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Vincent, 17, und Vincent, 15
N. Kuzmanic/SUPERillu
Hannah
N. Kuzmanic/SUPERillu
Leben im Internat Torgelow
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Mario Lehmann und Tochter Clara
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Vincent, 17
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Kunstwerk als Abschlussarbeit des Abi-Jahrgangs 2004
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Schloss Torgelow
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Abiturienten des Jahrgangs 2014
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Leben im Internat Torgelow
Leistung, Leistung, Leistung, Freundschaften und Freizeit

Schloss Torgelow am See ist eines der begehrtesten privaten Schulinternate Deutschlands. Die Chance: Abitur mit Bestnoten. Ein Report.

Redaktion
on 13. Juni 2017

Tiefgrau hängt der Morgen über der Privatschule Schloss Torgelow. Dichter Nebel und die Feuchtigkeit vom See beschleunigen die Schritte der Schüler über das Schulgelände hinein ins Warme. An diesem Februartag treffen sich die  Bewohnerinnen und Bewohner des Privatinternats in Südost-Mecklenburg zu einer Art Morgenappell, bevor es in die Klassenräume zum Lernen geht. Dringend zu klären ist, so kurz nach den Winterferien, die Frage, in welchen Gruppen die Schüler zum Mittagessen gehen, ohne dass in der Kantine Chaos ausbricht. Der Schul- und Internatsleiter ordnet Fragezeichen zu bündigen Antworten, verweist auf die Verantwortung der Lehrer und wünscht dann einen friedlichen Tag.

Inhaber Mario Lehmann, 50, der Erfinder, Erbauer und Finanzier des privaten Schulinternats,  zeigt sich  zufrieden. Man sieht ihm an, dass er diese Schüler, seine Schule und das gesamte Drumherum jugendlichen Lebensgefühls schätzt und auch mag. „Das ist mein Leben“, sagt er lächelnd. Neben ihm steht seine Tochter Clara, 20, eine hübsche, groß gewachsene Frau, die wohl mal sein Erbe antreten wird. Sie ist Absolventin dieser feinen Schule, die jedes Jahr rund 250 Mädchen und Jungen aus allen Teilen Deutschlands bis zum Abitur führt.

Das hat seinen Preis. Bis zu 32 000 Euro kostet hier ein Platz von der 5. Klasse an - jährlich zu zahlen und ohne jeden Abzug. Klingt teuer, doch man muss wissen: Es ist eine Allround-Betreuung der besonderen Art. Die Zimmer sind großzügig, häufig Seeblick inklusive. Es gibt zu essen von morgens bis abends. Nicht 30 oder 40 Schüler drängeln sich in Klassenräumen und kämpfen um den Einsatz ihres Wissens, nein: Neun bis zwölf Schüler halten hier mit ihren Lehrern auf entspannte Weise einen Schultag ab, der, vergliche man ihn mit einer Flugreise, wie First-Class-Fliegen ist.

Das Schul-Ufo landete hier 1994 inmitten einer Landschaft, die zwar wegen der schönen Seen romantisch ist, doch ansonsten folgte auf die Freude über die deutsch-deutsche Einheit unter den Menschen der Gegend sehr bald Ernüchterung. Was soll man hier arbeiten, wie Geld verdienen?  Beinahe 20 Prozent Arbeitslosigkeit rollten 1990 wie eine Steinlawine über den schönen Landstrich an der Müritz. Heute trägt die einst graue Realität bunte Farben – mit Tourismus, ökologischer Landwirtschaft und regenerativen Energien. Inhaber Lehmann sagt: „Unsere Schüler kommen aus Ost und West. Sie vollziehen quasi die deutsche Einheit tagtäglich, kennen nichts anderes als ein Leben mit den unterschiedlichen Mentalitäten der Bundesländer.“

Und damit das kleine Dorf Torgelow am See die Vorzeigeschule und ihre vermögenden Träger auch vollends akzeptiert, nimmt Lehmann jährlich sogenannte Tagesschüler aus der nahen Umgebung auf. Sie zahlen nur einen Bruchteil der Summe der Jahresschüler, haben kurze Wege und brauchen nicht, wie andere Gymnasiasten der Region, mit Schulbussen tagtäglich über die Weiten Ostmecklenburgs zur Schule cruisen. Und: Der Torgelower Verein „Begabt e.V.“ unterstützt nicht so vermögende Eltern mit bis zu 6 000 Euro Schulgeld pro Jahr.

Hannah ist 11 Jahre alt, stammt aus Goch an der deutsch-niederländischen Grenze und kam hierher, weil sie die zweite Klasse übersprang. „Ich habe mich furchtbar gelangweilt“, erzählt sie. „Meine Schwester war auch in Torgelow, mein Bruder ist ebenfalls hier, denn wir sind wohl alle ein bisschen zu schlau für die Anforderungen der Lehrpläne unterer Klassen.“ Das klingt vielleicht etwas hochnäsig, aber es ist eben auch eine Wahrheit, dass sich an deutschen Massenschulen der Begabte nach dem weniger Begabten richten muss. Mario Lehmann sieht hier seine Chance: „Wenn Klugheit und Talent beschnitten werden, weil sich die hochbegabten Kinder beginnen, im Unterricht zu langweilen, dann sind wir gefragt.“ Hier dürfen sich die Schüler auch in Russisch, Spanisch und Latein beweisen.

Mario Lehmanns Schule ist eines von rund 130 privaten Internaten in Deutschland, die Kids mit hohem Intelligenzquotienten vorwärts treiben. Wir reden in einem Raum des Schlosses mit Kamin, feinen Ledermöbeln und Blick auf den See. Es gibt Kaffee und Schokolade. Hatte er Probleme mit der Bildungshoheit des Landes? „Man hat anfangs ziemlich misstrauisch beäugt, was ich, der Jurist aus Heidelberg, hier so treibe“, sagt er leicht ironisch. Da gab es bohrende Fragen: Werden Lehrpläne eingehalten? Gehen die Voraussetzungen für das Abitur konform mit den staatlichen Schulen? Er resümiert selbstbewusst: „Wären wir eine Pisa-Schule, dann hätten wir keine Bildungsmisere.“ Ein bisschen wurmt es ihn, nicht für den Schulvergleichstest ausgewählt worden zu sein, der alle drei Jahre europaweit herausfindet, ob 15-Jährige alltags- und berufsrelevante Kenntnisse besitzen.

Der normale Lärm ganz normaler Kinder, die dann doch nicht ganz so normal leben und lernen wie andere Schüler, hallt durch die Flure, kollert durch Treppenhäuser und endet hinter Zimmertüren. Auf dem Sportplatz kicken Jungs, Tennisbälle fliegen übers Netz, irgendwo backen Schüler Kuchen oder spielen Schach. Mehr als 70 Freizeitprojekte docken direkt an den Unterricht an, Nachtruhe ist zwischen 21 und 23 Uhr.

„Im Sommer“, sagt Vincent, Schülersprecher des Internats, „kann man sich hier auch ganz gut verkrümeln. Mädchen und so.“ Der 17-Jährige grinst etwas hintergründig, er hat eine Freundin. Vincent ist einer von denen, die sich an einer Rostocker Schule langweilten und hier weiterlernen. Seine Mutter ist Hebamme, sein Vater Entwicklungsingenieur. Spürt er Druck von daheim, weil er seine Eltern viel Geld kostet? „Nö“, sagt er kurz. „Ich will ja selbst gut sein.“ Er teilt ein Zimmer mit einem 15-Jährigen aus Duisburg. Sie sind befreundet.  „Die Tagesabläufe sind geregelt und das gefällt mir“, sagt Vincents Freund. Und wenn er mit Gleichaltrigen in Duisburg unterwegs ist? Halten die ihn für etwas Besseres? Der Junge schüttelt den Kopf. „Es kommt doch darauf an, ob ich mich für etwas Besseres halte. Tue ich aber nicht.“

Ein Spaziergang durch die Schule, durch Klassenräume, vorbei an Fotos ehemaliger Schüler. Lachen hallt über die Flure. Niemand, der ein Handy hält, Nachrichten tippt, telefoniert. „Hier gibt’s ja nicht mal Empfang“, sagt Clara Lehmann, die Tochter des Chefs. Sie studiert Jura, machte hier ihr Abitur. Was ist mit Alkohol? „0,5 Promille ist die absolute Grenze. Gehen lassen tut sich hier besser niemand, sonst fliegt er.“ Die 20-Jährige kann sehr ernst gucken.

Und wenn doch die Untiefen der Pubertät herausbrechen? „Hier achtet jeder auf jeden“, sagt sie. „Das mag furchtbar erwachsen klingen. Aber der Wille zur Leistung, zu guten Noten und gegenseitige Disziplinierung – das sind hier Grundwerte.“
Clara zieht sich ihre Jacke bis zum Hals zu. „Kommen Sie mal im Sommer wieder“, sagt sie frös-telnd. Dann ist es hier am See richtig romantisch.“

Redaktion
on 13. Juni 2017

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