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„Drei reizende Schwestern“
K. Winkler
Marianne Kiefer
Ihr fröhliches Leben, ihr einsamer Tod

Trauer um eine Volksschauspielerin: Sie war immer so lebensfroh, so optimistisch – und nur ihre engsten Freunde wussten, wie schlecht es um sie stand

Bärbel Beuchler
on 26. Mai 2017

Marianne Kiefer ist tot. Was über den verstorbenen Günter Schubert schon gesagt wurde, gilt alles genauso für sie: ein langjähriger Publikumsliebling. Ein Vollprofi. Ein Mensch mit einer Herzlichkeit, die von innen kam. Und sie hatte wie Schubi einen runden Geburtstag vor sich: Am 3. September wäre sie 80 geworden. Marianne Kiefer, die wunderbare Volksschauspielerin, ist am 4. Januar morgens um 9.30 Uhr in der Klinik Bavaria in Kreischa ganz friedlich eingeschlafen.

Freunde

Schauspielkollege Herbert Köfer und seine Frau Heike erhielten als Erste die Nachricht. „Am Heiligabend waren wir noch bei ihr“, erzählt Heike, die in der Patientenverfügung ihrer Freundin „Mary“ als engste Vertraute genannt ist. „Sie konnte nicht mehr reden, aber sie hörte uns zu. Wir erzählten von unserem Theater, von der bevorstehenden Premiere, von der Vorfreude darauf, Mary bald wieder bei uns zu haben.“ Marianne Kiefer lebte seit einem Jahr in Zeuthen. Die Köfers hatten ihr einen Platz in der noblen Seniorenresidenz am Zeuthener See vermittelt, wo sich die Schauspielerin sehr wohl fühlte. „So war sie immer in unserer Nähe. In fünf Minuten konnten wir bei ihr sein“, sagt Heike Köfer.

Marianne Kiefer und Prof. Ludwig Güttler
SUPERillu

Laudatio: Goldene Henne 2000 für Prof. Ludwig Güttler. Marianne Kiefer hielt die Laudatio für den Meister

Die Krankheit

Dass Marianne Kiefer manchmal starke Schmerzen hatte, wusste außer den Köfers niemand. „Sie war immer lebensfroh, immer heiter und optimistisch“, erzählt Herbert über die Freundin, die zuletzt 2004 in der Komödie „Du bist nur zweimal jung“ mit ihm auf der Bühne gestanden hatte - „Köfer’s Komödiantenbühne“ vereint ja einige der absoluten Publikumslieblinge des Ostens. Bis Ende 2006 war sie immer wieder mal Gast im „Blauen Fenster“, einer Veranstaltungsreihe, mit der Herbert Köfer an vergangene TV-Zeiten erinnert. „Nie merkte man ihr ihre schwere Krankheit an“, sagt er. Dabei hatte Marianne Kiefer seit 23 Jahren Diabetes, mit dem sie sich aber gut arrangiert hatte - inklusive jährlicher stationärer Untersuchung. Am 24. Oktober wurde es schlimm, ihre Freunde brachten sie in die Klinik ins nahe Teupitz. Heike Köfer: „Mehrere Tage lag sie im künstlichen Koma. In Kreischa sollte sie sich dann erholen, war dort in den besten Händen. Doch sie war schwach, wurde immer schwächer. Bis dann ihre Organe ganz versagten ...“

Blick zurück

Fürs Publikum ist Marianne Kiefer vor allem eine der „Drei reizenden Schwestern“. In sieben Schwänken, bei denen das DDR-Fernsehpublikum fast geschlossen vor der Röhre saß, spielte sie sich gemeinsam mit Ingeborg Krabbe und Helga Göring in alle Herzen. Das Komödiantenblut hatte sie ererbt - ihre Eltern waren als Varieté-Conférenciers auf allen europäischen Bühnen zu Hause. Bevor ihre Karriere begann, war ihr Leben zweimal in höchster Gefahr: 1943 erlebte sie die Bombenangriffe auf Hamburg mit, woraufhin sich die Eltern entschließen, zurück nach Dresden zu gehen. In ihrer Geburtsstadt erlebt sie als 16-Jährige die schlimmsten Tage ihres Lebens, den barbarischen Feuersturm, der auch ihr Elternhaus wegriss. „Ich vergesse die Bombenhölle von Dresden mein Leben lang nicht“, schreibt sie in ihrem Buch „Das wäre doch gelacht!“, „die fürchterlichen Geräusche der Angriffe, das ängstliche Ausharren in den Kellern. Trifft es dich, oder bleibst du verschont? ... Zeit meines Lebens kann ich kein Gewitter mehr ertragen. Die Geräusche erinnern mich ständig an jene furchtbare Nacht.“

Marianne Kiefer mit den „Lustigen Preußen“
K. Winkler

Stimmungskanone: Marianne Kiefer im Jahr 2004 bei einem mitreißenden Gesangsauftritt mit den „Lustigen Preußen“

Die Karriere

Nach Kriegsende erfüllt sich ihr Traum: Sie steht auf der Bühne. Zunächst in Nebenrollen. Sie nimmt Schauspielunterricht, Ballettunterricht, wird Tanzsoubrette am Operettentheater. Einer ihrer größten Fans in der Anfangszeit in Köthen ist der junge Peter Wieland, später selbst ein erfolgreicher Sänger. „Er behauptet, ich habe in ihm den Wunsch geweckt, ans Theater zu gehen“, erzählte sie rückblickend. Ihre große Karriere startet die kleine Frau (1,54 m!) 1968 im alten Berliner Friedrichstadtpalast. Revuen, Kinderrevuen, das Fernsehen meldet sich - der Rest in Zahlen: mehr als 40 Schwänke, mehr als 40 Shows. Fünfmal moderiert sie den „Kessel Buntes“.

Marianne Kiefer mit Helga Piur, Ingeborg Krabbe und Achim Wolff
adolph press XAMAX

Stimmung: Nach der Premiere von „Fisch zu viert“ 2001 im Hansa-Theater Berlin mit Helga Piur (l.), Ingeborg Krabbe und Achim Wolff

Die Wende

Die Freude des Mauerfalls wird getrübt durch die „Abwicklung“ im DFF: Das Schauspielensemble wird aufgelöst, auch sie wird entlassen, ohne Abfindung. Das Comeback beginnt 1992. Alfred Biolek lädt sie als Talkgast zum „Boulevard Bio“, sie kommt wieder ins Gespräch, erhält plötzlich Angebote, kann aussuchen - und entscheidet sich für die NDR-Unterhaltungsreihe „Freut euch des Nordens“, es wird „ihre“ Sendung. Sie reist nach Chicago, steht mit Thomas Fritsch in Afrika für die Pro 7-Serie „Glückliche Reise“ vor der Kamera, sie singt, macht die erste CD ihres Lebens – ein Glückskind. „Der Beruf ist eine Droge“, sagt sie mit siebzig „Und für ihn habe ich immer noch Pfeffer im Hintern.“

Liebesleid

Aber im Privatleben bleibt Marianne Kiefer solo. In ihrem Buch schreibt sie: „Die, die ich hätte haben wollen, sind immer gebunden. Und die, die mich wollten ... Dabei liebe ich die Liebe - und die Männer. Liebe ist etwas Wunderschönes, Verliebtsein ist herrlich. Man verblödet so wunderbar dabei.“ Was für ein Schlusswort!

Bärbel Beuchler
on 26. Mai 2017

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