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Marie Gruber
MDR/Domonkos
Polizeiruf-Star Marie Gruber
„Mir fehlt das Übereitle“

Als Kriminaltechnikerin unterstützt Marie Gruber seit zehn Jahren das Hallenser „Polizeiruf“-Team. Doch wie ist „Rosamunde Weigand“ privat?

Redaktion
on 22. Mai 2017

Frau Gruber, die meisten kennen Sie als Spurentechnikerin Rosamunde Weigand im Hallenser „Polizeiruf 110“. Sie haben viele kleine Rollen in großen Filmen wie „Das Leben der Anderen“ oder „Der Vorleser“ und große Rollen in kleinen Filmen gespielt. Ein „stiller Star“ sozusagen?

Stimmt. Aber ein Star bin ich nicht. Ich bin Schauspielerin, das reicht mir eigentlich. Klar, andere trommeln mehr. Meine Agentin verzweifelt manchmal darüber, aber ich bin nicht so sehr abendkleidkompatibel. Ich gehe schon zu Veranstaltungen und quatsche da auch gern irgend was Belangloses, das kann ich gut. Aber mir fehlt da wohl das Übereitle, um mich nur des Zeigenwillens zu präsentieren. Der Preis dafür ist, dass ich für viele eben immer die Mutti mit Kittelschürze in den Rollen bin.

Sie sind in der Tat unvergessen im Kinohit „Go Trabi, Go“ und in der ZDF-Serie „Stubbe: Von Fall zu Fall“. Oder in Serienrollen wie z.B. „In aller Freundschaft“, „Wolffs Revier“, „Der letzte Zeuge“, „Großstadtrevier“ und nicht zuletzt als Mutter von Berlins Kult-Star Kurt Krömer. Was wäre denn Ihre Lieblingsrolle?

Die Lieblingsrolle ist immer die, an der ich gerade arbeite, außer sie ist völlig hohl und mir fällt wenig dazu ein, aber meine Miete muß ich wie alle ja auch bezahlen. Ich schätze übrigens sehr wohl auch die kleinen Rollen, die musst du genauso mit Leben ausfüllen und den Zuschauer verführen. Aber in der Schublade „Hausfrau und Mutter“ zu stecken, nervt – und es ist auch eine glatte Fehleinschätzung. Ich habe zwei Kinofilme mit anderen Rollenprofilen gespielt z.B. „AlleAlle“ oder „Maria am Wasser“.

Marie Gruber in „Go Trabi Go“
ullstein bild

„Go Trabi Go“ Marie Gruber (r.) mit Claudia Schmutzler und Wolfgang Stumph

Aber im MDR-„Polizeiruf 110“, der in Halle spielt, lösen Sie seit zehn Jahren an der Seite von Kommissar Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler ganz cool Mordfälle.

Ja, das mache ich auch sehr gern, hoffentlich dürfen wir noch lange ermitteln. Vor mir hatte ja ein Kollege die Rolle und ich bin ganz klein, mit einem Drehtag, eingestiegen, bis die Rolle sich langsam entwickelt hat. Ich kenne Jaecki und Wolfgang schon seit Jahrzehnten, jetzt beginnen die Dreharbeiten zu einem neuen Fall, dann sehe ich sie wieder und können bei der Arbeit auch Spaß haben ... Privat bin ich sowieso Krimifan, ich lese die gern und schaue mir auch an, was die Kollegen im Fernsehen so machen, das Tatort-Duo Liefers und Prahl steht in meiner Gunst weit oben, der Humor und die oft unkonventionelle Erzählweise erfreuen mich. Oder die Kollegen Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt, das „Tatort“-Duo aus Köln und Ulrike Folkerts zum Beispiel.

Gerichtsmedizin, Spurensicherung, Kriminalistik – das ist ja ein richtiger Boom, US-Serien wie „CSI“ oder „The Mentalist“ arbeiten auch kameratechnisch rasant, zoomen schon mal in die Eingeweide. Der „Polizeiruf“ wirkt dagegen wie selbstgestrickt. Ist das nicht manchmal etwas dröge?

Das liegt ja daran, dass der Sender es so will und es auch ein Publikum gibt, das sowas schätzt. Es muss ja auch nicht immer blutig sein, manchmal reicht es ja, den Grusel in der Vorstellung der Zuschauer zu erzeugen. Ich persönlich liebe sehr die Krimiserien „Life“ oder „Dexter“.

Was macht den Erfolg vom „Polizeiruf“ aus, den regelmäßig rund 7 Mio. Zuschauer verfolgen?

Ich glaube, die Leute haben uns einfach gern, schätzen uns auch als Schauspieler. Wir sind sozusagen die alten Zusel, die nicht mehr im Affenzahn über die Zäune springen. Das ist jede Szene schön zu Ende erzählt, nicht wild im MTV-Stil geschnitten. Und die Zuschauer sind mit uns gewachsen.

Marie Gruber, Wolfgang Winkler und Jaeckie Schwarz von „Polizeiruf 110“
S. Junghans/MDR

„Polizeiruf“ Dreamteam: Marie mit Wolfgang Winkler (l.) und Jaeckie Schwarz

Wie haben Sie sich eigentlich auf die Rolle der Kriminaltechnikerin vorbereitet? Mit einem Praktikum bei der Polizei Halle?

Nein, ich habe einen echten Spurensicherer, Lutz Jeskulke, an meiner Seite, von dem ich viel gelernt habe. Er hat mir gezeigt, wie man sich am Tatort bewegt und Beweisstücke richtig anfasst und steht mit Tipps zur Seite.

Wir sind hier zum Interview und Fotoshooting im Medizinhistorischen Museum der Charité, wo es gewissermaßen auch um Spuren- und Beweissicherung, um bizarre und gruselige Funde geht. Gefällt Ihnen dieser Ort?

Ein wunderbarer, faszinierender Ort. Ich hab mir schon überlegt, hier würde ich gerne eine Lesung halten.

Wie sichern Sie Spuren in Ihrem Leben?

Da bin ich wie viele Frauen, ich sammle gern verschiedene Dinge, von Büchern bis zu Knöpfen. In der DDR-Zeit habe ich immer Reißverschlüsse aufgehoben, die konnte man dann für eigene Kreationen gut verwenden. Ich habe früher auch viel fotografiert, gern Bilder ohne Menschen, z.B. Dächer oder Papierkörbe, was mir so ins Auge fiel. Aber mein Sohn hat jetzt so eine neue Kamera gekauft, mit der mir das alles etwas zu kompliziert geworden ist. Und ich sammle Geschichten, im Kopf. Von Menschen, die mir was erzählen. Manchmal profitiere ich davon, wenn ich eine besondere Figur spielen muss.

Wie kamen Sie eigentlich zum Beruf?

Es gab keinen konkreten Moment, in dem ich sagte: Das ist es. Familiär bin ich jedenfalls nicht vorbelastet. Mein Vater war Sattler und meine Mutter kam aus der Landwirtschaft und hat sich um meine zwei Brüder und mich gekümmert und uns später als Witwe allein durchgebracht. Vielleicht hat die Berufswahl damit zu tun, dass wir in der DDR als Schüler regelmäßig ins Theater marschiert sind, das gehörte ja im Sozialismus zur literarisch-kulturellen Herzensbildung und war auch im Deutsch-Unterricht immer Thema. „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf, das war zum Beispiel so ein großartiges Stück, so modern. Als Teenager habe ich das nicht nur einmal gesehen, ich fühlte mich sehr verstanden, durch Plenzdorfs Texte! Und die wunderbare Ursula Werner spielte damals die Charlotte. Vielleicht war da was wegweisendes, das mich innerlich fragen ließ: Wie machen die das?

Sie haben 1982 Ihr Schauspielstudium an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule beendet und sind zunächst in Anklam auf die Bühnenbretter gestiegen ...

Ja, Frank Casdorff hat mich dort ans Theater geholt. Später war ich bis zur Wende an der Kleinen Bühne „Das Ei“ im Friedrichstadt Palast engagiert., habe nebenbei Hörspiele gemacht, synchronisiert und Gastspiele an Theatern gegeben. Anklam war die aufregendste Zeit in meinem Theaterleben, man weiß auch noch nicht, wie alles nach den Anfängerjahren wird, auch wie dröge manchmal.

Apropos Wende: Gerade liegen 20 Jahre Mauerfall-Feierlichkeiten hinter uns. Wo waren Sie am 9. November 1989?

Ich kam nach einer Vorstellung nach Hause, damals noch in der Czarnikauer Straße in Prenzlauer Berg, als mich mein Bruder Wolfgang anrief. Er war ziemlich beschwipst und sagte: „Komm raus auf den Kuhdamm!“ Ich hab ihn reden lassen, bis er sagte: „Mensch, Gruber, guck mal aus dem Fenster!“ Die Czarnikauer Straße an der Bornholmer Brücke war ja damals Weltende, meine Straße war schwarz von Menschen, aber trotzdem ganz still. An dem Abend bin ich nicht mehr in den Westen, sondern erst am nächsten Tag. Mit meiner Freundin, rüber in den Wedding. In einem A&V hab ich Matchbox-Autos gesehen. Die waren etwas ganz Besonderes. Jedes Jahr hat mein Sohn Raphael von Oma eines zu Weihnachten bekommen. Ich hatte noch kein Westgeld, aber der Ladenbesitzer hat mir eins für mein Kind geschenkt.

Und wie war Ihr Eindruck vom Westen?

Dass die Stadt auf der anderen Seite genauso aussieht wie Ostberlin. Dass es viel mehr Nationalitäten gab und in Kreuzberg war es schön bunt, roch fremd und aufregend und es gab herrliche Kneipen. Der Wedding war nun wirklich nicht so eindrucksvoll gewesen, jedenfalls damals nicht. Da tut sich ja jetzt Gewaltiges und viele junge und Kreative lassen sich dort nieder.

Haben Sie den  Mauerfall ersehnt?

Ich war in der DDR nie politisch verfolgt. Ich habe mir nie bewusst gesagt, die Mauer soll fallen, das erschien mir vollkommen aussichtslos. Eher: Wie lange hältst du das aus, bis es nicht mehr geht, bis du auch weg willst, weil du dies und das nicht darfst. Ob ich das noch 20 Jahre ausgehalten hätte – wer weiß das schon? Aber ich war angstfrei. Andere haben andere Erfahrungen gemacht. Rückblickend ist es sehr schön, dass das Ding weg ist und die Welt offen steht. Ich wollte immer nach Paris – dorthin hat mich eine Freundin eingeladen und es war wunderschön. Mit meiner Familie habe ich gleich nach der Wende viele Reisen in die unterschiedlichsten Länder gemacht und es gibt ja noch sovieles, was wir nicht gesehen haben.

Sie sind in Wuppertal geboren. Wie kommt’s?

Mein Vater ist Hallenser, meine Mutter stammt aus Trier. Wir sind vor dem Mauerbau nach Halle zurück aus familiären Gründen. Und dann wurde die Mauer gebaut. Wie das für meine Eltern war, weiß ich gar nicht so genau, ich hab vom Umzug als Sechsjährige nicht viel mitbekommen und dass es kein Zurück gab, haben meine Eltern nicht groß vor uns Kindern thematisiert, wir waren zu klein. Vermutlich war es nicht so leicht für sie, aber mein Vater starb früh und dann hatte meine Mutter ganz andere Sorgen.

Privat weiß man wenig von Ihnen, nur dass Sie zwei erwachsene Söhne haben.

Mein großer Sohn Raphael ist 31 Jahre alt und arbeitet als Web-Designer, Lukas ist 20 Jahre alt und studiert im 1. Semester Informatik am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

Sie sagten mal: „Heiraten ist nicht mein Ding“. Leben Sie allein?

Hab ich das mal gesagt? Zweimal hab ich’ es doch schon getan. Mit meinem Lebensgefährten bin ich bereits 18 Jahre zusammen, er hat beruflich aber gar nichts mit meinem Beruf zu tun und ob wir mal heiraten ? Vielleicht sage ich es dann Ihrer Zeitung.

Noch ein Zitat: „Luxus ist für mich, wenn jemand meine Bügelwäsche macht“. Auch falsch?

Ja, das mach ich schön alles allein in Handarbeit. Vielleicht später mal, in meiner Alten-WG (lacht). Luxus ist für mich, sorgenfrei zu sein. Sich um die Kinder, den Beruf, und auch um den Weltfrieden keine Sorgen machen zu müssen. Aber das klappt ja nur peripher. Mein Luxus ist es, wenn ich mit meiner Freundin Martina einmal im Jahr ein paar Tage Wellness-Urlaub in Karlsbad oder an der Ostsee machen kann.

Und wie geht’s beruflich weiter?

Im Dezember hat der Kinofilm „Lila Lila“ Premiere. Im Frühjahr läuft im ZDF die Komödie „Auf Doktor komm raus“, die in Brandenburg spielt. Zwei Nachbardörfer konkurrieren um Investitionen und einen Landarzt. Ich und Henry Hübchen spielen die jeweiligen Bürgermeister. Gerade fertig abgedreht ist ein Film, in dem ich an der Seite von Iris Berben spielen konnte, „Meine verrückte Familie“. Und in 14 Tagen drehe ich in Halle den nächsten „Polizeiruf 110“.

Redaktion
on 22. Mai 2017

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