Skip to main content
Andrea Kiewel Kolumne
ZDF/M. Höhn
Kiwis Kolumne
„Mein Bekannter ist kein Callboy ...“

Menschen aus Ostdeutschland sagt man gerne viel Freizügigkeit in Sachen Sex nach. Aber es gibt Grenzen, findet Kiwi ...

Andrea Kiewel
on 14. Juni 2017

Liebe Leserinnen und Leser, ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Es ist wieder länger hell! 17 Uhr, 17.15 Uhr, und keine Dunkelheit weit und breit. Heute flogen hier im Umland von Mainz die ersten Störche über die Autobahn, vorsichtshalber presste ich die Beine zusammen und schaute in die andere Richtung, man - Entschuldigung - frau kann ja nie wissen ...

Vor allem, wenn sich die Liebe dahin entwickelt, wie es sich neulich bei einem Telefonat andeutete. Spontan hatte ich Lust, mit einem Bekannten, den ich schon lange kenne, ohne ihn wirklich zu kennen, essen zu gehen. Oder etwas trinken. Oder beides. Also rief ich ihn an, wir plauderten, und er sagte: „Andrea, wieso verschwenden wir unsere Zeit mit Essen und Cocktails, komm doch gleich zu mir, wir trinken ein Glas Wein und haben Sex!“ Bämmmm! Und es war erst 12 Uhr mittags. Davon mal abgesehen, dass ich nicht zu haben - auch nicht für eine Nacht - bin, weiß ich bis heute nicht, was mich mehr überraschte - die praktische Herangehensweise oder die Offenheit in Sachen Sex? Also fragte ich nach. Mein Bekannter ist kein Callboy, er verdient sein Geld auch nicht bei einem Escort-Service, er geht einer sehr anständigen Arbeit nach, ist Anfang 40, mega- Sportler, 1a-Figur, nicht auf den Kopf gefallen, im genau richtigen Maße frech und Single. Glaube ich zumindest. Jedenfalls scheint es heutzutage mehr oder weniger gang und gäbe zu sein, sich ganz unverbindlich ausschließlich für Sex zu verabreden, ohne dass man erwartet, es könne daraus etwas Großartiges entstehen. Hmmmmm ...

Wie finden wir das, liebe Leserinnen und Leser? Ist die Romantik tatsächlich vom Aussterben bedroht oder nützt die Liebe eben nichts in Gedanken?

Meine Bekannte S. hingegen strahlt so sehr, dass sie ihre eigene Sonne sein könnte. S. ist verliebt. Seit acht Monaten. Aktuell verbringen sie und der Liebste viel Zeit in Möbelhäusern und Deko-Geschäften, Mitte Februar wird die gemeinsame Wohnung bezogen. Drei Zimmer, das dritte hat den Arbeitstitel „Das ES-Zimmer“, ja mit nur einem S, eben es, sächlich, wenn man noch nicht weiß, ob es Junge oder Mädchen wird. Dabei hatte S. das Finden von Mr. Right beinahe aufgegeben. Zu oft war sie enttäuscht worden, mal als Freundin, mal als Geliebte, mal als Affäre, mal als Kurzzeitbeziehung. Dann gab eine Freundin ihre Telefonnummer weiter, er meldete sich und schrieb eine Kurznachricht: „Ich habe gehört, Sie seien eine Qualitätsfrau?“ Es folgte ein Blinde-Date, man ging essen, sechs Wochen später folgte der erste Kuss, mehr wird nicht verraten. Klingt wie ein Sonntagabendfilm im Zweiten, und ich komme nicht umhin, Sie und mich zu fragen: Was für Typen sind wir? Aktion, Aufregung, Verwegenheit wie im ARD- Tatort? Oder Schmetterlinge, weiche Knie, Anträge, Gediegenheit wie bei Rosamunde Pilcher im ZDF? Und wenn ich mich für eine Sache entscheide, schließt es dann im weiteren Lebensverlauf die andere aus?

Mein Bekannter kann bis heute mein Überraschtsein ob seiner Offerte nicht verstehen: „Andrea, das ist doch ein Kompliment! Du bist ja nicht die einzige Frau auf der Welt. Glaub mir, die Mädels heute sind mindestens so aufgeschlossen wie wir Jungs. Ihr seid die neuen Kerle im Bett!“ Hiiiilfe ... Ich ziehe mir jetzt ein Kleid an und gehe essen! Basta!

Ihre Andrea Kiewel

Andrea Kiewel
on 14. Juni 2017

Das passt dazu...