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Kunstmuseum Ahrenshoop
M. Handelmann/SUPERillu
Künstlerkolonie Ahrenshoop
Ein Ort wie gemalt

„Traditionen bewahren – im Zeitgeist leben“  – unter diesem Motto feiert der Künstlerort auf dem Darß 2017 sein Jubiläum...

Redaktion
on 7. Juni 2017

Spätsommer des Jahres 1889. Der Oldenburger Landschaftsmaler Paul Müller-Kaempff weilt mit dem befreundeten Berliner Tiermaler Oskar Frenzel in Wustrow auf dem Fischland. Sie wandern am Hohen Ufer entlang und erreichen die letzte Anhöhe: „… zu unseren Füßen ein Dorf: Ahrenshoop. Wir hatten von seiner Existenz keine Ah-nung und blickten überrascht und entzückt auf dieses Bild des Friedens und der Einsamkeit. Kein Mensch war zu sehen, die altersgrauen Rohrdächer, die grauen Weiden und grauen Dünen gaben dem ganzen Bilde ei-nen Zug tiefsten Ernstes und vollkommener Unberührtheit.“ Das formulierte Müller-Kaempff einige Zeit später im Text „Erinnerungen an Ahrenshoop“.

Fischer und Schiffer lebten damals auf dem schmalen Streifen zwischen Bodden und Meer. 1892 ließ sich Müller-Kaempff in seinem Sehnsuchtsort Ahrenshoop nieder. Das Licht, die Weite, das Meer, die Einsamkeit und die wilde Natur hatten ihn verzaubert. Er baute ein Haus in der Dorfstraße 18, lebte und arbeitete hier. Zwei Jahre später eröffnete er im heutigen Künstlerhaus Lukas eine Malschule und eine Pension. Der Grundstein für die Künstlerkolonie war damit gelegt. Weitere Künstler folgten Müller-Kaempff. Wie die Malerin Elisabeth von Eicken aus Mülheim an der Ruhr, die Grafikerin und Malerin Anna Gerresheim aus Ribnitz, der Zeichner und Radierer Friedrich Wachenhusen aus Schwerin, der Berliner Porträt- und Landschaftsmaler Martin Körte. Sie bauten Häuser mit Ateliers und Galerien. Und machten den Ort über die Region hinaus bekannt.

Mit ihrem Umzug an die Küste schlossen sich die Künstler einer europäischen Bewegung an, die in den 1830er-Jahren im französischen Barbizon ihren Ausgangspunkt hatte. Die Barbizonniers, wie sie genannt wurden, verließen ihre Ateliers in den Städten. Getrieben vom Wunsch nach künstlerischer Freiheit und einem einfachen Leben in der Provinz mieteten sie sich in einer Pension ein. Oder sie kauften sich Häuser in der östlich von Paris gelegenen Gemeinde.

Inmitten der Natur stellten sie ihre Staffeleien auf, suchten nach neuen Ausdrucksformen und nahmen so Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Nach dem Vorbild dieser Freilichtmalerei fingen auch die Künstler von Ahrenshoop die mannigfaltigsten Impressionen unter freiem Himmel ein.

Am 11. Juli 1909 wurde der „Ahrenshooper Katen – das Haus für heimische Kunst und Kunstgewerbe“ eröffnet, eine Galerie für die ortsansässigen Maler, eine Begegnungsstätte von Künstlern und Käufern. Das im Fischlandstil errichtete Gebäude sollte dazu anregen, weitere Häuser nach seinem Vorbild zu bauen und so der Verschandelung des Dorfes entgegenzuwirken. Im Kunstkaten wechselten die Ausstellungen wöchentlich. Der Eintritt kostete 40 Pfennige, die Saisonkarte eine Reichsmark.

Der Erste Weltkrieg besiegelte das vorläufige Aus von Künstlerkolonie und Kunstkaten. 1918 wurde die Ausstellung aufgelöst. Viele Künstler hatten den Ort verlassen oder waren gestorben. Doch sie kamen wieder. Wie der Maler Hans Brass aus Wesel und Bildhauer Gerhard Marcks aus Berlin, dessen Arbeiten im Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden. Er und andere Verfemte suchten auf dem Darß Unterschlupf vor den Nazis. Der Kunstkaten war bis 1945 privater Sommersitz. Am 18. August 1946, also fast 30 Jahre später, stellten Künstler erstmals wieder aus.

In der DDR wurde Ahrenshoop zum sogenannten „Bad der Kulturschaffenden“. Schauspieler, Musiker und Schriftsteller reisten an: Johannes R. Becher, Hanns Eisler, Arnold Zweig, Christa Wolf … Wer mehr über diese Gäste erfahren will, kann sich auf eine literarische Tour begeben. Sie führt unter anderem zum Atelier am Dornenhaus. Hier stiegen Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel ab. Aber auch weniger Angepasste fanden einen Platz.

Heute ist das etwa 900 Einwohner zählende Ahrenshoop ziemlich schick und fein und teils auch kein preisgünstiges Pflaster, was manchen betrübt. Die Mieten sind recht hoch, Ei-gentum kaufen ist wegen der Preise für normale Leute so gut wie nicht drin. Wohl dem, der seit Generationen die eigenen vier Wände hat. Eine gehobene Klientel hat das Ostseebad als Rückzugsort für sich entdeckt. Doch die Tradition der Künstlerkolonie lebt zum Glück weiter fort.

Ateliers, Galerien und Werkstätten laden Besucher zum Be-trachten von Malerei, Kerami-ken, Plastiken und Fotos ein. Schmuckstück ist das 2013 eröffnete Kunstmuseum. Mit über 800 Exponaten vereint es die größte Sammlung an Arbeiten regionaler Künstler. Highlight im Jubiläumsjahr ist die Ausstellung „Licht, Luft, Freiheit – 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop“. Bis zum 8. Oktober sind 90 Gemälde von 16 Künstlern der Gründergeneration bis zum Ersten Weltkrieg zu sehen. Welche Motive die Maler seinerzeit fasziniert haben, lässt sich auf einem neuen Kunstpfad nachvollziehen. Er führt zu zehn Entstehungsorten von Bildern. Dort ist Wissenswertes über den jeweiligen Künstler und seine Werke zu erfahren. Der Pfad ist auf eigene Faust oder bei einer geführten Tour mit dem Fahrrad zu erkunden.

Die Ausstellungen „Sehnsucht Meer – Löber + Puttnies-Munk, Holfeld + Zschunke“ im Dornenhaus (bis 22. August) sowie die Ausstellung „125 Bilder suchen eine Kolonie“ (bis 9. Juli) in der Galerie Peters-Barenbrock zeigen Werke von Künstlern, die in Ahrenshoop gearbeitet oder ihre Heimat haben. Deutsche und internationale Stipendiaten des Künstlerhauses Lukas laden jeden letzten Sonntag im Monat beim Tag der offenen Tür zu Ge-sprächen in Studios oder Präsentationsräumen ein.

Auch fast vergessene Kulturschätze wie das Ahrenshoop-Lied von Musikwissenschaftler Oswald Körte haben im Jubiläumsjahr eine Re-naissance: Der ortsansässige Pianist Lutz Gerlach interpretierte es neu. Text und Musik sind von 1908. Körte, der damals im Ort sein Sommerhaus baute, war der Künstlerkolonie eng verbunden. Das Lied wird künftig Veranstaltungen begleiten.

Doch nicht nur der Tradition ist Ahrenshoop verhaftet. Auch moderne Kunst wie die weithin sichtbaren pinkfarbenen Wegmarken finden ihren Platz. Moritz Götze hat sie zum Geburtstag für die Künstlerkolonie geschaffen. Der Hallenser ist einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Pop-Art. Und so schickt ein fünf Meter hoher Paul Müller-Kaempff einen Gruß von der höchsten Erhebung des Fischlands, dem Bakelberg, in Richtung Ahrenshoop. Nach einer Wanderung durch den Ort wartet auf den Boddenwiesen ein modernes „Malweib“ auf den Betrachter. Die Skulpturen sind aus witterungsbeständigem Bootsbausperrholz und stehen stellvertretend für die Begründer der Künstlerkolonie.

Wissenswertes zum Jubiläumsjahr „Künstlerkolonie“ bietet ein Programmheft. Es ist in der Kurverwaltung des Ostseebades Ahrenshoop im Kirchnersgang 2 erhältlich. Und auch im Netz gibt es eine ausführliche Übersicht: www.ostseebad-ahrenshoop.de
 

Auf einem neuen Kunstpfad kommen Besucher den Motiven der Maler ganz nah

Kunst und Künstler aus Ahrenshoop

Redaktion
on 7. Juni 2017

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