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Die Band CITY
O. Blecker/Sony BMG
City-Musiker bei der Goldenen Henne 2004
SUPERillu
Dieter Birr und Fritz Puppel
U. Grünert
Autogrammkarte
privat
Krahl und Puppel am Berliner Ku’damm
privat
Rockband CITY
Unsere verrückte Karriere

Besuch bei den Kult-Rockern: Toni Krahl und Fritz Puppel sind die Seele von CITY. Hier ist ihre Erfolgsgeschichte

Redaktion
on 29. Mai 2017

Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Denkste. Hier gibt’s nur Dienst, Post und Kräutertee. Und zwar aus Pappbechern, denn auch Rocker über 50 waschen nicht gern ab. Das Büro von City. Am Schreibtisch: Toni Krahl. Der Sänger des Welterfolgs „Am Fenster“ hockt vor dem Computer, ruft Tabellen auf, druckt E-Mails aus. Kommt er etwa jeden Morgen pünktlich ins Büro - wie ein Angestellter der AOK? Bevor er antworten kann, sagt Fritz Puppel, der Gründer der Kult-Band: „Schön wär’s ...“ Und Krahl schiebt grinsend hinterher: „Mit Rufumleitung ist man ja ständig überall erreichbar.“ Zwei Legenden der Rockmusik, die (fast) jeden Tag brav ins Büro gehen - wer hätte das gedacht. Und wenn ihnen ein Veranstalter vor dem Konzert einen Kasten Bier hinstellt - „So, Jungs, zum Warmwerden“ -, dann kriegt er zu hören: „Nö, wir machen uns lieber einen Tee.“

Die Firma City

Eine ruhige Straße im Berliner Stadtteil Treptow. Nur wenige hundert Meter entfernt ist das russische Ehrenmal; in der Nähe ist Fritz Puppel aufgewachsen ist. City residiert in einem Wohnhaus aus der Gründerzeit, rechts unten. PR und Marketing, Musikverlag und Veranstaltungen. „Schon in der DDR“, sagt Fritz Puppel, „haben wir nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten gearbeitet. Musiker im Osten - das hieß erfindungsreich zu sein und halb kriminell. Das Instrumentarium war nur auf illegale Weise zu beschaffen. Die Musik, die wir gespielt haben, war auch kriminell, wir verstießen gegen die Verordnung 60/40 (höchstens 40 Prozent West-Musik). Bei den Abrechnungen wurden mehr Stunden aufgeschrieben, als gespielt worden waren, denn es wurde nach Stunden bezahlt. Es wurden Proben geschrieben, die nie stattgefunden hatten, es gab utopische Fahrtkostenabrechnungen. Wir haben alle Möglichkeiten der Schwindelei voll ausgeschöpft.“ Mit der Wiedervereinigung kam dann die echte Marktwirtschaft. „K&P Music“ (Krahl und Puppel) betreute Künstler wie André Herzberg und die Erfolgsband Keimzeit. Krahl: „Ich bin selbst mit dem Laster rumgefahren und habe Platten ausgeliefert.“

Im Stall mit Daniel Küblböck

„K&P“ gehörte mal zum Weltkonzern BMG (Bertelsmann Music Group). Krahl: „Die Berliner Abteilung war der kommerziellste Haufen überhaupt, betreute auch Modern Talking und Daniel Küblböck. Da passten wir nicht hin.“ Schade um die schönen Geschäftsführer-Gehälter. Jetzt betreuen Krahl und Puppel nur noch sich selbst. Doch allein die Rechte von „Am Fenster“ sind ein Vermögen wert. Und die besitzen sie - ganz für sich. Die Firma City bereitet gerade das Jubiläumskonzert der Band City am 30. März im Berliner Tempodrom vor. 35 Jahre besteht die Gruppe jetzt und ist ein Dauerbrenner wie die Rolling Stones oder die Puhdys. Eine Woche vorher erscheint ein neues Album, am Tag danach ein Buch. Beide heißen „Yeah! Yeah! Yeah!“ und arbeiten die Geschichte der Band ganz anders auf als gewohnt. Toni Krahl: „Es soll eine Klammer sein von den Anfängen der Rock- und Popkultur bis heute.“ Denn mit „Yeah, Yeah, Yeah“ begann der Siegeszug der Beatles - und der Ärger mit der Staatsmacht. Bei der ZK-Tagung 1965 sagte Walter Ulbricht: „Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des Jeh, Jeh, Jeh und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen ... Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?“ Ulbricht ist heute fast vergessen, City wird 35 und der Rock’n’Roll ist unsterblich. So kann man sich täuschen.

Toni im Knast, Vater ohne Job

Das Buch über City hat Christian Hentschel geschrieben, Chefredakteur der Musikzeitschrift „Melodie & Rhythmus“. Ein Kraftakt, der in vier Monaten bewältigt wurde. Doch er hat sich gelohnt: Alle fünf aktuellen Mitglieder erzählen ihre eigene Geschichte der Band. Und die heutige Sicht schafft eine Distanz zur Vergangenheit, die manches in neuem Licht erscheinen lässt. Toni Krahl schildert zum Beispiel, welche Folgen seine Verurteilung von 1968 hatte. Er wollte unter seinen Mitschülern eine Demonstration gegen den Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen in Prag organisieren und wurde wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu drei Jahren Haft verurteilt. Sein Vater verlor deswegen die Arbeit. Krahl: „Von der ganzen Clique bin ich mit dem Strafmaß am schlechtesten weggekommen. Es hat aber letztlich keine großen Auswirkungen gehabt. Wir - also jedenfalls die jungen Leute - sind alle nach einem Vierteljahr wieder entlassen worden, egal, wie hoch das Strafmaß war. Alle Strafen wurden ausgesetzt auf Bewährung.“ Sein Vater allerdings verlor seinen leitenden Posten bei der SED-Zeitung „Neues Deutschland“. Toni Krahl: „Das war natürlich eine Folge, die letztlich viel schwerwiegender war, weil er damit nichts zu tun hatte. Das war aber nie ein Konfliktgrund zwischen uns. Gott sei Dank ist es nie dazu gekommen, dass wir uns deshalb dramatisch gestritten haben. Mein Vater war empört. Er war ein Todfeind der Nazis, hatte gekämpft gegen das Regime, nicht nur protestiert. Er war Mitglied der Widerstandsgruppe „Herbert Baum“ und hat zwei Jahre Zuchthaus gekriegt. Und sein Sohn organisiert eine Demonstration, die nicht mal eine war - es sollte ja erst eine werden - und bekommt drei Jahre. Das ist ihm bitter aufgestoßen.“

Kampf um „Am Fenster“

Ebenfalls bekannt ist, dass Toni Krahls Vorgänger bei City, der aus Bulgarien stammende Sänger Emil Bogdanow, die Rechte an dem Hit „Am Fenster“ für sich allein beanspruchte und sogar heimlich eintragen ließ. Die Sache ging vor Gericht, man einigte sich ohne Urteil. Bogdanow war inzwischen nach Schweden geflüchtet, weil er in Bulgarien zum Militär eingezogen werden sollte. Nicht bekannt ist, dass die Band später zu Bogdanow in seine neue Heimat fuhr. Fritz Puppel erzählt die Geschichte: „Wir haben Anfang der 90er noch einmal Kontakt aufgenommen und ihn in Schweden besucht. Wir hatten überlegt, vielleicht was zusammen zu machen, aber das hat sich nicht als glücklich erwiesen. Er hatte keinen künstlerischen Weg mehr, der war mit City abgeschlossen.“ Immerhin nahm die Band noch einen von Bogdanow geschriebenen Song auf. Ein Hit wurde nicht daraus ...

City - Am Fenster, 1978

shaunandshem/Youtube

City in der schlimmsten Krise

Auch mit einem anderen Bandmitglied gab es Ärger. Es war die wohl schlimmste Krise von City. Beinahe wäre die Gruppe aufgelöst worden, und der mächtige Unterhaltungsapparat der DDR spielte das böse Spiel mit. Bassist Georgi Gogow, Spitzname „Joro“, und seine Frau Traudl, die Managerin, versuchten die Band in einer Zeit des künstlerischen Stillstands an sich zu reißen. Emil Bogdanow hatte seinen bulgarischen Landsmann in die Band geholt. Fritz Puppel: „Der Streit eskalierte, als Joro uns praktisch über Nacht aus der ganzen Sache herauskatapultieren wollte. Er wollte selbst City sein. Dieser Staatsstreich ist aber komplett missglückt.“ Die Sache ging sogar vor Gericht. Als Bulgare konnte Gogow nicht klagen, stattdessen versuchte es seine Frau. Toni Krahl: „Die Richterin sagte, dass sie die ganze Sachlage überhaupt nicht verstünde. Hier sehe sie City, da eine Frau Gogow. „Was wollen Sie denn eigentlich ...“, fragte sie Traudl, „ ... etwa City sein? Sie können doch gar keine Musik machen ...“ Damit war das Ding beendet.“ Erst viele Jahre später versöhnte sich die Band mit Joro bei einem Geschäftsgespräch über Lizenzen und Urheberrechte. Seitdem spielt er wieder bei City den Bass und bei „Am Fenster“ die Geige. In der Band-Hierarchie aber nur noch die zweite.

Der Hit wird zum Notfall

Ach ja, zu „Am Fenster“ weiß Toni Krahl auch noch eine nette Geschichte zu erzählen: „Wir hatten nach einigen Songs noch Zeit übrig und baten dann den Toningenieur oder Produzenten, uns noch schnell ein Demo aufnehmen zu lassen. Wir hatten „Am Fenster“ eingereicht als Demo, also als Proberaummitschnitt. AMIGA hatte es aber abgelehnt. Zu lang, nicht der richtige Sound. Wir waren uns aber ganz sicher, dass das an der Qualität der Aufnahme liegen müsse; der Song war im Konzert schon oft gelaufen und überaus gut angekommen.“ Sie konnten den Toningenieur überreden, eine neue Aufnahme zu machen. Toni Krahl: „Natürlich nicht mit 16-Spur-Band. Das war Goldstaub in der DDR, eine Rarität, das Bandmaterial wurde im Westen eingekauft. Also sind diese Bänder immer wieder mit neuen Aufnahmen überspielt worden. Daher gibt es kaum noch alte Mehrspurbänder. Remixe von alten DDR-Songs sind deshalb kaum möglich. Auch für uns wurde seinerzeit das 16-Spur-Band nicht hergegeben, wir durften auf einen Schnürsenkel aufnehmen, sprich: zwei Spuren. Aber was soll’s. Wir machten ein Soundbild und spielten drauflos in einem Ruck. Ohne zu synchronisieren oder nachzubessern, es wurde einfach durchgespielt, und das Lied war fertig. Der Produzent hat auf den Startknopf gedrückt und ist rausgegangen, eine Zigarette rauchen. Als er wieder reinkam, machte er stopp, und wir hatten die Aufnahme.“ Die hat City dann einem Freund beim Rundfunk gegeben. Krahl: „Der hat das Band gespielt und bekam daraufhin bergeweise Post. Als die Single dann veröffentlicht wurde, sind sie mit dem Pressen nicht mehr hinterhergekommen. Was noch viel schwieriger war, war der Druck der Hüllen. Papier war Mangelware und sie konnten auch nicht schnell genug drucken. Die Singles wurden dann einfach in neutralen Hüllen ausgeliefert.“ So improvisiert begann eine große Karriere ...

Redaktion
on 29. Mai 2017

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