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Ray Garvey von Reamonn
M. Handelmann/SUPERillu
Reamonn
„Wir klingen so, wie wir immer wollten, dass Reamonn klingen soll“

„Through the Eyes of a Child“ heißt die aktuelle Single, das dazugehörige neue Studio-Album heißt wie die Band: „Reamonn“! Alle Lieder darauf sind potentielle Single-Hits, meint Frontmann Ray Garvey im Interview mit SUPERillu-Redakteurin Victoria Teichert

Redaktion
on 7. Juni 2017

Auf Eurer neuen CD „Reamonn“ ist ein hitverdächtiger Song nach dem anderen. Besonders gefallen hat mir „Moments like this“ …

Da befindest Du Dich in guter Gesellschaft: Das ist auch das Lieblingslied von Til Schweiger! Er wollte es sofort für seinen neuen Film – das hat aber leider zeitlich nicht mehr geklappt. Es ist das schnellste Lied, das wir je geschrieben haben, und ich freue mich schon darauf, es live zu spielen.

Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis die Platte fertig war. Zufrieden mit dem Ergebnis?

Wir haben sehr viel Energie und Herzblut in diese Platte gesteckt. Aber wir waren sehr wählerisch! Und so hat es ewig gedauert, bis wir dort angekommen waren, wo wir hin wollten. Wir haben uns zwischenzeitlich sogar richtig in die Haare gekriegt, weil wir fertig werden wollten, das Ende aber nicht absehbar war. Es war wie auf diesen endlosen Highways in Amerika: Du fährst und fährst und fährst – und irgendwann biegst du einmal links ab und bist in Las Vegas (lacht)! Jetzt sind wir sehr zufrieden: Wir klingen so, wie wir immer wollten, dass Reamonn klingen soll. Und der Anspruch unseres Produzenten, jedes Lied müsse eine Single sein können, den haben wir, denke ich, erfüllt.

Du bist Ire, hast eine deutsche Frau. Wo lebst Du zur Zeit eigentlich?

Ich lebe in Frankfurt am Main, in Berlin und auch noch ein bisschen in Irland. Und wenn wir auf Tour sind, dann sagen wir: „Ich geh’ nach Hause“, wenn wir ins Hotel gehen …

Was gefällt Dir an Deutschland?

Auch wenn die Deutschen es selber nicht glauben: Sie sind ein sehr warmherziges Volk! Das stimmt! Und ich liebe die Deutschen für ihre Liebe zur Musik: Die Musikszene hier ist toll, jede Band auf der Welt will in Deutschland spielen! Außerdem mag ich es, wenn Dinge einfach funktionieren – und Deutschland funktioniert. An Irland liebe ich dafür genau das Gegenteil: Manchmal kommt der Bus einfach nicht – und dann hört man: „Hey, Tony ist krank“ – der Busfahrer … (lacht).

Was ist das Besondere an Berlin?

Berlin hat den Charakter, den die meisten Weltstädte verloren haben. Berlin hat immer noch diese Elemente von Chaos und Untergrund, die man in London oder New York nicht mehr findet. Wir waren drei Monate hier, und ich habe tolle Ecken entdeckt, Straßencafes mit Musikern aus aller Welt, kleine Läden, interessante Typen … Berlin hat sehr viel kreative Energie: Bei einem Italiener in der Oranienstraße haben wir das ganze Album geschrieben! Und ich liebe es auch, dass man hier ein Bier trinken gehen kann, ohne am Ende das Gefühl zu haben, seinen halben Monatslohn dafür ausgegeben zu haben.

Und was magst Du an Berlin weniger?

Das, was allen auf die Nerven geht: Zum Beispiel das Verkehrschaos, das dich manchmal auffrisst. Du fragst dich: „Warum kann dieser Typ da parken? Das ist in der Mitte von der verdammten Straße! Nur weil Du einen Blinker gesetzt hast, heißt das nicht, dass das ein Parkplatz ist!“ (lacht) Dann aber wieder liebe ich die Polizisten, die dafür totales Verständnis haben.

Kanntest Du Berlin schon vor Deiner Zeit bei Reamonn?

Ja, schon vor zwölf Jahren war ich mit einer irischen Kapelle in Deutschland unterwegs. Damals war Berlin noch ganz anders: Da gab es Wohnungen ohne Wände! Oder diese WG irgendwo in Prenzlauer Berg: Um rein zu kommen, musstest du Künstler sein, und um akzeptiert zu werden, musstest du eine Skulptur schaffen im Hinterhof! Damals habe ich mich oft gefragt: Wo bin ich hier gelandet? Aber um sich als Künstler selbst zu finden war und ist Berlin einfach der beste Platz. Immer, wenn ich weg bin, vermisse ich die Stadt – und bin aber genauso froh, wenn ich mal rauskomme.

Kennst Du eigentlich auch den Osten Deutschlands?

Absolut! Schon mit meiner irischen Kapelle bin ich in ostdeutschen Städten aufgetreten. Und mein erstes FKK-Erlebnis war in Greifswald: Wir waren fünf Iren – und sind am ersten Abend mit einem Kasten Bier an diesen Baggersee gefahren. Es war total schön. Also sind wir am nächsten Tag mit dem nächsten Kasten Bier wiedergekommen – und jetzt waren um uns herum alle Leute nackt! Auch die Menschen, mit denen wir am Abend vorher in der Mensa gegessen hatten! Wir waren sprachlos! Irgendwann haben wir dann beschlossen, dass wir mitmachen. Ich erinnere mich: Fünf Iren, die sich jahrelang kannten, hatten Hemmungen, sich voreinander auszuziehen (lacht)! Eine tolle Erfahrung!

Noch mehr Erinnerungen?

Auf unserer Irische-Kneipen-Tour mit Reamonn sind wir bewusst auch in kleine Dörfer gegangen. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht – aber nach 36 Kneipen war ich echt todkrank: Wir hatten eine Drinkliste mit Getränken, die wir nach jeder Show trinken wollten: Die war irgendwann gegen Ende der Tour ganze zwei Seiten lang (lacht)!

Und? Gute Stimmung?

Wahnsinn! Teilweise waren die Kneipen relativ klein – und draußen standen 1000 Leute auf der Straße! Dann haben wir einfach Boxen rausgestellt und weitergespielt. Meine Rede ans Publikum ging immer so: „Wisst ihr, was ihr hier habt, was kein anderer hat?“ Antwort: „Nein, was?“ „Euer eigenes Bier!“ Hey, das stimmt! In Zwickau zum Beispiel heißt das regionale Bier Mauritius – und das ist nicht mal blaugrün … Das Publikum fand das immer super! Und wenn es doch mal eine so kleine Stadt war, dass es dort kein eigenes Bier gab, hab’ ich gesagt: „Wisst ihr, was ihr habt, was kein anderer hat? Eure eigene Fußballmannschaft“ (lacht)! In Senftenberg war es dann tatsächlich einmal so, dass es beides nicht gab – und ich dachte: Alter Schwede, hier zu leben ist sicher nicht einfach. Aber dort waren die Menschen die Attraktion: Das Publikum war einfach genial!

Hast Du je die DDR besucht?

Leider nicht! Aber die Zeit hat mich sehr interessiert: Ich hatte mal eine Freundin aus Frankfurt an der Oder – das ist schon lange her. Sie habe ich gebeten, mir von ihrem Leben zu erzählen, wie es war, in der DDR groß zu werden. Und es war spannend zu erfahren, dass sie ebenso schöne Kindheitserinnerungen hatte, wie ich selbst.

Du bist glücklich vergeben und Vater einer Tochter. Was bedeutet Deine Familie für Dich?

Familie bedeutet mir alles, sie ist die Basis meines Lebens. Auch die Familie, aus der ich komme, hat mir immer schon Halt gegeben. Egal, wo ich war: ich wusste, ich habe meine Eltern und sieben Schwestern, die hinter mir stehen. In meinem Leben habe ich für mich nur um zwei Dinge gebeten: mit meiner Musik Erfolg haben zu können und die große Liebe zu finden. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass beides eingetreten ist.

War es schwer, die „Richtige“ zu finden?

Ich hatte wahnsinnig viele Beziehungen in meinem Leben. Mit 18 habe ich Sex entdeckt – von da an erst einmal meine erklärte Lieblingsbeschäftigung! Ich dachte nur: Lass es uns so oft machen, wie nur möglich (lacht)! Später wollte ich dazu auch noch eine Frau, auf die ich im Leben zählen kann, mit der ich mir etwas zu sagen habe. Und meine große Liebe ist eine Knallerfrau! Dann kam unsere Tochter dazu – und dann bist du wirklich total verkauft! Ein Stein um den Hals, den du mit Freuden trägst!

Die zweite große Liebe?

Anders. Ein Freund hat mir mal geschrieben, nachdem er Vater geworden war: Erst jetzt weiß ich, was wahre Liebe ist! Daraufhin habe ich ihm zurück geschrieben: Zeig bloß deiner Frau diese Email nicht (lacht)! Ich liebe meine Frau, und ich liebe sie dafür, dass sie mir dieses Kind geschenkt hat. Das ist eine zusätzliche Liebe.

Deine Tipps für eine gute Beziehung?

Liebe ändert sich täglich, und man muss dafür sorgen, dass sie gesund bleibt. Ich glaube, der einzige Unterschied zwischen Männern und Tieren ist eine einzige Zelle im Gehirn, die dir sagt, was richtig und was falsch ist. Wenn mir Männer erzählen: „Die Hormone sind mit mir durchgegangen, ich kann nichts dafür!“ – dann sage ich: doch! Trotzdem: Wir Männer sind blöd. Frauen sollten akzeptieren, dass Männer Fehler machen und uns am besten den Weg zeigen: manchmal checken wir Sachen nicht. Männer müssen begreifen, dass sie nicht alles wissen. Und manchmal ist das, was wir denken, auch das, was wir sagen sollten. Denn Frauen können keine Gedanken lesen. Das Schönste im Leben ist, wenn man die richtige Frau gefunden hat – und dann muss man auch dafür sorgen, dass man sie behält.

Seit zehn Jahren ist Reamonn zusammen. Wie versteht ihr euch denn in der Band nach dieser langen Zeit?

Immer noch sehr gut! Aber man setzt neue Prioritäten, entwickelt sich unterschiedlich weiter. All die Jahre haben wir konstant gearbeitet: Songs geschrieben, Studio, Tour, Songs geschrieben, Studio, Tour – immer so weiter. Da muss auch mal eine Veränderung her. Es ist sicher nicht für jeden einfach, wenn Dinge sich ändern – aber sie ändern sich nun mal … Und so freuen wir uns, wenn diese Platte vorbei ist, alle auf eine Pause.

Das klingt ja fast schon nach Trennung!

Nein, keine Angst! Nur eine Pause. Aber natürlich wollen wir jetzt erst einmal diese Platte und die Tour genießen, die Musik in die Welt hinaus tragen und schauen, wie sie ankommt! Und wenn die CD Erfolg hat, dann wird die Tour sicher etwa zwei Jahre gehen. Und erst danach gönnen wir uns eine Pause, um mal unser Privatleben zu genießen, Luft zu holen.

Redaktion
on 7. Juni 2017

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