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Beton-Koloss von Prora
Y. Maecke/SUPERillu
Seebad Prora
Die Goldgrube am Ostseestrand

Jahrelang war Ruhe hier. Als Nazi-Seebad geplant, dann NVA-Kaserne, gehören die Betonblocks von Rügen nun Privatinvestoren. Ein Baustellen-Besuch – mit Fotogalerie

Annette Hörnig
on 26. Mai 2017

Es wummert und dröhnt aus den grauen Betonblöcken an der Strandstraße im Binzer Ortsteil Prora. Baufahrzeuge fahren an und wieder ab, Arbeiter stiefeln durch Berge von Schutt. Große Plakate an den Bauzäunen werben für „Eigentumswohnungen direkt am Strand“. Gelockt wird mit der „Denkmal-Afa“, sprich der Abschreibung von Sanierungskosten, die Käufer denkmalgeschützter Immobilien beim Fiskus geltend machen können. Der Koloss von Prora, dieser megalomane Betonriegel von 4,5 Kilometern Länge, ist die neue Goldgrube der Investoren. Mit Quadratmeterpreisen bis zu 4500 Euro hat das Areal inzwischen Großstadtniveau erreicht.

Eine der Baustellen von Prora
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Blick auf die Baustelle: Sanierungsarbeiten in Block 1. Ende 2015 sollen hier Eigentumswohnungen und ein Hotel fertig sei

Belebung. Viele der Urlauber, die in diesen heißen Sommertagen auf der Insel Rügen Urlaub machen, staunen, was sich in Prora tut. Der von 1937-1939 gebaute Klotz an der Prorer Wiek, nur 100 Meter vom weißen Sandstrand entfernt, lag noch vor zwei Jahren größtenteils verlassen da. Weiß strahlen jetzt die Fassaden der Fünfgeschosser der Blöcke 1 und 2, ein Binzer Bäcker hat kürzlich eine Filiale eröffnet, in der „Sunrise“-Bar wenige Meter weiter gibt es Erfrischungs-Drinks. In den Wohnungen darüber hängen schon Gardinen, stehen Blumen auf dem Fenstersims. Ein Umzugswagen aus Berlin hält vor dem Eingang. Dazwischen Feriengäste, die mit Sonnenschirm und Kühltasche unterwegs zum Strand sind. Für die Immobilienhändler, die in Vertriebs-Containern auf Käufer warten, ist der geschichtsträchtige  Bau eines der spektakulärsten Anlagegeschäfte in Deutschland. Denn die Zinsen sind niedrig wie nie. „Der Run auf Prora ist drei- bis fünfmal größer, als wir erwartet haben“, heißt es etwa bei Baltic Bau, einer Immobilienverwaltungsgesellschaft, die hier zwei Aufgänge saniert und umbaut. In den obersten Etagen entstehen Penthouse-Wohnungen mit je zwei Balkonen und Dachterrasse. Luxus-Domizile in sensationell schöner Lage. Unten vor dem Haus hat die Entwicklerfirma eine künstliche Sanddüne anfahren lassen. Auf schmalen Holzstegen gelangt man so durch den eigenen „Vorgarten“ und durch das kleine Kiefernwäldchen direkt ans Meer.

Block 2 auf Prora
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Luftige Glasbalkons zieren den Block II. Davor eine extra angekarrte Sanddüne

Verkauf. Die Immobilie hat es in sich. Die Nazis konnten den als Seebad für 20 000 Arbeiter geplanten Bau wegen Kriegsbeginns nicht fertigstellen. Erholungsurlaub in der 11-qm-Buchte mit zwei Betten, das reichte damals. Es folgten nach Kriegsende die Russen und dann die NVA. Nach dem Mauerfall war bis 1992 die Bundeswehr da. Dann wurde es ruhig. Ein schwieriges Objekt, steinernes Erbe des Dritten Reichs und des DDR-Regimes. Erst in den letzten zehn Jahren hat der Bund als Eigentümer alle Blöcke privatisiert, für insgesamt rund 3,5 Millionen Euro. In den Kaufverträgen die Klausel, dass nicht an rechtsgerichtete Organisationen veräußert werden darf.

Ein Gesamtkonzept für die Anlage fehlt. An der einen Ecke wird gebaut, an der anderen passiert nichts. Manchen Investoren ging schon das Geld aus. 2006 hatte etwa Ulrich Busch, 49, Sohn des Agitprop-Sängers Ernst Busch, die Blöcke 1 und 2 für schlappe 455 000 Euro gekauft. Doch 2012 wurde Block 1 für 2,75 Millionen Euro an die Berliner Investoren „Irisgerd“ versteigert. Busch, der meistens in Holland lebt und sich demnächst in einer anderen Immobiliensache wegen Verdachts auf Subventionsbetrug vor dem Landgericht Rostock verantworten muss, gehören noch Aufgänge, in denen ebenfalls Apartments und Suiten entstehen sollen. Zu sehen ist noch wenig.

Die südliche Seebrücke von Prora
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Die südliche Seebrücke von Prora. Hier sollten einst Passagierschiffe anlegen. Für Urlauber ist der Strand seit 1993 wieder ein Traumziel

Sorge. Die maroden Blöcke 6 und 7 sollen Liechtensteinern gehören. Vor Ort wurden sie noch nicht gesehen. Vermutlich warten sie, dass die Grundstückspreise weiter steigen. In Block 3 liegen die Eigentümer miteinander im Streit, der Bau sieht marode aus. Hier hat eine Künstlerkolonie, neben kleinen Museen zur NS- und NVA-Geschichte und Café, seit 15 Jahren ihre Heimat, die Miete wurde längst erhöht. Maler Klaus Böllhoff, 65, fürchtet um sein „Proradies“. „Hier herrscht Kosten-Nutzen-Denken, auch unsere Vermieter hatten schon viele Pläne“, sagt er mit Resignation in der Stimme.

Die Weite und das Licht hatten ihn und seine Künstler-Kollegen damals hergezogen, es lässt sich gut arbeiten hier, außer im Winter. Da wird es saukalt im Block und Eisschichten bilden sich an den Fenstern. Die Luxussanierung nebenan, die in krassem Gegensatz zur skurril-bunten Welt in Block 3 steht, sieht Böllhoff mit gemischten Gefühlen: „Natürlich ist es gut, dass sich jetzt etwas bewegt. Aber das werden wohl wieder so Investitionsruinen. Wer kauft sich denn einen Karnickelstall in so einem Riesengebäude?“ Richtig zu Hause fühlt sich Böllhoff nicht mehr in Prora.

Maler Klaus Böllhoff mit seinem Sohn
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Künstler Klaus Böllhoff (hier mit Sohn) hat in Block 3 sein Atelier. Er fürchtet Entmietung

Hoffnung. Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz, wartet erst mal ab. Dass Gutes in Prora gelingen kann, sehe man an Block 5, in dem 2011 die neue Jugendherberge eröffnete. Mit 74 000 Übernachtungen im Jahr eine der beliebtesten Deutschlands. Dieser Block gehört dem Landkreis. „Hier entwickelt sich etwas, das genauso groß ist wie Binz. Es ist so, als ob neben Hamburg noch einmal eine Stadt so groß wie Bremen wächst“, sagt Schneider. Einfluss nehmen kann die Gemeinde nur über die Bebauungspläne. „Alles, was über 3 000 Ferienbetten hinaus entsteht, kann nicht in unserem Interesse sein. Wir haben schon zu viele Ferienwohnungen.“ Mit 14 500 Gästebetten ist der Markt in Binz dicht. Würde Schneider selber eine Wohnung kaufen? „Mit genügend Kleingeld: eindeutig ja! Die Architektur, die Lage und die Aussicht sind einzigartig.“

Der Bürgermeister von Binz Karsten Schneider
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Karsten Schneider, 49, ist seit 2011 Bürgermeister von Binz

Zukunft. „Unsere Wohnungen sind alle weg, wir bauen demnächst weitere Aufgänge aus“, freut sich indes der berliner Investor Axel Bering, 52. Seine Kunden stört die Vergangenheit der Anlage nicht. Selber darin wohnen werden ja die wenigsten von ihnen.

Redakteurin Annette Hörnig guckt sich die Wohnungen an
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Redakteurin Annette Hörnig sah sich in Prora die ersten Musterwohnungen an. Der lichte Wohn- und Essbereich hat Meerblick. Kosten: 2 800 bis 4 500 Euro pro Quadratmeter

Die frisch sanierten Aufgänge ziehen viele neugierige Menschen an
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Die frisch sanierten Aufgänge ziehen viele Neugierige an. Ein paar Meter weiter ist alles noch grau

Annette Hörnig
on 26. Mai 2017

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