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Musikertreff City, Karat, Puhdys in der Püttbude
F. Zauritz/SUPERillu
Rocklegenden des Ostens
Die kleine Kneipe am Ende von Rahnsdorf

In der Püttbaude von Birgit und Frank Flöter sitzen die Rocklegenden des Ostens regelmäßig beim Bierchen zusammen, spielen Karten und reden über das Leben

Redaktion
on 24. Mai 2017

Maschine lugt seinem Bandkollegen Quaster mal kurz in die Karten, und während die beiden Puhdys-Stars mit Silly-Gitarrist Jäckie Reznicek eine Runde Skat klopfen, plaudern City-Legende Fritz Puppel, Karat-Sänger Claudius Dreilich und Werther Lohse von Lift über die Ergebnisse der Berlin-Wahl. Puhdys-Bassist Bimbo bestellt noch ein Bier, und es dauert nicht lange, da stimmt die Runde ein Lied an: Sugar-Sugar-Baby, oh-oh, Sugar-Sugar-Baby, mmhh, sei doch lieb zu mir ...

 

Acht gut gelaunte Musiker sitzen am Tisch - ihrem Stammtisch - die alle ein Stück Ostrockgeschichte geschrieben haben und seit Jahren, gar Jahrzehnten auf der Bühne stehen. Erfolgreich im Osten und später im Westen. Und die nicht nur ihre Leidenschaft für die Musik verbindet, sondern auch eine herzliche Bekanntschaft oder Freundschaft.

 

Heimat. Es ist Montag, und sie alle sind privat hier, in der kleinen gemütlich-rustikalen Kneipe am Waldrand. Denn Rahnsdorf ist ihre Heimat. Sechs aus der Rockerrunde wohnen hier, viele andere Künstler auch. Maschine und Fritz Puppel leben in Nachbarorten.

 

Leibspeisen. Birgits Bratkartoffeln sind unschlagbar, schwärmt Claudius Dreilich. Die sind nicht einfach aus der Tüte, sondern frisch geschält. Quaster mag sie am liebsten ganz kross gebraten, fast verbrannt. Werther Lohse isst lieber Gulasch mit Nudeln und Puhdys-Drummer Klaus Scharfschwerdt, der gleich um die Ecke wohnt, mag Salat mit Hühnerbrust.

 

Freundschaften. Die Rockmusiker treffen sich spontan immer wieder hier. Selten in so großer Runde, mal zu zweit, wie Quaster und Claudius, die gut befreundet sind. Oder mit ihren Frauen, wie Maschine und Fritz Puppel, die sich schon seit mehr als 50 Jahren kennen. „Kannst du schon E-Dur“, fragte ich Fritz damals im Jugendclub, erzählt Maschine. Später spielten sie dann als 'The Lunics' im Treptower Twistkeller zusammen Stones- und Beatlessongs. Unseren Erfolg maßen wir an den Schlangen vor der Clubtür.

 

Meistens sitzen die Rocker - wie an diesem Tag - am Stammtisch im Raucherzimmer, auch wenn viele gar nicht mehr rauchen. Die Atmosphäre erinnert mich an Südtirol, die Alpen und Urlaub, sagt Klaus Scharfschwerdt. Die Püttbaude ist sein zweites Wohnzimmer. Hier treffe ich immer nette Leute, oder eben Kollegen. Das ist auch für Jäckie Reznicek ein Grund, in der Baude einzukehren. Ich komme meistens mit dem Rad, wie Werther und Bimbo auch, und im Winter mit den Langläufern.

Musikertreff von Puhdys, City, Karat and Silly
F. Zauritz

Musik im Blut: Werther Lohse greift in die Tasten, Fritz Puppel stimmt die Gitarre an. Häufig musizieren die Rocker spontan in der Baude

Gewohnheiten. Maschine bestellt ein Überlappungsbier, wie er selbst es nennt. Wenn sein Glas nur noch halb voll ist, ordert er immer schon ein neues, damit es nie leer wird, erklärt Wirtin Birgit schmunzelnd im Vorbeigehen. Seine Currywurst mit Pommes hat der Puhdys-Chef schon gleich nach seiner Ankuft verputzt. Ich rufe meistens bei Frank an, wenn ich unterwegs bin, sagt Maschine. Dann ist die Wurst schon fertig, wenn ich ankomme. Der fünfte im Puhdys-Bunde, Peter Eingehängt Meyer, auch ein Rahnsdorfer, fehlt an diesem Tag. Er war gerade Sonntag da und hat sich wieder sein Schnitzel mit Spargel und Kräuterbutter geholt. Das macht er oft, sagt die Wirtin.

 

Freizeit. Frank und Birgit Flöter, die die Gaststätte vor knapp 20 Jahren übernommen haben, unternehmen mit einigen der Musiker auch in der Freizeit etwas. Mit Quaster und Klaus Scharfschwerdt feiern sie runde Geburtstage und mit Werther Lohse fahren sie ab und zu nach Österreich zum Skifahren. Bei Sängerin Gaby Rades (Gerda aus Hoyerswerda) waren sie Trauzeugen, und Quaster hat zur Hochzeit unseres Sohnes ein Liebeslied gesungen, erzählt Frank.

 

Gäste. Doch das Wirtepaar legt Wert darauf, dass die Püttbaude keineswegs nur die Kneipe der Ostrocker ist. Wir haben ganz viele unterschiedliche tolle Gäste, sagt Birgit. Das Schöne ist gerade, dass das so harmoniert. Oft sitzt etwa Werther Lohse mit einem Freund am großen ovalen Stammtisch, und drei neue Gäste setzen sich mit einem Klopfen auf das Holz mit ran. Man kommt ins Gespräch - über den Papstbesuch, die Flugrouten, die vielen Baustellen in der Stadt, das Leben und die Liebe. Viele kennen sich auch. Da ist Jörg, der Inhaber eines Fotoladens. René, der ein Kaufhaus leitet. Uli, der Anwalt und später kommt noch Musiker Jochen Gleichmann, 70, meistens nach der Sauna. Er wohnt auch in Rahnsdorf und ist Stammgast der ersten Stunde, sagt die Wirtin. Jochen spielt seit den 60er -Jahren in wechselnden Bands (SOK, Modern Soul), vor allem Trompete. Ich kenne kein Buch über Ostrock, in dem er nicht erwähnt wird, sagt Klaus Scharfschwerdt.

Musikertreff von Puhdys, City, Karat and Silly
F. Zauritz

Freundschaften: Die Rockmusiker treffen sich spontan immer wieder hier

Erinnerungen. Beim Zusammensitzen am Montag werden Erinnerungen wach: Wir haben schon Andys Jugendweihe (Maschines Sohn, d. Red.) hier gefeiert, erzählt Maschine, die letzte Ostmark auf den Kopp gehauen und nach Puhdys-Konzerten in Berlin öfter mal die Nacht durchgemacht. Und Quaster erinnert sich: Eines meiner ersten Dates mit meiner vierten Frau Liane fand 1993 hier statt. In dem Fall aber eher unfreiwillig. Denn eigentlich wollte ich Liane vom Bahnhof abholen, um dann irgendwo mit ihr richtig schön auszugehen. Doch ich war an diesem Tag mit Lippi (Wolfgang Lippert, d. Red.) im Auto unterwegs. Und der wollte unbedingt noch zu der Bootsausstellung am Funkturm. Ich scharrte mit den Füßen und sagte' „man, ich bin mit einer tollen Frau verabredet.“ Es nützte nichts. Also rief ich Liane an, sagte ihr, dass ich später komme, ließ sie vom Bahnhof abholen und in die Püttbaude bringen. Dort wartete sie mindestens zwei Stunden auf mich. Ich hätte es also fast vermasselt. Gerade haben Liane und Quaster in der Baude ihr 19jähriges Beziehungsjubiläum gefeiert ...

 

Konkurrenz? Man erzählt von früher, aber man spricht auch über bevorstehende Konzerte und Tourneen. Konkurrenzdenken? Es wird still am Stammtisch. Natürlich will jeder der Beste sein, sagt Maschine. Und Fritz Puppel gesteht: Wenn die anderen 'nen tollen Hit landen, denke ich manchmal: Das hätte mir eigentlich auch einfallen können. Der Ehrgeiz ist schon da, wie beim Sport. Aber eben auch der Zusammenhalt. Und der ist bei den Ostmusikern wirklich herzlich, sagt Maschine. Wir waren zum Beispiel die ersten, die Karat gratuliert haben, als sie wieder durchgestartet sind. Was uns alle verbindet, ist einfach der Spaß am Musizieren, sagt Fritz Puppel. Und der ist da, wie am ersten Tag. Die Gitarrenklänge, der Sound – das ist einfach unbeschreiblich. Oft werden wir gefragt, wie man Rockstar wird. 'Einfach nie aufhören', sage ich dann ...

 

Und warum wohnen so viele Rocker in Rahnsdorf? Der östlichste Ortsteil Berlins (Bezirk Treptow-Köpenick) liegt wunderschön im Grünen am Müggelsee, dem größten See der Hauptstadt. In dem ehemaligen Fischerdorf gibt es mehrere kleine Villenkolonien und Einfamilienhaus-Siedlungen. In den 70er- und 80er-Jahren zog es viele Ost-Künstler nach Berlin. Sie kannten alle den Berliner Konzertmanager Klaus Schulz, der zu DDR-Zeiten ausgezeichnete Kontakte hatte. Er betätigte sich als Hobbymakler in Rahnsdorf und Umgebung. So kam es, dass die meisten Künstler damals in Rahnsdorf ein Haus von Millionen-Schulz, wie sein Spitzname lautete, gekauft haben. Neben den im Text Genannten wohnen auch Karat-Gründer Henning Protzmann, Martin Schreier (Stern Combo Meißen), Moderator Jürgen Karney, Regina Thoss, Jürgen Erbe u.v.a. Künstler dort. Zu DDR-Zeiten wurde Rahnsdorf deshalb Rockhausen genannt. Auch Wolfgang Lippert und Harry Jeske lebten früher hier.

Redaktion
on 24. Mai 2017

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