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Stefanie Stappenbeck
dpa
Stefanie Stappenbeck im Interview
„Ich grusele mich manchmal vor mir”

Sie kann mit ihrem Grübchenlachen so strahlen, das einem das Herz aufgeht. Und sie kann so traurig schauen, dass man sie nur noch in den Arm nehmen möchte

Redaktion
on 22. Mai 2017

Seit die gebürtige Potsdamerin 1988 in „Die Weihnachtsgans Auguste“ mitspielte, hat sie das Publikum verzaubert. Ende November 2009 gab sie ihren Einstand als neue „Polizeiruf“-Ermittlerin und knapp sieben Millionen Zuschauer sahen ihr dabei zu.

SUPERillu.de hat die sympathische Schauspielerin getroffen und mit ihr über Liebe am Set, den plötzlichen Tod ihres „Polizeiruf“-Kollegen Jörg Hube, Selbstzweifel und ihre plötzliche Reiselust gesprochen.

Seit Ihrem Kinofilm „Jena Paradies“ bin ich Fan von Ihnen ...

Oh, echt. Ist ja toll.  

Das liegt sicher auch daran, dass ich aus Jena bin ...

Ach, nee ... (lacht) Jena ist echt eine tolle Stadt. Ich war total überrascht, wie schön’s da ist. Ich hab’ mich da sofort wohl gefühlt. Die Luft ist dort so toll. Und die Lage der Stadt, so eingekesselt von den Bergen, ist einmalig.

Lassen Sie uns über Ihren neuen Film „Pizza und Marmelade” sprechen. Da sind Sie die ganze Zeit wahnsinnig melancholisch. Man möchte nur seufzen, wenn man Sie sieht ...

Wirklich? Ich hatte schon befürchtet, ich hätte doch zu viel gelächelt.

Sie spielen darin eine Frau, die total isoliert, abgekapselt lebt, weil sie den Verlust eines Kindes verschmerzen muss ... War das eine ihrer schlimmsten Rollen?

Wenn man betrachtet, was der Frau widerfahren ist, dann schon. Aber zum Glück haben wir den eigentlichen Verlust ja nicht gedreht. Denn ein Kind zu verlieren ist tatsächlich das Schlimmste, was einer Frau passieren kann ... Ich hab’ aber auch schon Rollen gespielt, denen ähnlich schlimme Dinge widerfahren sind. Da kann man nur froh sein, dass es „nur” ein Film ist. 

Der Film thematisiert Einsamkeit, soziale Isolation, Arbeitslosigkeit, Anonymität in der Großstadt ... Empfinden Sie das auch als typische Phänomene unserer Zeit?

Total. Das sind ganz typische Phänomene. Wir haben das auch nicht überspitzt dargestellt. Das ist die Realität. Gerade wenn es auf die Feiertage zugeht, geht es vielen Menschen doch umso schlechter.   

Aber kommen Sie als erfolgreiche, beliebte Schauspielerin mit solchen Dingen wie Hartz-IV, soziale Abgrenzung, Leben im heruntergekommenen Neubau überhaupt in Berührung?

Ich lebe ja nicht in einer Blase, nur weil ich Schauspielerin bin ... Ich habe Freunde, die Hartz-IV bekommen. Weil sie freischaffend sind und ohne diese Unterstützung nicht über die Runden kommen. Und auch ich kenne Zeiten, wo ich wenig Geld oder gar nichts verdient habe und jeden Cent dreimal umdrehen musste. Das ist mir also gar nicht fremd ... Ich komme ja auch aus einer ganz normalen Ost-Berliner Familie.  

Was meinen Sie mit „normal”?

Mein Vater war zu DDR-Zeiten Theloge und meine Mutter Lektorin für sozialwissenschaftliche Bücher. Mit der Wende wurden beide arbeitslos. Und jetzt ist mein Vater Lohnsteuerberater und meine Mutter arbeitet bei einer Bank. Ich bin also nicht mit dem Goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Der gute alte DDR-Aluminiumlöffel hat mir aber auch nicht geschadet. (lacht) Der hat nur in den Zahnfüllungen gezogen.  

Ich hab’ gelesen, Ihre Schule lag damals direkt an der Berliner Mauer ...

Ja, das stimmt. Dieses Schulgebäude war tatsächlich ein Teil der Berliner Mauer. Und alle unsere Fenster gingen auf den Todesstreifen raus. Ich hab’ darüber aber nie nachgedacht als Kind. Das war ganz normal für mich. Hier Neubauten, dort Neubauten – die sahen auch noch gleich aus. Nur hin durfte man nicht ... Wirklich verrückt, wenn man da heute drüber nachdenkt.  

In „Pizza und Marmelade“ holt Max von Thun Sie aus Ihrer Isolation raus? Ein attraktiver Zeitgenosse. Sind Sie denn am Set schon mal bei einem Kollegen schwach geworden?

Nee. Aber wenn man im Film eine Liebesszene dreht, muss man in kürzester Zeit eine ganz große Nähe herstellen. Das heißt, man muss sich einer fremden Person ganz schnell öffnen. Und klar kann man dabei auch mal in eine Schwärmerei für den Kollegen geraten. Aber ich weiß immer, dass das mit der Rolle zu tun hat und dass man die Verliebtheitsgefühle nur überträgt. Ich musste diese Emotionen ja erzeugen, um die Rolle glaubhaft zu spielen ... Und klar macht es auch großen Spaß am Set zu flirten und charmant zu sein. Doch ich kann das gut trennen.  

Ist diese Trennung wirklich so leicht?

Wenn man sich das bewusst macht, dann schon. Aber viele Kollegen verlieben sich am Set in ihre Kollegen – oder sie meinen, sie seien verliebt – doch wenn die Dreharbeiten vorbei sind, gehen oft auch die großen Gefühle weg. Das passiert dann eben, wenn man die Emotionen nicht klar trennen konnte ... Ich kann das verstehen, denn jede Rolle macht etwas mit einem. Mehr als man glaubt. Behält man darüber aber das Bewusstsein, kann man das kontrollieren.  

Von ihrem Beziehungsleben weiß man gar nicht viel. Sind Sie denn gerade verliebt?

Darüber spreche ich nicht mehr. Seien Sie nicht böse ... Ich hab’ mir das abgewöhnt. Früher war ich da offener, aber irgendwann wurden mir die Nachfragen der Presse, wie es denn jetzt mit Soundso läuft, zu anstrengend. Deshalb halte ich jetzt lieber die Klappe.

Aber es geht Ihnen gerade sehr gut, oder?

Ich muss gestehen, dieses Jahr war eines der besten meines Lebens. (lacht)  

Und woran lag das?

Das hat berufliche und private Gründe. Ich hab’ wirklich in schönen Filmen mit großartigen Regisseuren arbeiten dürfen. Und für mich selbst hab’ ich in diesem Jahr eine neue Tür aufgestoßen: ich hab mich ins Reisen verliebt. Im Februar war ich in New York und wollte ursprünglich nur sechs Tage dort bleiben. Aber am fünften Tag hat mir der Freund eines Freundes ein WG-Zimmer in Chinatown angeboten, weil er ein paar Monate nicht in der Stadt sei. Erst dachte ich, nee, lass mal. Aber nach zwei Drinks hab’ ich das Angebot angenommen. Und bin noch fünf Wochen dageblieben - mit meinem Gepäck für sechs Tage. Ich war so mutig und hatte in dieser Zeit so viel Spaß ... Und nun will ich bald mit dem Rucksack zwei Monate durch Südamerika touren ... Ich bin gerade wirklich im Reisefieber. Und nicht nur zur Erholung – ich will andere Kulturen kennen lernen, die Menschen, das Land. Ich hab’ gemerkt, dass mich das richtig glücklich macht.  

Vor einigen Wochen lief der erste „Polizeiruf“ mit Ihnen im Fernsehen – und hatte auch gute Quoten. Waren Sie aufgeregt?

Ja, schon ein bisschen. Ich hab’ aber immer so getan, als wär’ nichts. (lacht) Ich musste ja für den Dreh des neuen „Polizeirufs“ funktionieren ... Geschaut hab’ ich die Folge aber nicht – dafür war ich zu aufgeregt. Aber ich kannte sie ja auch schon. Ich hab’ stattdessen Text gelernt ... Von den Reaktionen hab’ ich mich dann überraschen lassen.  

Ist Ihnen eine gute Quote wichtig?

Ich finde die Quote interessant, würde aber niemals sagen, dass die Qualität eines Films irgendetwas mit der Quote zu tun hat. Das sieht man zum Beispiel an dem Dreiteiler „Die Wölfe“ – auf den ich wahnsinnig stolz bin – der aber nicht so dolle Quoten hatte. Was aber auch an den ungünstigen Ausstrahlungsterminen lag ... Trotzdem haben wir gerade den Emmy dafür bekommen. Und darüber freu’ ich mich wahnsinnig.   

Jetzt spielen Sie als Preußin im Münchner Polizeiruf ...

Ist doch schön, dass sich die Kulturen begegnen und durchmischen. Das erzeugt eine schöne Reibung.  

Ist es eigentlich der Traum jedes deutschen Schauspielers, mal Tatort oder Polizeiruf-Ermittler zu sein ?

Ich denke, so eine Rolle ist was ganz Tolles. Ich glaube aber nicht, dass es der Traum von jedem Schauspieler ist. Weil ganz viele Angst davor zu haben, dann so festgelegt zu sein. Und wenn man zwei, drei Mal im Jahr in die Kommissaren-Rolle schlüpft, hat man auch nur noch wenig Zeit für andere Dinge ... Ich fand’s aber ganz toll, als mir die Rolle angeboten wurde. Weil ich immer schon ein großer Fan des Münchner „Polizeirufs“ war. Meine Vorgänger, Edgar Selge und Michaela May, waren toll. Und Cornelia Ackers, die die Reihe als Redakteurin betreut, hat so eine tolle Fantasie und holt immer so großartige Leute ran, die so außergewöhnliche und auch mutige Geschichten schreiben ... Da konnte ich gar nicht Nein sagen.  

Sie spielen aber nur in drei Folgen mit. Warum steigen Sie dann schon wieder aus?

Weil unglücklicherweise mein Filmpartner Jörg Hube während des Drehs gestorben ist. Und weil er nicht ersetzbar ist, muss einfach ein komplett neues Team geschaffen werden. Ich finde das auch total richtig. Mir wäre es auch komisch vorgekommen, einfach so mit jemand anderem weiterzumachen ... Meinen Nachfolger Matthias Brandt hab’ ich kürzlich auf einem Fest getroffen. Er ist toll und ich wünsch’ ihm auch alles Gute. Für mich kommt nun eben wieder etwas Neues.

Sind Sie gar nicht traurig, dass Ihr „Polizeiruf“-Zeit nur so kurz andauerte?

Ich hab’ ein weinendes und ein lachendes Auge. Mein Ziel als Schauspielerin ist es, mit tollen Leuten, tolle Stoffe umzusetzen. Das konnte ich hier. Meine Rolle war komplex und sehr spannend. Nachteil an einer solchen Kommissaren-Rolle ist, wie ich es vorhin schon angedeutet habe, dass man so festgelegt ist. Man darf in keinem anderen „Polizeiruf“ oder „Tatort“ auftreten. Das schränkt einen schon sehr ein ... Ich finde aber, dass es jetzt, ohne Jörg nicht einfach weitergehen konnte. Er und ich, das war aber eine ganz schöne Figurenkonstellation. Schade ... Als wir die erste Folge gedreht haben, wusste er auch noch gar nichts von seiner Krankheit.   

Ich hab gelesen, Sie sehen sich selbst gar nicht gern auf der Mattscheibe?

Ja, es ist komisch. Aber das stimmt. Ich grusele mich manchmal richtig vor mir. (lacht) Aber es ist schon besser geworden ... Ich bin aber auch ziemlich streng mit mir und denke dann jedes Mal: Hätteste da mal weniger gelächelt, hätteste das mal anders geguckt und so weiter. Da bin ich vielleicht etwas zu perfektionistisch veranlagt.

Zeugt diese Unsicherheit von einem kleinen Selbstbewusstsein?

Ich weiß nicht? Ich glaube, ich bin eher streng. Wenn ich etwas mache, stecke ich da mein ganzes Herz rein und will es richtig richtig gut machen.

Haben Sie eine Traumrolle, die Sie unbedingt mal spielen wollen?

Ich versuche eigentlich jede Rolle zur Traumrolle zu machen ... Und schön ist immer der Wechsel – eben war man noch die melancholische Frau, die ein Kind verloren hat und beim nächsten Film ist man eine durchgeknallte Künstlerin und dann wieder eine eiskalte Managerin, die ein paar Leichen im Keller hat. Die Mischung macht’s ...

So böse Rollen verbinde ich aber gar nicht mit Ihnen ...

Ja, darum wäre es ja auch eine besonders tolle Überraschung – für mich und die Zuschauer. Und ich hab' große Lust darauf.

Was steht denn nach dem „Polizeiruf“-Dreh bei Ihnen an ?

Seit Dezember stehe ich wieder in Hamburg auf der Bühne vom St. Pauli Theater. In „Arsen und Spitzenhäubchen“ – zusammen mit Angela Winkler, Christian Redl und Eva Mattes. Das Kuriose dabei ist, mit Christian Redl, Eva Mattes und mir stehen dann drei TV-Kommissare auf einer Bühne ... Im Januar spreche ich dann ein paar Hörbücher aus. Und dann fahre ich im Februar und März nach Südamerika. Erst mal nach Ecuador, Peru und Argentinien. Und dann schau ich, wo mich der Wind noch so hinträgt.

Redaktion
on 22. Mai 2017

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