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Alt Rehse NAZI- Ärzteschule
SUPERillu
Erich Düwel vor seinem Haus
K.Nikola/SUPERillu
Alt Rehse
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Alt Rehse NVA Funkerbunker
K.Nikolai/SUPERillu
Alt Rehse Sporthalle
K.Nikolai/SUPERillu
Reportage
Das Erbe des Bösen

Alt Rehse am Tollensesee war ein Musterdorf der Nationalsozialisten, die hier die „Reichsärzteschule“ betrieb. Das Dorf fürchtet, Neonazis könnten sich ansiedeln.

Redaktion
on 13. Juni 2017

Alt Rehse am Tollensesee war ein Musterdorf der Nationalsozialisten. Viele Bewohner arbeiteten für das NS-Regime, das hier eine „Reichsärzteschule“ betrieb. Später baute die NVA geheime Bunker für den Kriegsfall. Nach Abzug der Bundeswehr befürchtet das Dorf nun, Neonazis könnten sich ansiedeln

Dies ist die Geschichte eines idyllisch gelegenen Ortes, den es in dieser Art mit diesen Facetten kein zweites Mal in Deutschland gibt. Alt Rehse ist ein mehr als 900 Jahre altes sagenumwobenes Slawendorf, war Standort der einzigen „NS-Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ und erlebte die Auswüchse des Nationalsozialismus hautnah mit. Diese Spuren sind heute noch sichtbar.

Das Dorf liegt am Westufer des von der Eiszeit geschaffenen Tollensesees bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Ort, wie geschaffen für Auszeiten, ein Blickfang für Liebhaber niederdeutschen Baustils. In der näheren Umgebung, so berichten historische Aufzeichnungen, soll die Hauptstadt aller slawischen Stämme mit Namen „Rethra“ gelegen haben. Diese Annahme bestimmte das Schicksal des Dorfes. Die Kultgläubigkeit leitender Nazis führte 1934 dazu, dass der NS-Staat das slawische Gutsdorf enteignete, das Schloss und den Park übernahm, sämtliche Häuser abriss und ab 1935 ein sogenanntes Musterdorf mit 22 Häusern im holsteinischen Fachwerkstil errichtete. Diese Bauart übertrug man auch auf die Gebäude in dem 65 Hektar großen Schlosspark, zäunte ihn ein und stellte das für die Dorfbewohner ab sofort unzugängliche Gelände unter den Wachschutz der SS.

„Was hier niemand ahnte“, erzählt Dorfbewohnerin Eva-Maria Kersten, „war, dass die Nazis im Schloss und den neu errichteten Gebäuden die Reichsärzteschule einrichten wollten.“ Die zierliche Frau betreibt eine Töpferschule im ehemaligen Wachhaus der SS am Eingang des Parks. Sie lebt mit einer Geschichte, die zwar nicht ihre ist, die aber jeden im Dorf noch heute beschäftigt. Rudolf Stich, ein gebürtiger Hesse und der Lebenspartner von Eva-Maria, besucht mit uns das Museum Alt Rehses, das auf sehr anschauliche Weise und umfangreich über das düstere Kapitel der NS-Herrschaft berichtet. Fotos und Archiv- material belegen, mit wieviel Energie NS-loyale Mediziner in der „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ in Euthanasie, Eugenik, Erbbiologie und Vernichtung angeblich unwerten Lebens ausgebildet wurden. Die Einsatzorte der Mediziner waren die Konzentrationslager in Deutschland und in den von den Nazis besetzten Gebieten. Rund 12 000 Ärzte und Hebammen erlernten hier bis 1943 die Umsetzung der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.

Wie lebt es sich in einem Dorf, das eine derartige Vergangenheit hat ?

Scheinbar ganz normal. Die Menschen, die wir dort kennenlernten, beschäftigen sich zwar mit dem Thema, aber empfinden keine Gewissenslast mehr.

Erich Düwel wohnt seit seiner Geburt in Alt Rehse. Er lebt im Haus mit Namen „Pommern im 4. Jahr“, das 1937 errichtet worden war. Zu der Bezeichnung kam es, weil die Nazis das Jahr 1933 als den Beginn einer neuen Zeitrechnung sahen. Es ist immer noch sehr schmuck, mit einem hübschen gepflegten Garten. Düwels Vater war Schmied und arbeitete für die Nationalsozialisten. Er sagt: „Viele Dörfler standen in deren Diensten. Wir kennen die Lasten der Vergangenheit und müssen mit ihnen leben.“ Bürgermeister Sven Flechner verweist darauf, dass Alt Rehse mit dem Museum „aktive Vergangenheitsbewältigung“ betreibe.

Doch das Schicksal des 360-Einwohner-Ortes prägte auch die Rote Armee.

Bei Kriegs- ende besetzen Truppen das Dorf. Für die Russen ist die Vergangenheit Alt Rehses so ungeheuerlich, dass der damalige Generalstabschef Schukow die Vernichtung des Dorfes, des Parks und aller Anlagen befiehlt. Doch dazu kommt es nicht.

Stattdessen entsteht 1948 ein Kinderwaisenlager, das aber gerade mal zwei Jahre existiert. 1955 rücken die NVA und das MfS aufgrund der exponierten Lage des Dorfes und seiner Geschichte ein. „Erich Mielke soll hier rauschende Feste gefeiert haben“, sagt Erich Düwel. 25 mit Starkstromzäunen umfriedete Bunkeranlagen entstehen für den Kriegsfall.

Im Oktober 1990 übernimmt die Bundeswehr die Lasten und verwehrt der Öffentlichkeit bis 1998 weitgehend den Zutritt zum Park. Es sollte bis 2005 dauern, bis das Bundesvermögensamt den Park mit Schloss und Gebäuden öffentlich ausschreibt und an einen Interessenten aus Bayern versteigert. Doch der will jetzt verkaufen.„Sicher mit erheblichem Gewinn“, mutmaßt Dorfkenner Rudolf Stich. Er hat schon mehrere Interessenten kommen und gehen sehen.

Für Sven Flechner, den Bürgermeister, ist eine heikle Zeit angebrochen. Er fürchtet, dass Neonazis über Strohmänner versuchen könnten, die Gebäude der NS-Ärzteschule samt Sporthalle und Schloss zu erwerben. „Wir dürfen es nicht riskieren, dass hier eine Art Wallfahrtsstätte entsteht“, sagt Flechner. Und Töpferin Eva-Maria Kersten erzählt, dass „hier immer wieder Typen auftauchen, die wir als Neonazis identifizieren konnten“.

Für den Besitzer von „Haus Pommern“, Erich Düwel, hat Alt Rehse noch aufregende Zeiten vor sich.„Die Geschichte des Dorfes, sagt er vieldeutig, ist noch lange nicht zu Ende erzählt.“

Redaktion
on 13. Juni 2017

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