Skip to main content
Rolf Hoppe
Y. Maecke/SUPERillu
Schauspieler Rolf Hoppe feiert 80. Geburtstag
Hoppe: Ich hatte viel Glück im Leben

Am 6. Dezember wurde Schauspieler Rolf Hoppe 80. Er wollte Clown werden und wurde ein Weltstar. SUPERillu traf den Mimen zu Hause in Weißig

Bärbel Beuchler
on 7. Juni 2017

Bei Millionen im Osten hinterließ er seit seiner ersten Schurkenrolle als Bashan im  DEFA-Indianerfilm „Spur des Falken“ 1968 einen bleibenden Eindruck. Der internationale Durchbruch im Westen kam mit Istváns Szabós Film „Mephisto“, in dem er brillant den Faschisten Göring verkörperte. Der Film bekam 1982 in Amerika den Oscar als beste ausländischer Film. Weit über 400 Rollen hat der Wahl-Dresdner in seinem Schauspielerleben gespielt und ist noch immer für hochkarätige Besetzungen gefragt. Er bekam 1998 den Grimme-Preis, 2008 den Preis der DEFA-Stiftung und in diesem Jahr wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Der Schnee hat den Hoppeschen Garten in einen Märchenwald verwandelt. Alles ist wie mit Puderzucker bestäubt. Rolf Hoppe steht einladend vor der Tür seines Blockhauses. Schon oft war ich hier, noch nie im Winter. Dass es diesmal so ist, liegt daran, dass der Schauspieler am 6. Dezember 80 Jahre alt wurde.

Ein langes Leben und ein langer Weg, den er an Theatern und vor Filmkameras zurückgelegt hat. Alles war dabei, wunderbare Höhepunkte wie die Rolle General Göring in Istvá Szabós „Mephisto“. Der Film erhielt 1982 den Oscar als bester ausländischer Film und machte den Wahl-Dresdner Hoppe schlagartig international bekannt. Gleich zwei Jahre später drehte er mit BRD-Regisseur Peter Schamoni „Fühlingssinfonie“.

Rolf Hoppe als König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“
Cinetext Bildarchiv

Kult: 1973 spielte er den König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“

Und wer erinnert sich nicht an seinen großartigen Humor als jiddisches Familienoberhaupt in der Kinokomödie „Alles auf Zucker“ mit Henry Hübchen und dem ARD-Film „So ein Schlamassel“ über das jüdische Leben heute. Oder an die Märchenfiguren wie den lebensnahen König in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“?

Das Leben brachte dem Sohn eines Bäckers aus Ellrich nicht nur Sonnenschein. Die schmerzliche Tiefen würde er gern missen, gesteht er beim Gespräch in seinem häuslichen Refugium. 1951 hatte er die Stimme verloren, weil er sich auf der Bühne überschrien hatte, und es war nicht sicher, ob er jemals wieder auf die Bühne kommt. Oder als er 1974 sein erstes Engagement in Berlin bekam und durch psychischen Stress und nach zwei Jahren so krank wurde, dass nicht mehr spielen konnte und zur Kur musste. In solchen Situationen erinnerte sich Rolf Hoppe der Worte seines Vaters: Der liebe Gott hat uns für die Mühseligkeiten des Lebens die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen geschenkt. Und so wurde für ihn wichtigste Erkenntnis, „dass der Mensch lachen, sich am Leben freuen muss.“

Das große Geburtstagsinterview mit Rolf Hoppe

Sie bereiten anderen Ihr Leben lang Freude. Worüber freuen Sie?

Dass sich die Leute noch für den Schauspieler Hoppe interessieren, zu dem alten Knacker ins Theaterchen kommen und jetzt seine schönste Weihnachtsgeschichte hören wollen. Ich erzähle von Engelchen und Tieren. Das ist meine größte Freude. Und dass noch so viele Menschen da sind, die mit mir arbeiten wollen, auch international. Das Leben macht mir einfach noch Spaß. Und das doch das Wichtigste. Ich bin dankbar und freue ich mich jeden Tag, dass ich die Vögel singen höre.

Sie sind in Ihrer Arbeit und Spielwut ja unermüdlich. Müssen Sie nicht Ihrem Alter ein bisschen Respekt zollen?

Man muss bescheidener werden, stimmt. Sich Pausen gönnen, zum Beispiel Mittagsschlaf machen. Aber ich kann nicht ohne Arbeit sein. Wenn ich hier zu Hause bin, muss ich im Garten buddeln. Es ist schon fast kein Platz mehr für Pflanzen.

Sie haben gerade einen Film abgedreht. „Niemandsland“ ist der Arbeitstitel. Was spielen Sie?

Einen Oberst der Staatssicherheit, der voller Hoffnung war und dem mit der Zeit seine Ideale abhanden kommen, aber er macht dennoch weiter. Tut Schlimmes. Er verführt zum Verrat. Der Regisseur, ein sehr liebenswürdiger und sehr kluger jungen Mann, Toke Constantin Hebbeln, war durch meine Rolle als Göring in „Mephisto“ auf mich gekommen. Und da hatte ich natürlich Angst, dass man den real existierenden Sozialismus und der Faschismus auf einer Ebene sieht. Das darf man auf keinen Fall, ich möchte das unterschiedlich behandelt wissen. Ich habe versucht, das so zu spielen, dass man nicht auf diesen Vergleich kommt.

Haben Sie solche Leute gekannt?

Ich kenne solche Leute, die gläubig waren und im Sozialismus Ideale sahen. Dass ihre Arbeit in dem Staat dann perfide wurde, böse, das wissen wir alle. Ich will aber, dass auch meine Kinder, die Nachgeborenen, wissen, wieso so etwas entstanden ist, wieso Menschen so gelebt haben, wieso Menschen in der DDR auch lachen konnten. Ich möchte nichts beschönigen, aber auch nicht plakativ, dumm spielen. Das ist der Reiz dieser Rolle für mich gewesen.

Durch Ihr gesamtes Leben zieht sich ein Satz: Ich bin immer dem Lachen nachgejagt. Was steckt dahinter?

Da wo ich aufgewachsen bin, in Ellrich, war das KZ-Mittelbau Dora, eins der brutalsten Arbeitslager. Dort hat man die V2-Raketen hergestellt. Der Zaun begann 500 Meter hinter meinem Vaterhaus. Tagtäglich haben die Schornsteine des Krematoriums geraucht. Natürlich ist das in mir drin, ganz tief. Nach dem Krieg habe ich dort aufräumen müssen und erst da eine Ahnung bekommen, was dort passiert ist. Das sind grauenvolle Bilder in meiner Erinnerung. Das sind Dinge, die ich gern vergessen möchte. Das Lachen war erstorben in unserem. Und ich war ein Junge, der wollte, dass die Menschen lachen. Dass sie wieder gern leben. Daher der Drang zum Clown werden, zum Lachen bringen. Und in der Antifa-Jugend konnte ich spielen und Freude verbreiten. Und die Freunde haben mich überredet, Schauspieler zu werden.

Das sind Sie seit über 60 Jahren. Ist alles in Ihrer Karriere so gelaufen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Ich habe mir meine Kinderträume erfüllen können. Der alte Pferdenarr Hoppe durfte mit Pferden arbeiten, reiten, Indianer und Trapper spielen, Ich habe das große Glück, dass ich durch meinen Beruf privilegiert war. Ich habe in der Nische der Kunst gearbeitet und wahrscheinlich immer als ein bisschen als Narr gegolten. Ich durfte in Italien, China, Japan arbeiten, überall in der Welt.

Wie hat das Ihre Familie erlebt?

Es ist eine ganz traurige Geschichte. Sie durfte nicht mit. Sie hätten mal die Augen der Kinder sehen sollen: Papi war schon wieder im Ausland, hat fremde Länder und fremde Menschen kennen gelernt. Ich habe mich gar nicht getraut, was zu erzählen, weil sie so traurig waren.

Sahen Sie Ihre Arbeit als Engagement, Veränderungen zu bewirken?

Ja, dazu habe ich gelebt. Wenn ich über das Lachen spreche, spreche ich immer über das Lachen, das zum Denken befreit und möglichst zum Fühlen. Deshalb bin ich beim Theater. Theater ist das, wo man Gefühle erzeugen kann, die einzige Kunstform, die dem Leben am nächsten steht. Natürlich wollte ich immer helfen, dass die Menschen klar denken können und bei sich bleiben, froh sind.

Rolf Hoppe mit der Goldenen Henne
J. Weyrich/SUPERillu

Stolz: Für sein Lebenswerk bekam er 2005 die Goldene Henne

Die Künstler in der DDR haben schon heftig Unzufriedenheit kundgetan. Wie haben Sie sich verhalten?
Ich konnte mich an solchen Gesprächen nicht beteiligen, weil ich privilegiert war. Ich weiß, dass es ganz schlimme Dinge gegeben hat. Aber ich kenne auch viele Menschen, die gelebt haben und glücklich waren in dieser Zeit. In einem Lügenstaat muss man sich einrichten. Ich bin von Natur aus ein Harmonisierer, um auf ihre Frage zu antworten. Ich will keine Aggressivität und tue dafür alles.

Haben Sie sich eingesperrt gefühlt?
Ja, manchmal schon. Wenn ich zu Hause bei den Eltern war. Ellrich war ja Grenzgebiet. Dass ich nicht in den Oberharz konnte. Das war schlimm für mich, weil ich als Kind mit Vater immer da gewandert bin. Und einmal wurde ich auf meiner Wiese verhaftet, weil ich keinen Ausweis dabei hatte. Ich habe Erdbeeren gepflanzt. Da kamen die Grenzer und ich hörte, wie durchgeladen wurde. Dann guckten mich die Jungs an: Ach, Herr Hoppe, wird hier gedreht? Trotzdem wurde ich abgeführt und mein Schulfreund Horst, der war ABVer holte mich raus.

Was prägte Sie am meisten?
Die Familie. Wenn man als Kind Menschen hat, die einen lieben, dann prägt das, und man weiß später, was man weitergeben muss.

Für Ihre Ferien mit Ihrer Familie wollten Sie auch die Rolle in „Mephisto“ nicht annehmen.

Ja, ich hatte den Mädchen versprochen, mit ihnen Ferien an der Ostsee zu machen. Da kam Regisseur István Szabó hierher nach Dresden und fragte: Wo wollen Sie mit Ihrer Familien in Budapest wohnen? Ihre Kinder können auf der Margarethen-Insel baden. Ein Teil der Dreharbeiten fand in Ungarn statt. An den Tagen, an denen ich nicht gedreht habe, durfte ich Trapper spielen für die Kinder, habe die Pferde in Kolchose gebracht (lacht). Das war der erste Familienurlaub im Ausland.

Sie sind seit 50 Jahren verheiratet. Was ist Ihr Rezept?

Achtung muss sein, aber nicht nur. Es ist auch die freundliche Hand, die Zärtlichkeit. Das wichtigste aber: Wer eine gute Ehe führen will, der erkennt seine Frau an als Chef der Familie. (lacht) Der Mann muss zurücktreten können, ein Leben ohne Konzessionen geht nicht.

Haben Sie schon mal daran gezweifelt, dass Sie den richtigen Beruf erwischt haben, weil Ihnen keiner was zutraut?

Natürlich. Aus solchen Tiefs haben mit meine Eltern geholfen. Sie haben immer gesagt: Junge, das Schwierigste ist nicht das Beginnen, und auch nicht das Aufhören. Das Schwierigste ist das Durchhalten im Leben. Und man muss, wenn man einen Weg gehen will, einfach Pausen machen. Durchhalten, das habe ich von meinem Vater. Das ist wahrscheinlich mein Charakter, weil ich so stur bin in manchen Dingen.

Sie sind jetzt 80. Beschäftigen Sie sich schon mit dem Ende des Lebens?

Ist doch klar, dass man sich Gedanken darüber macht, wenn man so ein oller Knacker ist wie ich bin. Aber wie er kommt, daran denke ich nicht. Vor diesen Gedanken habe ich Angst.

Hat das Alter was Angenehmes für Sie?

Die Verantwortung für die Familie drückt nicht mehr so, man kann entspannter sein.

Hat sich alles so entwickelt, wie Sie es dachten?

Natürlich nicht. Das hängt mit der Abhängigkeit von anderen zusammen. Ich bin ja immer noch auf der Suche nach dem Hoppe! Ich lerne immer noch gern Menschen kennen, hoffe immer noch auf Überraschungen im Leben. Ich wollte nie ein Star sein, ich wollte immer ein Schauspieler sein, gut arbeiten und durch meine Arbeit helfen, besser zu leben.

Bärbel Beuchler
on 7. Juni 2017

Das passt dazu...