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Rüdiger Joswig verkörpert den energischen Kapitän Ehlers
dpa
Rüdiger Joswig im Interview
Kapitän Ehlers geht von Bord

Seit April 1997 hält Rüdiger Joswig als Käpt'n Ehlers die ZDF-„Küstenwache“ auf Erfolgskurs. Im Interview mit Bärbel Beuchler erzählt er, warum er abmustert

Bärbel Beuchler
on 7. Juni 2017

Wenn die „Albatros“ mittwochs zum Einsatz ausläuft, sind Millionen Fernsehzuschauer dabei.  Mit der „Küstenwache“ kreierte das ZDF die erste und bislang einzige Polizei-Serie, die auf See spielt. Fesselnde Geschichten, riskante Rettungsaktionen auf der schleswig-holsteinischen Ostsee und Helden, die mit Herz und Verstand ihren Job machen, führten zum Erfolg des Formats. Rüdiger Joswig verkörpert einen nahezu idealen Kapitän - energisch, verantwortbewusst, sympathisch, vor allem aber menschlich. Am 5. März jedoch wird die Mannschaft des Patrouillenbootes nach 273 Folgen zum letzten Mal unter Ehlers Befehl einen ganz besonderen Fall lösen …

Am 30. Mai werden Sie 65. – Beginn des Rentenalters. Streichen Sie deshalb bei der „Küstenwache“ die Segel?

Nein. Das ist doch kein Alter! In meiner Kindheit war man mit 65 alt. Meistens  haben sich die Leute auch noch so gefühlt. Wer mit 70 starb, der hatte lange gelebt. Für Schauspieler gibt es eh kein Rentenalter. Wir sind ja ausgezogen, um zu spielen, bis wir in die Grube fahren. Und: Wer kann es sich heute als Schauspieler leisten, in Rente zu gehen? Vergiss es!

Als Kapitän Ehlers hätten Sie einen Job auf Lebenszeit haben können, er war zudem lukrativ. Warum lassen Sie das sausen?

Das war ein sehr lukrativer Job, richtig. Aber ich habe mir eine Grenze gesetzt. Die Jahre als Kapitän waren eine tolle Zeit, und ich bin unheimlich dankbar dafür. Auch dem Publikum, dass uns seit 16 Jahren trägt. Doch es gibt noch so vieles, was mich reizt.

Was zum Beispiel?

Ich möchte mal wieder richtig ausgiebig Theater spielen. Es ist da noch nichts in Sack und Tüten, aber schon einiges angedacht.

Der Bühne ferngeblieben sind Sie ja bisher auch nicht. Ich denke da an „Jedermann“ im Berliner Dom.

Ja, das ist aber schon ein bisschen her – 2009

Was schwebt Ihnen an Charakteren oder Rollen vor?

Am Theater würde ich gern den „Galileo Galilei“ und den „Kaufmann von Venedig“ spielen. Bei Fernseh- und Kinorollen bin ich völlig offen. Am liebsten Gangster, ganz harte Typen. Ausgeschlossen sind für mich Pädophile und Vergewaltiger.

Warum?

Mich würde der Ekel packen. Ich habe keinen Bock darauf, so etwas zu spielen. Da brauche ich gar nicht drum herum zureden.

Die Fans der „Küstenwache“ werden Ehlers nach dem 5. März sicher sehr vermissen.

Nun, so schnell verschwindet er nicht. Durch die Wiederholungen bin ich noch bis ins Jahr 2016 als Ehlers auf dem Bildschirm.

Womit begründet Ehlers seinen Abschied?

Er bekommt ein Angebot. Eine Tätigkeit, die ihn außer Landes führt. Er soll im Auftrag der UN in Somalia eine Küstenwache aufbauen. 

Er kämpft dann an anderer Front für die gute Sache?

Ehlers kämpft immer für die gute Sache.

Wie ähnlich sind sich Ehlers und Joswig in dieser Lebenshaltung?  

Sehr. Ich setze mich für Gerechtigkeit ein, denn was heute eine gute Sache ist, kann morgen eine schlechte Sache sein. Das geht sehr schnell. Leider. Die Grenzen sind fließend.

Hätten Sie als Ehlers gern mal zugehauen?

Ehlers ist einem Rechtsradikalen mal an die Gurgel gegangen. Einem besonders brutalen Killer hielt er die MP an den Kopf. Und ich habe gespielt, dass er im Stande wäre abzudrücken. Ich habe ein paar Mal versucht, die Grenze zu zeigen, dass ihm die Nerven durchgehen können. Er ist auch ein Mensch,

Mussten Sie real schon mal eingreifen?

Nein, zum Glück noch nicht. Ich habe mich aber schon öfter gefragt, wie ich reagieren würde. Die Leute sehen mich nicht als Rüdiger Joswig, sondern als Ehlers. Und da kommt schnell der Gedanke: Warum geht der Kapitän nicht dazwischen. Der kann das doch alles, weiß, wie man jemanden entwaffnet. 

Was war für Sie das Besondere an der „Küstenwache“?

Wir waren ein wunderbares Team, das über die 16 Jahre immer mehr zusammengewachsen ist. Alle hatten nur ein Interesse: Eine gute „Küstenwache“ zu drehen. Es ist die erste Krimi-Serie, die auf See spielt. Sie wird es vermutlich auch bleiben. Und meine Rolle ist ein vielgeträumter Kinderwunsch.

Sie wollten aber als Junge Pilot werden …

Ja, ein Flugkapitän. Was sich nicht erfüllen ließ. Als Kapitän bei der „Küstenwache“  konnte ich meine Kinderspiele fortsetzen und wurde dabei sogar ernst genommen! Wer kann sich als Erwachsener schon in den Sand schmeißen und austoben, sich mit Verbrechern Verfolgungsjagden liefern? Da geht nur als Schauspieler in einem Krimi.

Haben Sie sich schon als Kind die Rolle des positiven Helden verliebt?

Ja, ich erinnere mich noch immer den Film „Der Gejagte“ mit Jean Marais. Da war natürlich Lagadère meine Rolle. Gekämpft haben wir mit Holzdegen, die wir uns gebastelt hatten. Wir haben uns auch für unsere Cowboy-Spiele Colts aus Holz geschnitzt. Das war gar nicht so schlecht, weil es die Fantasie anregt.

Heute kann man so was in jedem Spielzeugladen kaufen.

Ich bin in einem armen Haushalt groß geworden. Selbst wenn es diese Spielsachen gegeben hätte, wir hätten sie uns  nicht leisten können. Und es war auch nicht wichtig, ob der Degen wie ein Degen aussah. Wichtig war, beim Spielen so zu tun als ob – das habe ich später glücklicherweise dann zu meinem Beruf gemacht.

Haben Sie die Armut empfunden?

Nein, Ich hatte Essen, zwei Hosen (lacht), habe die Schuhe meines älteren Bruders aufgetragen. Das war normal. Ihm haben sie nicht mehr gepasst, also bekam ich sie.

Ihre vier Kinder sind erwachsen. Gibt es Enkel im Spielzeugalter?

Helena, die Tochter meiner Erstgeboren, ist im Januar sieben geworden. Sie bastelt sich ihre Spielsachen natürlich nicht selbst. Aber meine Tochter achtet darauf, dass sich sie schöpferisch betätigt. Helena spielt ein Instrument und hat mir einen wunderbaren Kalender gemalt.

Verbringen Sie gern Zeit mit Ihrer Enkelin?

Ja, und leider zu wenig, weil es immer eine ziemlich lange Fahrt ist.  Zu ihrem Geburtstag habe ich sie besucht. Da herrschte gerade Blitz-Eis. Aber ich konnte die Kleine an diesem Tag ja nicht ohne ihren Opi lassen!

Sie haben nach dem Abitur angefangen, Philosophie zu studieren …

Dieser Gedanke allein war im Osten schon dämlich.

Warum haben Sie es dann gemacht?

Weil ich nicht Pilot werden konnte. Ich hatte das Abitur in der Hand, und irgendwas wollte ich damit ja werden. Meine zweite Wahl war Schauspiel. Aber ich kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen - ich bin noch mit dem Spruch groß geworden: Leute, nehmt die Wäsche rein, die Schauspieler kommen – und mein Wunsch kam bei meinen Eltern nicht so gut an. Deshalb habe ich an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Philosophie angefangen, bin nach einem halben Jahr aber an die Theaterhochschule gewechselt.

Sie sind in Anklam aufgewachsen, Michael Kind, bei der „Küstenwache“ Einsatzleiter Gruber, hat am dortigen Theater den Weg zur Bühne gefunden. Verbindet Sie etwas mit dem Theater?

Nein, nicht direkt. Ich habe an unserem Schülertheater  gespielt. Mit 18 Jahre bin aich aus Anklam weggegangen und nie wieder zurückgekehrt. Ich wollte immer mal dort auf der Bühne stehen, es hat nie geklappt. Es gibt einen ganz entzückenden Film über das Theater von Andreas Dresen, „Stilles Land“.

Wäre jetzt nicht Zeit?

Wenn das Angebot käme, würde ich das schon gern. Ich habe ja dort auch noch Schulkameraden. (Blick und Stimme werden ganz weich)

„Die Küstenwache“ wurde an der Lübecker Bucht gedreht. Sie verbrachten dort die meiste Zeit des Jahres. Traumhaft oder?

Es war immer mein Wunsch, am Wasser zu wohnen. Der ist mir 16 Jahre erfüllt worden. Wenn ich aus dem Fenster sah, breitete sich vor mir das Meer aus …

Gehen Sie mit Wehmut im Herzen?

Natürlich. Es war ja eine Kopfentscheidung. Wenn das Herz entschieden hätte, wäre ich geblieben.

Ehlers hat Führungsqualitäten. Wie ist das bei Ihnen?

Da herrscht eher das Chaos. Ich will auch keine Macht über Menschen haben. Ehlers versucht dabei aber gerecht zu bleiben.

Wer hat in Ihrer Ehe die Hosen an? Ihre Frau Claudia Wenzel?

Keiner. Das wäre auch keine gute Beziehung, wenn nur einer bestimmt. Wir entscheiden zusammen und gehen auch mal getrennt ins Kino. Claudia mag nicht alle Filme, die mich interessieren und umgekehrt.

Gefunkt hat es zwischen Ihnen 1984. Das erzählte mir Ihre Frau mal. Die Liebe brach sich aber erst 1992 Bahn, bei einem Frühstück in einem Leipziger Hotel. Ihre Sicht bitte.

Wir haben damals in Leipzig zusammen Theater gespielt. Natürlich hat es geknistert, und das hatte zur Folge, dass wir uns 1992 wiederfanden. Diesen Tag feiern wir jedes Jahr.

Wo liegen die Marksteine Ihres Lebens?

Einer ist die Begegnung mit Claudia. Auch die Geburt meiner Kinder, und wenn ich noch weiter zurückgehe, die Entscheidung Schauspieler zu werden. Das hat mein Leben sehr verändert. Gravierend aber war meine Ausreise 1987. Ich hatte 1982 Ausreise beantragt und war damit als Schauspieler weg vom Fenster, bekam keine Rollen mehr.

Wovon haben Sie fünf Jahre gelebt?

Ich habe alle möglichen Jobs gemacht, Kellner, Tellerwäscher, Anstreicher, Betonarbeiter. Ab und an bekam ich Aufträge vom Rundfunk, der mir  - wer weiß, warum – treu geblieben war.

Was hat Sie zur Ausreise getrieben?

In erster Linie waren es politische motivierte Gründe. Den größten Anstoß, über mein Leben in der DDR nachzudenken, war die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976. Da dachte ich noch nicht ans Weggehen. Das Bedürfnis wuchs danach. Ich wollte mir mein Leben nicht mehr von Vorschriften diktieren lassen. Dann wollte ich natürlich auch reisen. Ich konnte nicht wie hinter einer Gefängnismauer leben.

Was  gibt es etwas Gutes, das Sie mit Ihrem Leben in der DDR verbinden?

Es war nicht alles schlecht – diesen Spruch kann ich nicht mehr hören. Er ist für mich Ausdruck dafür, dass die Realität, in der wir gelebt haben, geschönt, Negatives verdrängt wird oder dass man sich mit der Vergangenheit nicht auseinandersetzen will. Aber natürlich haben wir nicht in völliger Tristesse gelebt, sondern auch viel Spaß und Freude gehabt. Ich habe sehr schöne Jahre gelebt und erlebt. Und – wir hatten eine ausgezeichnete Ausbildung.

Wie haben sich Ihre Träume von der freien Welt erfüllt?

Vom Leben in dieser Welt haben sich meine Vorstellungen erfüllt. Aber in dem Land, wie ich es kennengelernt hatte 1987 bis 1989, hat sich Vieles leider sehr zum Negativen verändert. Geradezu unerträglich ist für mich, dass jemand von seiner Arbeit nicht leben kann. Das gab es damals nicht. Als ich nach Westberlin kam, konnte jeder mit einem festen Job sich und seine Familie ernähren. Leiharbeit, Billiglöhne – das erschüttert mich schwer. Die soziale Marktwirtschaft, wenn sie sich denn wieder auf ihre Grundwerte besinnt, ist meiner Meinung nach die ultimative Antwort auf das abgewirtschaftete sozialistische Wirtschaftssystem.

Welches Bild haben Ihre Kinder von der DDR?

Sie haben die DDR vor allem durch mich erlebt. Bei uns war Politik immer ein Thema, und ich habe sie eingebunden. Auch heute reden wir noch viel darüber. Mein Sohn Sascha, der seit vielen in den USA lebt, erzählt den Menschen dort, sehr viel über die Zeit.

Und war erzählen Sie Ihrer Enkelin?

Jetzt noch gar nichts. Später werde ich ihr erklären, was eine Diktatur ist, was sie mit Menschen macht. Dass es bis 1989 zwei deutsche Staaten gab und eine Grenze Berlin teilte, das ist ja für sie soweit weg wie für meine Generation der Erste Weltkrieg. Der Zweite Weltkrieg hingegen ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. Ich fand es übrigens ganz toll, dass in diesem Jahr zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus auch die Helden der Blockade von Leningrad 1941-1944 eine Würdigung erfuhren. Ich finde es nicht gut, dass wir den 8. Mai, den Tag der Befreiung, nicht mehr begehen.

Sie haben Kindern in Simbabwe die Schulausbildung ermöglicht, unterstützen Aidswaisen – wo liegt die Motivation dafür?

Das kann ich nicht mal sagen. Ich hatte dieses Bedürfnis, zu helfen im Osten schon. Da habe ich in der Familie zu Weihnachten gesagt: Lasst uns doch mal auf Geschenke verzichten, und für „Brot für die Welt“ spenden. Diesen evangelischen Hilfsdienst gab es ja auch in der DDR. 1980 habe ich Pakete nach Polen geschickt, als es dort vielen Leute der Solidarność-Bewegung sehr schlecht ging. Das habe ich nicht nur aus politischen Gründen gemacht. Ich empfand einfach Freude dabei.

In Deutschland ist jedes 5. Kind arm. Engagieren Sie sich auch hier?

Ja, Claudia und ich unterstützen das Johannishilfswerk. Wir schauen sehr genau hin, wo wir uns einbringen. Viele Hilfsorganisationen verbrauchen 80 Prozent der Spendengelder für sich selbst. Und das finde ich schlimm.

Bedauern Sie eigentlich, mit der Frau Ihres Lebens kein Kind zu haben?

Nein, ich hatte vier Kinder, als wir uns kennenlernten, und ich wollte nicht mehr.

War die Liebe doch nicht groß genug?

Ich würde alles aus Liebe für Claudia tun. Wir arbeiten und reisen gern, und mit einem Kind muss man Kompromiss machen. Das wollte ich nicht mehr.

Sie sagten, 65 sei heute kein Alter. Aber die Zeichen des Alters nehmen zu. Würden Sie sich liften lassen, wie Schauspieler Winfried Glatzeder?

Wer das will, soll es tun. Für mich ist das kein Thema. Ich habe mit meinen grauen Haaren und meinen Falten kein Problem.

Wie eitel sind Sie?

Eine gewisse Eitelkeit braucht man als Schauspieler. Ich versuche, meine Figur zu halten. Und bin stolz, dass ich heute noch dieselbe Jeansgröße habe wie als 17-Jähriger. Damals bekam ich meine ersten Jeans – Levi’s aus dem Westen.

Und was tun Sie dafür?

Ich mache jeden zweiten Tag Sport. Wir essen bewusst, aber mit viel Genuss.

Was steht auf Ihrem Speiseplan?

Viel Gemüse, Fisch und Obst. Ich mag Seafood, Claudia bevorzugt den „reinen“ Fisch mehr Fleisch.

Wer bereitet das Essen zu?

Claudia, sie ist eine sehr gute Köchin, ich gehe ihr zu Hand und schmecke zum Schluss noch mal ab.

Teilen Sie sich auch die Hausarbeit?

Ja. Ich wasche, bügele, sauge Staub … nur eins hasse ich: Staubwischen.

Wie geht es bei Ihnen jetzt weiter?

Ich drehe auf dem „Traumschiff“. Wir fahren von Jakarta bis Singapur. Claudia wird mich begleiten, und wir werden an einigen Abenden mit unserem „Wilhelm Busch“ Programm auftreten. Im Anschluss  an die Dreharbeiten hängen wir zwei Wochen Urlaub dran. Aus Liebe zu Claudia werde ich mich 14 Tage in die „Sauna“ von Bali begeben. Ich liebe es kühler. 

Trotzdem gute Erholung.

Bärbel Beuchler
on 7. Juni 2017

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