro Rademann“. Seit 40 Jahren trifft er hier Journalisten zum Interview.

Was haben Sie in Amerika gemacht?

Ich habe mir in New Mexico Reiseziele für die nächste „Traumschiff“-Folge angesehen.

Sind Sie fündig geworden?

Eher nicht, habe ich festgestellt. New Mexico ist reizvoll, aber bei genauer Betrachtung nicht außergewöhnlich genug, um hier für das  „Traumschiff“ zu drehen. Ich werde also für 2015 noch ein neues Ziel suchen müssen.

Sie suchen jedes potenzielle Reiseziel auf?

Ja, ich muss sehen, ob es die Natur hat, die ich brauche. Und es wird immer schwieriger. Mir geht nach 72 Folgen in 72 Ländern die Welt aus.

Haben Sie sich deshalb mit Ihrer Ärztereihe „Engel der Gerechtigkeit“ ein neues Thema gesucht?

Nee. Das „Traumschiff“ ist nur ein Teil meiner Arbeit. Ich habe gerade meinen 503. Film gedreht. Vieles kennt heute bloß keiner mehr, wie die 21-teilige Reihe „Die Geliebte“ im ZDF. Mit das Beste, was ich je gemacht habe. Oder „Insel der Träume“, „Hotel Paradies. In der Wachau habe ich „Spiel des Lebens“ gedreht, die Geschichte einer Schauspielschule in 13 Folgen …

Was schleppen Sie in diesem Beutel mit sich rum?

Zeitungen. Ich bin ein Papierfresser. Ich lese Unmengen Tageszeitungen und Magazine und schneide interessante Artikel aus. So bin ich auch auf das Thema Ärztepfusch für meine Filmreihe „Engel der Gerechtigkeit“ gekommen.

Die „Weißkittel“ lassen Sie nicht los. Bei der „Schwarzwaldklinik“ war noch alles heile Welt, Prof. Brinkmann ein Halbgott in Weiß. Warum holen Sie jetzt die Ärzte vom Podest?

Zweieinhalb Jahre lang habe ich Zeitungsartikel gesammelt, die sich mit dem Thema „Ärztepfusch“ befassen. Es sterben mehr Menschen durch ärztliche Kunstfehler und falsche Diagnosen als im Straßenverkehr. Für mich lag darin ein brisanter Stoff, ich wusste nur nicht, wie ich ihn umsetzen soll. Dann lernte ich Berliner Patientenanwältin Britta Konradt kennen, die mir  von ihrer Arbeit erzählte. Da ich hatte die Idee für den fiktionalen Rahmen meiner Geschichten.

Was wollen Sie mit Ihren Filmen erreichen?

Man darf die Erwartung nicht zu hochschrauben. Es sind Sonntagabend-Filme. Man wird vielleicht kurz über das Gesehene diskutieren. Viel erreicht wäre schon damit, dass Menschen erkennen, dass sie sich gegen Kliniken und Ärzte wehren können und dass es Anwälte gibt, die ihnen helfen.

Sind Sie persönlich betroffen gewesen?

Nein. Aber es gibt eine bezeichnende Geschichte. Wir haben einen Kameramann, der wurde am Knie operiert. Am Abend vor der OP und dann auf dem Weg zur Anästhesie sprachen ihn die Schwestern auf seine Niere an. Da wurde ihm himmelangst. Er ließ sich einen Filzstift geben und zog einen langen Pfeil über seinen Körper bis zum Knie und schrieb: Hier!

Sie haben mit Robert Atzorn als Klinikchef und zugleich Vater der Patienten-Anwältin, gespielt von Katja Weitzenböck,  eine spannende Konstellation geschaffen.

Die Geschichten sollen die Zuschauer ja auch berühren. Und wenn Vater und Tochter auf verschiedenen Seiten stehen, bleiben Emotionen nicht aus.

Im Gesundheitswesen geht es heute mehr um Gewinn als um die Gesundheit der Menschen. Wollen Sie das den Pranger stellen?

Man kann das gar nicht so laut aussprechen, wie man möchte, weil die Fernsehunterhaltung nicht die geeignete Form ist. Wissen Sie, dass wir uns in der Korruption schon den Dritte-Welt-Ländern nähern? Die Fahrer von Notarztwagen bekommen Kopfprämien von den Krankenhäusern, wenn sie Patienten bringen. Nicht lukrative Fälle werden abgelehnt. Das habe ich meinem Film „Kopfgeld“ aufgegriffen, der am 15. Dezember läuft. Das ist eine Folge der Festlegung von Fallpauschalen für die Krankenhäuser.

In Ihnen steckt immer noch der Reporter von einst.

Ja, ich hatte als Kind keinen anderen Berufswunsch. Ich bin in der 9. Klasse von der Schule, habe Schriftsetzer gelernt und war schon mit 18 Jahren Reporter bei der „BZ am Abend“. Von wem ich diesen Hang habe, weiß ich nicht. Mein Vater war Kaufmann.

Und wieso sind Sie beim Unterhaltungsfernsehen gelandet?

Ich habe als Lokalreporter angefangen, bin aber bald ins Feuilleton abgewandert. In den 50er Jahren habe ich für die DDR-Rundfunkzeitung „Unser Rundfunk“ gearbeitet, aus der später die FF. dabei wurde, und war als Filmreporter für den „Filmspiegel“ unterwegs. Damit war der Grundstein gelegt, keine Politik, kein Sport.

Wie sehen Sie als Fernsehmacher die Tendenz, dass die Zuschauer zum Internet abwandern?

Fernsehgucker wie Sie und ich sterben aus. Die junge Generation hat ihre Laptops, sucht sich aus, was sie wann und wie guckt. Damit ändert sich fürs Fernsehen die gesamte Zuschauerbasis. Wir werden uns mit den neuen Medien arrangieren müssen. 

„Das Traumschiff“ ist seit 1981 unterwegs und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Wie erklären Sie sich das?

Es ist mit zwei Sendungen im Jahr immer etwas Besonderes und hat einen hohen Unterhaltungswert. Die Menschen wissen seit 30 Jahren, was sie erwartet: Exotische Natur und Geschichten mit Happy End. Es gibt keinen Mord, keinen Totschlag, keine Sex. Das „Traumschiff“ ist zuverlässig, man weiß, was man kriegt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Reihe?

Diese Mischung wird noch eine Weile tragen. Wir kriegen jetzt ganz heftigen Gegenwind. Die ARD ballert uns am Sonntagabend den „Tatort“ gegen das „Traumschiff“. Wir müssen uns den Markt teilen und damit ist die Reduzierung der Einschaltquoten für „Das Traumschiff“ vorhersehbar.

Sie sind jetzt 79 geworden, nächstes Jahr rollt die 80 an. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?

Keine Ahnung. Ich kann nach unserem Gespräch aus der Tür gehen und werde überfahren. Aus die Maus.

Sie haben eine bewundernswerte Agilität. Wie funktioniert das?

Das ist ja das Tolle. Ich mache keinen Sport, nichts für die Gesundheit. Ich nehme keine Rücksicht beim Essen… Mir macht die Arbeit Spaß, ich glaube, das ist das Geheimnis.

Rauchen Sie?

Das habe ich in der Schule probiert und mir ist schlecht geworden. Da habe ich es gelassen.

Und wie ist es mit Stress?

Den habe ich gerade, weil ich die Besetzung für mein neues „Traumschiff“ suche und bestimmte Leute aus Termingründen nicht kriege. Aber das ist kein Stress, der mich verzweifeln lässt.

Sie besetzen seit der Wende gern Schauspieler aus dem Osten. Hat das einen Grund?

Klar. Einige der besten deutschen Schauspieler kommen aus dem Osten. Die haben eine perfekte Ausbildung, und das merkt man.

Wer ist als Wunschkandidat noch offen?

Mit Annekathrin Bürger würde ich gern mal drehen. Für die habe ich geschwärmt, eine tolle Schauspielerin. Ich habe bis jetzt bloß noch keine Rolle für sie gefunden.

Siegfried Rauch hat jetzt nach 15 Jahren als Kapitän ausgedient. Hat der Jugendwahn beim ZDF jetzt auch das „Traumschiff“ erreicht?

Nein. Ich bin davon unberührt. Ich hatte immer im Film ein ausgewogenes Verhältnis von alten und jungen Schauspielern. Die Stammbesatzung mit Siggi Rauch als Kapitän und Horst Naumann als Schiffsarzt im Alter von Mitte 80 war eigentlich schon zu alt. Aber als Kapitän braucht man einen Schauspieler, der Autorität ausstrahlt. Das kann nicht so ein junger Spund sein. Sascha Hehn, der die Rolle übernommen hat, wird nächstes Jahr 60.

Man munkelte, dass Siegfried Rauch ein bisschen angefressen reagierte auf die Abmusterung?

Mir nicht bekannt. Siggi Rauch hat damit gerechnet und hat es ganz prima aufgenommen.

Haben Sie schon festgelegt, was mit Ihnen nach Ihrem Ableben passieren soll?

Nee. Das ist mir auch egal. Das einzige, wovor ich Schiss habe, in ein Pflegeheim zu kommen. Ich habe eine 98-jährige Tante, die sitzt im Rollstuhl. Ich bin jedes Mal deprimiert, wenn ich sie besucht habe.

Gehen Sie eigentlich zu Beerdigungen?

Letztes Jahr habe ich sieben Freunde und Kollegen beerdigt. Die ganzen alten Helden entschwinden –  Günter Pfitzmann, Harald Juhnke, Curt Flatow, Peter Alexander …

Was ist Ihre Triebfeder, Ihr Lebenselixier?

Spaß und Freude.

Hatten Sie keinen Spaß mehr als Reporter im Osten, dass Sie 1958 in den Westen gingen?

Ich fand es im Osten deprimierend. Vor allem, wenn man in Berlin über die Grenze in den Westen kam. Da war Glanz und Gloria, im Gegensatz zum Osten. Jeden Tag sind Tausende Leute geflüchtet. Da war völlig klar, dass eines Tages einer das Licht ausmachen wird.

Wo haben Sie 31 Jahre später den Mauerfall erlebt?

Das war der schlimmste Tag meines Lebens! Ich war gerade zum Drehen auf die Bahamas geflogen. Schon in Miami auf dem Flughafen hatte ich mich gewundert, dass die Amis in Trauben vor den Fernsehern stehen. Dann kam ich an und höre, dass die Mauer offen ist. Ich habe mich so geärgert, dass ich als Berliner das live nicht miterleben konnte. Das war eine verpasste Schicksalsstunde.

Redaktion
on 9. Juni 2017

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