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Spuk unters Riesenrad
Icestorm
Start der neuen DVD-Reihe
Wie der Spuk unters Riesenrad kam

Die neue SUPERillu-DVD-Edition „Kultkino“ startet mit einem Kracher: „Spuk unterm Riesenrad“, der erfolgreichsten Familienserie im DDR-Fernsehen.

Redaktion
on 16. Juni 2017

In dieser und den nächsten Ausgaben erzählt der Regisseur Günter Meyer, wie er als Erwachsener die Abenteuer, die er als Kind gern erlebt hätte, verfilmte.

Das Riesenrad bewegt sich nur noch, wenn der Wind kräftig bläst. Die Geisterbahn, in der die Hexe, der Riese und Rumpelstilzchen als Schreckgespenster standen, gibt es nicht mehr. Das Tor, durch das zu DDR-Zeiten Millionen Kinder mit Eltern oder Großeltern in den Vergnügungspark am Plän terwald strömten, ist verschlossen. Ein Sicherheitsbeamter öffnet. Nach über 35 Jahren kehren Regisseur Günter Meyer, der „Riese“ Stefan Lisewski und die Filmkinder Keks und Tammi - Katrin Raukopf und Henning Lehmbäcker – an den Ort zurück, wo 1977 die beliebteste Serie des DDR-Fernsehens ihren Anfang nahm. Selbstverständlich war auch Schauspielerin Katja Paryla, die in der Serie die Hexe spielte, zu dem Treffen eingeladen. Doch ihre Erkrankung hinderte sie daran. Am 25. August erlag sie ihrer Krebs­­erkrankung.

Eine Tarnkappe und das Tischleindeckdich – wenn ich als Kind die berühmten drei Wünsche an eine Fee frei gehabt hätte, wären das die ersten beiden gewesen. Als dritter wäre vielleicht ein fliegender Teppich oder ein anderes Zaubervehikel zur Überwindung von Raum und Zeit dazugekommen. Mit den Jahren wird man genügsamer, was die Wünsche angeht. Aber die bunten Bilder der Traumwelten begleiten uns weiter. Ich war 30, als die fantastischen Abenteuer meiner Kinderträume plötzlich Wirklichkeit werden sollten.

Gruseln und Lachen. Die Eintrittskarte in die herrlich bunte Märchenwelt war ein Regieangebot für eine siebenteilige Serie des DDR-Kinderfernsehens. Im Szenarium von C. U. Wiesner, einem Starautor des „Eulenspiegel“, fand ich all die Zutaten, die einen wirkungsvollen Familienfilm ausmachen: Eine spannende, aber einfach gebaute Story, drei sympathische Kinderfiguren mit witzigen Sprüchen, drei Märchengestalten, die das Hier und Heute ordentlich durcheinander wirbeln. Und natürlich Geheimgänge und Verliese auf einer alten Burg, Zaubertricks und Spukszenen. Dabei wurden unheimliche Vorgänge immer wieder durch Gags aufgefangen. Auf Gruseliges folgte immer wieder befreiendes Lachen. Ein Hauch von Ironie lag über der Erzählung. Das kam meiner Auffassung von Filmen für Kinder absolut entgegen.

In der Geisterbahn. Die Geschichte geht so: Die drei Kinder Umbo (12), Tammi (10) und Keks (8) helfen in den Ferien in der Geisterbahn der Großeltern mit. Und sie machen allerlei Unsinn. Bei einer Schlacht mit ungenießbarem Grießbrei, Keks hatte ihn anbrennen lassen, werden drei Geisterbahnfiguren – Riese, Hexe und Rumpelstilzchen – über und über bekleckert. Als die Kinder die Puppen in der Spree säubern wollen, erwachen die drei Geister und fliehen mit Ruderboot, Bus, Rolltreppe und U-Bahn quer durch Berlin. Im Centrum Warenhaus am Alex erbeuten sie als Ersatz für einen fehlenden Hexenbesen einen Staubsauger, fliegen damit zu einer einsamen Burg im Harz, um dort ein eigenes Königreich zu gründen. Die Kinder verfolgen das Trio und erleben dabei unglaubliche Abenteuer. Mehr will ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

Frisch gestrichen. Nach fast anderthalbjähriger Produktionszeit wurde die Serie ab 1. Januar 1979 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Sendetermine waren toll: sonnabends zur besten Kaffeezeit. Doch was war das? In der Fernsehzeitschrift „FF dabei“ wurde für den 6. Januar die Folge 2 und für den 13. die Folge 4 angekündigt – wo war die 3? Ein Druckfehler? Nein, Absicht. Das Fernsehen hatte die Folge 3 gestrichen – aus Rücksicht auf die politische Lage! Auf den Grund wäre ich nie von allein gekommen. Die Fleisch- und Wurstversorgung in der Republik sei im Augenblick nicht stabil, erklärte mir der Chefdramaturg. Und in dieser Folge landen Riese, Hexe und Rumpelstilzchen bei ihrer Flucht am Fleischstand des Warenhauses. Der Riese belädt sich mit Würsten und Speck und nimmt Reißaus. Dabei verliert er auch noch zwei Wurstringe, die eine lange Treppe hinunterhüpfen. Und das, erfuhr ich, geht gar nicht! Eine Anordnung von oben, da
könne man nichts machen. Völlig geschafft rief ich beim Autor C. U. Wiesner an. Der erregte sich furcht bar, hatte dann aber eine Idee. Bei einer Lesung hatte er einen Genossen aus der Kulturabteilung des SED-Zentralkomitees getroffen und sich dessen Telefonnummer notiert.
Wiesners Intervention hatte Erfolg. Wir erhielten plötzlich die Mitteilung, dass aus bekannten Gründen eine Kürzung der Folge 3 vorgenommen werden müsse, der Teil dann aber pünktlich am 13. 1. ausgestrahlt werde. Ein paar Tage vor der Sendung trafen wir uns nachts im Schneideraum, sahen die Szenen an. Damals war die Technik noch nicht so weit entwickelt wie heute, die Serie war auf 35-mm-ORWO-Farbfilm gedreht. Ein Schnitt in der Filmfassung hätte die Szene für immer zerstört. Das wollten wir nicht. Mit Glück und mit Rückenwind jenes ZK-Genossen setzten wir durch, dass die Folge 3 auf ein MAZ-Band, ein elektronisches Medium, kopiert wird. Die Schnitte wurden auf dem Sendeband gemacht. Fünf oder sechs Einstellungen wurden entfernt, vor allem die kullernden Würste. Uns war das egal, Hauptsache, der Film wurde ausgestrahlt und die Zuschauer merkten nicht, dass etwas fehlt. Die Folgen waren ja ohnehin voller ironischer Anspielungen auf den DDR-Alltag. So, als die drei Geister erstmals Bananen sahen und sie mit Schale essen wollten. Heute mag man das kaum so wahrnehmen, aber fürs Publikum waren das damals Brüller. Die Pointe der Geschichte: Bei der ersten Wiederholung der Serie waren die MAZ-Bänder, die damals noch knapp waren, längst überspielt. Im Fernsehen und auch im Kino lief unser Film von da ab in der Urfassung – mit vollem Fleischstand und kullernden Würsten. Und keinem fiel es auf.

Redaktion
on 16. Juni 2017

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