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Prof. Dr. Thomas Müller
M. Kirsten/SUPERillu
Restless Legs
Endlich wieder ruhig schlafen

Kribbelnde, brennende Beine lassen viele Menschen nachts nicht zur Ruhe kommen. Welche Hilfe es gibt, erklärt Neurologe Prof. Thomas Müller

Redaktion
on 1. Juni 2017

Prof. Dr. Thomas Müller ist Chefarzt der Klinik für Neurologie am St. Joseph-Krankenhaus in Berlin. Seine Schwerpunkte: Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, insbesondere Morbus Parkinson, Multiple Sklerose und andere neurodegenerative Erkrankungen

Schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter unruhigen Beinen - dem Restless Legs Syndrom. Wie macht sich die Krankheit bemerkbar, Herr Professor Müller?

Patienten, die am Restless Legs Syndrom (RLS) leiden, berichten von quälenden Missempfindungen in den Beinen, von Kribbeln oder Brennen in der Tiefe, andere sprechen von elektrisierenden Schmerzen. Typisch ist, dass die Beschwerden abends im Ruhezustand und nachts auftreten und sich durch Aktivität bessern.

Stimmt es, dass die meisten RLS-Patienten wegen Schlafstörungen zum Arzt kommen?

Ja. Weil ihnen die ruhelosen Beine den Schlaf rauben, entsteht ein enormer Leidensdruck. Bei RLS-Patienten hat man im Schlaflabor mehr als 300 Beinbewegungen pro Nacht gemessen. Oft wachen die Betroffenen mehrmals auf und können nicht wieder einschlafen, weil sich der Bewegungsdrang nicht unterdrücken lässt. Viele stehen auf, duschen oder bürsten ihre Beine. Die meisten kriegen weniger als fünf Stunden Schlaf. Das führt zu Tagesmüdigkeit, Leistungsabfall, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen.

Was ist die Ursache des Restless Legs Syndroms?

Die genaue Ursache ist noch unklar. Lange vermutete man, dass eine Störung im Dopaminstoffwechsel eine Rolle spielt. Der Botenstoff ist an Schaltvorgängen im zentralen Nervensystem beteiligt. Inzwischen ist man auch einer genetischen Veranlagung auf die Spur gekommen. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut in München haben gerade ein neues Risiko-Gen für RLS entdeckt. Damit sind bisher vier Gene identifiziert, die das Risiko steigern, an RLS zu erkranken.

Heißt das, RLS ist vererbbar?

Ja. Bei der Hälfte der Betroffenen finden sich Angehörige, die unter ähnlichen Symptomen leiden. Frauen erkranken übrigens doppelt so oft wie Männer.

Spielt das Alter eine Rolle?

Bei manchen beginnen die Beschwerden schon um das zwanzigste Lebensjahr. Mit zunehmendem Alter nimmt die Intensität der Beschwerden oft zu. Es gibt dann nur noch selten leidensfreie Intervalle.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Zwei Drittel der Patienten leiden an einem sogenannten primären Restless Legs Syndrom, d. h. sie haben keine Grunderkrankungen wie z. B. Diabetes, die als Mitverursacher der „rastlosen Beine“ in Frage kämen. Bei ihnen stellt der Arzt die Diagnose aufgrund der Symptombeschreibung. Wenn die entsprechenden  Kriterien vorliegen, also Missempfindungen in den Beinen bei Ruhe und vor allem nachts sowie Linderung durch Bewegung, spricht das für ein Restless Legs Syndrom.

Schlafstörung
U. Grabowsky/photothek.net

Quälende Missempfindungen in den Beinen und ein unstillbarer Bewegunsgdrang rauben vielen Menschen den Schlaf

Welche anderen Erkrankungen kommen als Auslöser in Frage?

Bei dreißig Prozent der Patienten entwickeln sich die Beschwerden in Zusammenhang mit einer Grunderkrankung oder in der Schwangerschaft. Wir sprechen dann von der sekundären Form des Restless Legs Syndroms. Sie tritt z. B. bei Polyneuropathien auf, also beim langsamen Absterben der Nerven in den Beinen, wie es bei Diabetes der Fall sein kann. Aber auch bei Gefäßleiden, Eisenmangel und bei Nierenpatienten, die eine Dialyse brauchen, findet man RLS. Wird die Grunderkrankung therapiert, bessern sich oft auch die Missempfindungen in den Beinen.

Wie werden die ruhelosen Beine behandelt?

Bewährt haben sich dopaminartige Medikamente. Sie verschaffen den Patienten schnell Ruhe. Es ist immer wieder eine Freude, wenn ein Patient nach drei Tagen ausgeschlafen und glücklich in die Sprechstunde kommt.

Was sind das für Medikamente?

Lange waren Tabletten mit dem Wirkstoff Levodopa das einzige für RLS zugelassene Medikament. Der Wirkstoff wird im Körper in Dopamin verwandelt. Dieser Botenstoff wird gebraucht, um Befehle des Nervensystems an die Muskulatur weiterzugeben. Allerdings gewöhnt sich der Körper schnell an das Medikament. Man muss es immer höher dosieren. Schließlich treten die Symptome dann auch tagsüber auf.

Was kann man dann tun?

Spätestens jetzt sollte man sogenannte Dopamin-Agonisten geben, das sind Ersatzstoffe, die die Wirkung von Dopamin imitieren. Bei der Behandlung von mittleren bis schweren RLS gelten sie als Mittel der Wahl. Bei ihnen tritt kein Gewöhnungseffekt ein.

Muss man die Tabletten zeitlebens einnehmen?

Nein, viele Patienten haben auch beschwerdefreie Zeiten, in denen nach Absprache mit dem Arzt pausiert werden kann.

Zu welchem Arzt sollte man mit RLS-Beschwerden gehen?

Die Behandlung gehört in die Hand eines Neurologen. Schon deshalb, weil andere neurologische Erkrankungen ausgeschlossen werden sollten. Dazu macht der Facharzt u. a. Untersuchungen wie die Elektroneurographie, bei der die Nervenleitfähigkeit gemessen wird.

Was können Betroffene tun, um ihre Beschwerden zu lindern?

Sie sollten ihre Schlafgewohnheiten verbessern, d. h. für einen regelmäßigen Schlafrhythmus sorgen. Hilfreich ist auch Bewegung am Tag und eine verringerte Aktivität am Abend. Die Einnahme von Vitalstoffen wie Magnesium, Eisen, Vitamin C und B 12 verbessert das Befinden nur bei entsprechenden Mangelsymptomen.

Redaktion
on 1. Juni 2017

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