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Andreas Kieling und sein Hund
privat
Tierfilmer Andreas Kieling erkundet Spreewald
Kieling auf Grzimeks Spuren: „Ich musste erst in die Welt hinaus, um die Schönheit Deutschlands zu begreifen“

Andreas Kieling hat in Alaska mit Grizzlys gelebt und im Oranje mit Krokodilen gebadet. Dabei kam der 52-Jährige den wilden Tieren so nah wie kaum jemand

Redaktion
on 12. Juni 2017

Seit 20 Jahren reist der Thüringer als Tierfilmer durch die Welt. Jetzt erkundete er den Spreewald. Und SUPERillu-Redakteurin Bärbel Beuchler war dabei.

Ein Mann in einem Kanu. Um den Hals ein Fernglas. Er paddelt ruhig, kraftvoll. Vor ihm sitzt ein Hund, den Blick auf das Wasser gerichtet. Millionen von Wasserläufern erregen seine Aufmerksamkeit. Ausflügler auf einem Kahn kommen ihnen entgegen. „Ist das nicht Andreas Kieling. der Bärenmann aus dem Fernsehen?“ Die Truppe winkt, zückt die Kameras. „Hallo, wie geht’s? Was treibt Sie denn hierher? Der Mann dreht bei. Er ist es ist tatsächlich. Deutschlands berühmtester Tierfilmer, sonst überall auf der Welt in den Gefilden wilder Tiere von Alaska bis Afrika zu treffen, ist auf Heimatmission. Für sein neues ZDF-Projekt „Terra X – Inventur der Natur“. Vom Schalsee in Norden bis zum Königssee im Süden beobachtet und filmt er, was da kreucht und fleucht. Eine Woche war Andreas Kieling jetzt im Brandenburgischen unterwegs. Ich habe den Thüringer einen Tag im Spreewald begleitet.

Er ist so, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Spricht mit leiser Stimme. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Er liest in der Natur wie in einem aufgeschlagenen Buch. Wir sind auf den Wasserläufen zwischen Lübbenau und Lehde unterwegs. Die Fließe ziehen sich durch Feuchtwiesen, uralte Buchen- und Auenwälder. Die in Mitteleuropa einmalige Landschaft lässt den wildniserfahrenen Globetrotter staunen. Insgesamt 1575 Kilometer umfasst das Netz von natürlichen und künstlichen Wasserwegen, auf denen wir ein Stück unterwegs sind.

Ein Jäger

Ruhig sticht Andreas Kieling das Paddel ins Wasser. Es strengt ihn nicht sonderlich an. Durch sein T-Shirt zeichnen sich kräftige Muskel ab. „Als ich einmal sieben Monate lang 3500 Kilometer auf den Yukon gepaddelt bin, konntest man auf meinem Bauch Möhren raspeln.“ So witzige Vergleiche lässt er während unserer Exkursion öfter hören.

Es liegen harte Tage hinter ihm. Trotzdem muffelt er nicht. Er schwärmt von den Wildpferden in den Elbtalauen, erzählt von Biberburgen, der unglaublichen Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt in der Schorfheide mit dem „Grumsin“, einer Moor- und Buchenwaldlandschaft, die in diesem Jahr von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde. In der Uckermark hat er Seeadler fotografiert, einen Kranichflug über der Burg Lenzen beobachtet. „Brandenburgs Landschaften sind so vielfältig, dass es immer wieder Überraschungen gibt“, sagt Andreas Kieling, der 2012 als Botschafter für den Naturtourismus hier wirbt.

Kieling ist nicht nur ein Abenteurer, er sieht sich auch als Chronist. Er will mit der Kamera festhalten, was geht, was kommt. „Viele Menschen glauben, die Natur müsse ewig gleich bleiben. Doch sie verändert sich wie wir. Wer sich nicht anpasst, fliegt irgendwann aus dem Rennen. Und manche Tierarten verschwinden auch aus Deutschland, weil es ihnen hier zu warm ist. Das Birkhuhn ist ein klassisches Beispiel. Es ist nach Skandinavien und in die Alpenregionen abgewandert“, erklärt er. „Überall in der Welt überrollt die Zivilisation die Natur.“ Das ist auf der einen Seite seine Angst, zugleich aber der Reiz für ihn, der im Grunde seiner Seele ein Jäger ist, ein Jäger mit der Kamera.

Es begann 1991 im Yukon-Gebiet von Alaska. Fast 14 Jahre hat Andreas Kieling dort mit Grizzlys und Wölfen gelebt. Nur im Winter ist er zurück nach Deutschland. „Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der völligen Dunkelheit“, sagt er. Er fotografierte und drehte die größten Braunbären der Welt aus einer Nähe, wie sonst kein anderer. "Es dauerte einige Wochen, dann hatten sich die Tiere an meinen Geruch gewöhnt und akzeptierten mich", sagt er. Die Filme, die in der ARD-Reihe„Expeditionen ins Tierreich liefen, machten ihn als den „Bärenmann“ populär. Vor allem bei seinen Landsleuten im Osten. Schmunzelnd erinnert er sich an seine erste Begegnung mit einem Braunbären in der Taiga. „Ich stand stocksteif hinter einem Baum und war heilfroh, als er an mir vorbeizog.“

Risiko im Gepäck

Während unsere Boote nebeneinander her gleiten, will ich wissen, ob er keine Angt hatte, sich den Riesentieren auszuliefern? Dann hätte er das nicht gemacht, erklärt Kieling. Angst lähme. Natürlich sei er in bedrohliche Situationen gekommen. Aus Leichtsinn? „Aus Unaufmerksamkeit vielleicht“, sagt er. „Kein wildes Tier tötet aus Mordlust. Wenn es Menschen angreift, hat das einen Grund“, sagt er und erzählt, wie ihn mal ein alter Bär fast erwischt hat. „Ich stand im Weg, als sich er ärgerte, dass ihm ein junger Grizzly die Braut weggeschnappte.“ Vor dem tödlichen Prankenschlage rette den Tierfilmer nur sein voll bepackter Rucksack auf dem Rücken. „Ich flog durch die Luft und landete mit einer Rolle auf dem Boden.“ Die   gefährlichste Begegnung mit Tieren hatte er allerdings in Deutschland, in seiner Wahlheimat der Eifel, als er den Kampf zweier brünftiger Wildschwein-Eber filmte und dabei von einem Keiler angegriffen wurde.

Kieling hat ein angeborenes Gespür für Tiere, Instinkt und inzwischen viel Erfahrung. Die wichtigste Tugend eines Tierfilmes sei es jedoch, sich in das Tier hinzufühlen, sich zu fragen: Was bin ich – eine Bedrohung, ein Feind, Beute oder bin ich ihm schnurzegal. Trotzdem bleibt immer ein Restrisiko. In der Wildnis das Rationale zu verdrängen, kann lebensgefährlich sein. Ein Bär wird niemals dein Freund, er ist ein Einzelgänger.“ Kieling wurde in Südafrika von Elefanten und Löwen attackiert. In Ostindonesien wurde er beim Waschen von einer Wasserschlange gebissen. „Ihr Gift ist eigentlich tödlich. Ich war eine Nacht gelähmt und hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Dass ich überlebte, ist ein Wunder.“

Spannende Heimat

Kann Deutschland mithalten mit der bizarren, wundersamen und wundervollen Tier- und Naturwelt, die er von Alaska bis Südafrika, von Russland bis Südostasien kennen gelernt hat? Hier trifft man keine Grizzlys, keine Löwen oder Elche in freier Wildbahn. In diesem Moment geraten wir eine Stromschnelle. Andreas Kieling. hat Mühe, sein Kanu wieder auf Kurs zu bringen, sich aus dem Geäst eines umgestürzten Baumes zu befreien. „Ich könnte euch mit Cleo jetzt ein Eskimorolle zeigen“, scherzt er und antwortet dann auf meine Frage. „Auf meinen Exkursionen unsere Heimat als eins der spannendsten Länder der Erde entdeckt. Hier kann man genauso in die Wildnis gehen, taucht nur schnell wieder aus ihr auf. Aber steig mal auf den Watzmann oder ins Alpenmassiv. Da zeigt dir die Natur, dass du eine kleine Made bist.“ Zu seinen verblüffendsten Entdeckungen gehören zum Beispiel die Flussperlmuscheln im Frankenwald. Von deren Existenz er bis zu seiner Wanderung vor drei Jahren entlang der innerdeutschen Grenze, nichts wusste. In der Eifel, wo er mit seiner Frau Birgit und seinen 18- und 13-jährigen Söhnen Eric und Thore lebt, hat er Schwarzstörche gefilmt. „Für zehn Minuten habe ich einen ganzen Sommer investiert. Als die vier Kleinen ausflogen, habe ich geheult.“

Das Buch „Ein deutscher Wandersommer“, das neben der fünfteiligen Filmreihe entstand, geht inzwischen in der 14. Auflage über den Ladentisch. „Diese Expedition war eines meiner schönsten Abenteuer und emotional gesehen, wahrscheinlich die stärkste Unternehmung, die je in meinem Leben gemacht habe. Aber ich musste erst in die Welt hinaus, um die Schönheit meiner deutschen Heimat wirklich zu begreifen“ erzählt er, während das Ufer abscannt und mich auf Biberspuren aufmerksam macht. „Man muss einen langen Atem haben, um sie vor die Kamera zu bekommen“, erklärt der 52-Jährige.

Seemann und Förster

Die Neugier auf Tiere und Natur lässt den gebürtigen Gothaer seit seiner Kindheit nicht los. „In unserer kleinen Wohnung hielt ich Feuersalamander, Schnecken, Molche, Laubfrösche, Eidechsen, einen Maulwurf – alles im Wald hinter unserem Haus selbst gefangen. Ich fing sogar an, ein Buch über die Haltung von Reptilien und Amphibien zu schreiben.“ Im Fernsehen sah er sich jede Tiersendung an und träumte von Erlebnissen, wie sie die großen Tierforscher Heinz Sielmann, Bernhard Grzimek und Heinrich Dathe hatten. So wuchs seine Sehnsucht, das Leben in der Wildnis zu entdecken.
Seine Wanderung führte ihn 2009 auch durch seine Heimat  Thüringen. Tief verschlossene schmerzvolle Erinnerungen wurden da hochgespült. Bis zu seinem elften Lebensjahr hatte er eine schöne Kindheit. Dann heiratete seine Mutter wieder. Sein Vater hatte sich von ihr getrennt, als er sieben war. Der Stiefvater peinigte den Jungen, wo er konnte. „Das einzige, was er mir erlaubte, war, in die Gesellschaft für Sport und Technik einzutreten.“ So lernte Andreas Kieling Fallschirmspringen und Dinge, die ihm bei seiner späteren Flucht aus der DDR sehr halfen. „Mit 16 sagte mir: Mach doch das, wovon du schon immer träumst. Geh in die Welt und mach Sachen, von denen du bei Jack London und Mark Twain gelesen hast.“

Er kaufte sich Landkarten, und bereitete sich fast ein Jahr vor. Als Angler getarnt fuhr schließlich am 13. Oktober 1976 in die CSSR und flüchtete nördlich von Bratislava über die Donau nach Österreich. Er hatte Zäune und eine Stacheldraht überwunden, war entdeckt und beschossen worden. „Mit einem Steckschuss im Rücken erreichte ich trotzdem das Ufer. Ich überlebte die Aktion nur mit Glück“, erinnert sich Kieling.

Sein Großvater Richard in Stade nahm ihn auf. Tagtäglich sah er die Kähne auf der Elbe vorbeiziehen. „Ich war aber nicht aus der DDR geflüchtet, um ein bürgerliches Leben zu führen. Das war nicht meine Vorstellung von der westlichen Welt!“ Er fuhr drei Jahre als Matrose um die Welt. . „ Das war Abenteuer pur.“ In längeren Liegezeiten machte er seine ersten Expeditionen. „Das hat meine Lust und Leidenschaft verstärkt, die Welt zu entdecken.“ Doch es reichte ihm nicht, sein Lebenstraum sah anders aus. Er heuerte ab und wurde Förster in der Eifel, was seiner Leidenschaft für die Natur sehr nahekam. „Ich hätte mir gut vorstellen können, als Revierförster alt zu werden, das war eine angesehene Stellung. Doch in meinen Urlauben habe ich immer extreme Expeditionen gemacht, bin zu Fuß durch Grönland, mit dem Mountainbike durch den Himalaja.“ Nach einem zweijährigen Einsatz als Forstberater in China, Pakistan und Indien waren für ihn die Würfel ge--fallen. Er kaufte sich zwei Kameras und fuhr 1991 nach Alaska. Rückblickend konstatiert Kieling: „Meine Sehnsucht hat sich mit einer Geschwindigkeit und Qualität erfüllt, die ich so nicht erwartet hatte.“

Preisgekrönt

Die Aufnahmen, die er da von Eisbären gedreht hat, waren einmalig. Seine Filme „2000 Meilen Freiheit“ und „Abenteuer Yukon River“ liefen 14 Mal in der ARD. 2008 erhielt Kieling als erster Deutscher den Panda-Award, den Oscar des Naturfilms. Doch das Privileg der Freiheit hat seinen Preis: Einsamkeit, Isolation. „Da durchlebst du extreme Down-Phasen.“ Und das Familienleben leidet unter den monatelangen Trennungen. „2005 waren meine Frau und meine Jungs mit in Alaska. Aber es war eine nervenaufreibende Zeit. Plötzlich hatte ich Verantwortung für meine ganze Familie in der Wildnis.“ Wie er in seinem Buch „Bären, Lachse, wilde Wasser“ schildert, gab es gefährliche Situationen, die ihm immer noch nachhängen.

Durchgefroren, aber voller Eindrücke steigen wir am frühen Abend aus den Booten. Für Andreas Kieling heißt es, das Auto beladen und mit Cleo in Richtung Frankfurt/Oder fahren. Er will die Hirschbrunft beobachten und filmen. Ende des Jahres ist sein Deutschlandprojekt erst mal beendet. Dann zieht es ihn wieder in die Welt. Neue Abenteuer locken, mit Panzernashörnern in Indien, Florida--Panthern in den USA und Königspinguinen in Südgeorgien...

Redaktion
on 12. Juni 2017

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