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Komödiant Tom Pauls
U. Toelle/SUPERillu
Tom Pauls
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Der gebürtige Leipziger Tom Pauls
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Tom Pauls im Interview
Herr Pauls, wie fühlt ein echter Sachse?

Er ist Schauspieler, Musiker und einer der profiliertesten Kabarettisten Mitteldeutschlands. Das große SUPERillu-Interview mit dem Ur-Sachsen Tom Pauls

Redaktion
on 13. Juni 2017

Herr Pauls, wie fühlt ein echter Sachse?

Er ist Schauspieler und Musiker und einer der Stars des mitteldeutschen Kabaretts. Unnachahmlich in seiner Paraderolle als Ilse Bähnert. Doch über den Tom Pauls, 55, hinter der Bühne weiß man wenig. Jetzt hat der Sachse ein Buch über seine Kindheit und Jugend geschrieben

Auf der Bühne und vor der Kamera sieht man Tom Pauls oft in ursächsischen Rollen. Redakteurin Annette Hörnig traf den Künstler zum Interview in Berlin und sprach mit ihm über seine wilde Jugend in Leipzig, die Liebe zum Dialekt und zur Heimat Sachsen.

Haben Sie ein Buch geschrieben, weil Sie gerade Opa wurden?

Auch. Im Sommer 2014 hat unser ältester Sohn meine Frau und mich zu Großeltern gemacht. Aber eigentlich war die Flut im Sommer 2013 der Auslöser. Damals mussten wir unser Haus in Dresden verlassen. Es wurde zwar nicht allzu schlimm, aber unser Keller war ziemlich feucht geworden. Ich hatte große Sorge um meine Plattensammlung. Als das Wasser weg war, habe ich sofort jede einzelne Scheibe überprüft. Dabei fielen mir alte Fotos in die Hände und so kam vieles von früher hoch.

Sie wurden sentimental ...

Speziell bei der Bob-Dylan-Platte, ja! Dank meiner West-Oma habe ich damals immer Schallplatten gekriegt. Unter anderem "Bob Dylans Greatest Hits" von CBS. So was kriegen Sie heute für ein paar Euro im Internet. Aber damals waren es absolute Schätze! Die Bob-Dylan-LP borgte sich ein Kumpel von mir, wochenlang. Dann stand er auf einmal vor der Tür, weinend. Die Platte: kaputt! Sie war ihm auf einen Glastisch geknallt und eine Ecke Vinyl war weggebrochen. Das muss man sich vorstellen: Ausgerechnet "Blowin in the Wind" war für immer verloren! Das war die größte Katastrophe damals.

Wie war denn Ihre Kindheit?

Wo fang ich da an? Auf der einen Seite sehr behütet, ich wuchs bei meinen Großeltern auf, die mich sehr verwöhnten. Auf der anderen spannend und abenteuerlich. Mein Revier war das Völkerschlachtdenkmal mit dem angrenzenden Park und herrlich zugewachsenen Grundstücken, mit Teichen zum Angeln, Bäumen zum Klettern - und auch zum Zündeln. Ich war in meiner Kindheit ein regelrechter Pyromane, auch Schulschwänzer und Grabräuber.

Was? Sie waren Grabräuber?

Heute schäme ich mich natürlich sehr dafür! Wir haben uns damals als Kinder keinerlei Gedanken gemacht. Das entstand durch die Gruppendynamik, da hat man keine Angst. Es war der neue Johannisfriedhof in Leipzig, welcher aufgegeben werden sollte.

War Ihre Kindheit und Jugend typisch für die damalige DDR?

Ich wuchs in einem sozialen Spannungsfeld auf. Nicht nur zu Hause, mit Ost-Oma und West-Oma, in einem bürgerlichen Haushalt. Auch zum Beispiel in der Schule: Ich hatte eine Mitschülerin mit zwölf Geschwistern, die trug jeden Tag dasselbe Kleid. Aber wir hatten auch Klassenkameraden, deren Eltern einen Einzelvertrag hatten, die mit einem West-Auto zur Schule gefahren wurden, manche sogar mit Chauffeur! Wir hatten damals keinerlei Berührungsängste nach unten oder nach oben, das fand ich gut. Heute entstehen mit der neuen Verbürgerlichung neue Strukturen: Ich stelle mit Schrecken fest, wie das sogenannte Dienstleistungsproletariat gar nicht mehr aus seiner Klasse herauskommt und wie geringschätzig man die Leute behandelt. Mir gefällt z.B. nicht, dass Kellnern nicht mehr in die Augen geguckt wird, wie mit Zimmermädchen umgegangen wird. Ich empfinde das wahrscheinlich so aufgrund meiner Sozialisation. Das teilen viele meiner Altersgenossen sicher mit mir. Ich mag eine gute soziale Mischung.

Apropos Ilse Bähnert: Gab es ein Vorbild für diese Rolle?

Ich wollte 1990 ein Lene-Voigt-Programm machen. Und als ich mich mit dieser grandiosen sächsischen Dichterin beschäftigte, stieß ich auf Texte, die man einfach spielen musste. Und dazu brauchte ich eine Figur. Lene Voigt hat selbst eine Frau Bähnert geschaffen. Ich erfand also eine Ilse Bähnert. Zu 60 Prozent gleicht sie meiner Ost-Oma Charlotte in ihren Lebensansichten. Für die anderen vierzig Prozent habe ich mich von einer Nachbarin aus Leipzig inspirieren lassen, die ungenannt bleiben soll. Die Bähnert ist ja eine von ganz unten. Mittlerweile ist sie zwar zur Dame geworden und ihrer obligatorischen Schürze entwachsen, aber das hat sich erst entwickelt. Und aus Dankbarkeit und Verehrung habe ich sie Ilse genannt, weil meine Schwiegermutter Ilse heißt.

Was zeichnet eigentlich einen Sachsen aus?

Das ist schwierig. Es gibt ja nicht den Sachsen. Schon allein die Sprache: Da gibt es den Leipziger, den Dresdner, den Chemnitzer Sachsen, den Erzgebirgler, den Vogtländer, den Oberlausitzer. Die gehören alle territorial zu Sachsen, von der Sprache her sind sie aber alle völlig unterschiedlich. Auch vom Denken und von ihrer Mentalität her. Ich versuche, einen Extrakt aus einer sächsischen Lebensart zu ziehen. In der Sprache ist es ein Konglomerat aus Leipzig und Dresden. Ich versuche, ein Sächsisch zu sprechen, wo jeder jedes Wort versteht, aber im Idiom hört man, dass es ein Sachse ist. Der Sachse ist durchaus witzig. Wenn er pathetisch wird, liegt man flach. Lene Voigt hat zum Beispiel Klassiker von Goethe oder Schiller auf Sächsisch parodiert. Und ich hab jetzt mal ein Programm gemacht, wo die Originaltexte von einem Staatsschauspieler gesprochen werden und ich trage die sächsische Variante vor. Wenn Sie das Original kennen, haben Sie den doppelten Genuss. Pathos und Sächsisch gehen nicht zusammen und so entsteht z.B. sächsische Komik.

Sie sprachen die Mentalität der Sachsen an, ihr Denken. Was meinen Sie genau?

Der Sachse hat schon eine andere Perspektive auf die Welt. Er interpretiert sie auf seine oftmals krude Art. Zugleich ist er lebensbejahend, ein Optimist. Um mit Lene Voigt zu sprechen: "Das könnte noch viel schlimmer kommen. Was andere furchtbar schwer genommen, dem fühlen sie sich gewachsen."

Sie gründeten 2007 die Ilse-Bähnert-Stiftung, die das beliebteste, das schönste und das bedrohteste sächsische Wort des Jahres kürt ...

Ja, jedes Jahr am 3. Oktober, zum Tag der Deutschen Einheit, findet diese Veranstaltung im Dresdner Schauspielhaus statt. Ein großer Spaß mit ernstem Hintergrund, nämlich der Erhaltung unseres Dialekts. Ich glaube, wir sprechen den Menschen aus den Herzen, denn die Gala ist immer schnell ausverkauft.

Warum ist Ihnen diese Sprachpflege so ein großes Anliegen?

Unser Dialekt wurde ja sehr angefeindet. Sächsisch ist laut Umfragen der unbeliebteste aller deutschen Dialekte. Das ist schade, denn er hatte einmal große Reputation: Luther hat die Bibel ins Meißner Kanzlei-Deutsch übersetzt. Das Kanzlei-Deutsch, das heutige Sächsisch, war vorbildlich für ganz Deutschland. Aber nach der Völkerschlacht 1813 und dem Wiener Kongress wurde Sachsen gesplittet, die Preußen kamen über Sachsen und Sächsisch wurde zur Sprache der Verlierer. Später, seit Ulbricht, war das die Sprache der Vopos, der Büttel, der Parteisekretäre. Aber in den letzten Jahren hatte Sachsen wieder ein bisschen Stolz entwickelt, wurde in der Welt neugierig beäugt. Deshalb tut es so weh, dass das durch die Pegida-Demos wieder kaputt gemacht wird, dieses bisschen Selbstwertgefühl, der Stolz, dass wir wieder international positiv wahrgenommen werden. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass dieses kleine Pflänzchen weiter gedeiht. Dass man die Sprache nicht nur als Urlaute begreift. (lacht)

Könnten Sie eigentlich auch woanders als in Sachsen leben?

Ich muss zugeben, dass ich diese Heimatverbundenheit erst spät gespürt habe. Leidenschaftlicher Sachse bin ich erst nach der Wende geworden. In meiner Jugend konnte ich mir nicht vorstellen, in dieser engen, blöden DDR alt zu werden. Ich wollte immer weg in den Westen, wo ein Teil meiner Familie lebt.

Warum blieben Sie doch?

Als Schauspieler und auch mit dem Zwinger-Trio durfte ich dann ja raus, war oft zu Engagements im Westen. Ich hab mir alles genau angeguckt. Und meine Ratgeber, Intendanten an den West-Theatern, sagten mir: "Ich nehm dich, aber überleg dir das gut." Dann hatten meine Frau und ich unser erstes Kind bekommen, und da hab ich es nicht übers Herz gebracht. Meine Frau wäre nicht mitgekommen. Glücklicherweise hat sich dann ja alles gefügt. Mit der Wende wurde ich freischaffend. 1989 hatte ich am Theater gekündigt, denn ich wollte mein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Ich hatte damals eine ganz gute Film-Karriere, bei der DEFA und beim Fernsehen, und am Theater konnten sie mir keine klare Perspektive bieten. Man meinte zu mir: Tom, deine Zeit kommt noch. Aber ich sagte trotzig: Meine Zeit ist jetzt. Jüngelchen, das ich war. (lacht)

Was sind Ihre nächsten Pläne und wo sehen wir Sie wieder?

Im April stehe ich mit meinem Buch und dem Programm dazu auf der Bühne. Ab dem 25. April spiele ich "Mit 80 Jahren um die Welt" mit Ilse Bähnert, und ab dem 13. Juni den Glöckner von Notre Dame auf der Felsenbühne in Rathen und später auch in Meißen.

Redaktion
on 13. Juni 2017

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