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Isolda Dychauk
J. Hanzl/ZDF
„Borgia“-Star Isolda Dychauk im Interview
„Venusfalle? Das klingt doch nett ...“

Im ZDF-Sechsteiler „Borgia“ spielt Isolda Dychauk die illegitime Tochter von Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI. SUPERillu hat sie in Berlin getroffen

Redaktion
on 23. Mai 2017

Deutschland spricht von „Borgia“ – dem sechsteiligen ZDF-Historienspektakel über das spanische Adelsgeschlecht, das im Mittelalter zwei Päpste stellte. Die Reihe zeigt all das, was im Öffentlich-Rechtlichen sonst keinen Platz hat: Sex, Gewalt, Inzucht. Und davon reichlich. Eines der Gesichter der 25 Millionen Euro teuren Produktion ist das von Isolda Dychauk, gebürtige Russin, die seit neun Jahren in Berlin lebt. Sie spielt Lucrezia Borgia, die illegitime Tochter von Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI. Das große Interview.

Seit einigen Tagen kommt man an dir nicht mehr vorbei – kaum ein Blatt, dass nicht über  „Borgias“ und dich und deine Rolle spricht. Wie fühlt sich das an?

Ich hab’ das noch gar nicht richtig begriffen. Das ist alles wie ein Rausch. Ich glaub’, ich brauch’ erst mal Urlaub, um das alles zu verarbeiten.

Wie viele neue Rollenangebote hast du in den letzten Wochen und Tagen bekommen?

Das weiß ich gar nicht. Bis vor wenigen Tagen hab’ ich ja auch noch in einem anderen Projekt gesteckt und hätte gar nichts Neues anfangen können. Und nun hoffen wir eigentlich alle auf eine zweite Staffel von „Borgia“. Zumindest denkt das ZDF ernsthaft darüber nach. Für den Dreh müsste ich mir sicher wieder lange Zeit freihalten, an der ersten Staffel haben wir ganze sieben Monate gedreht.

Dann warst du sieben Monate am Stück in Prag?

Ja, mehr oder weniger. Zwischendurch war ich mal ein paar Wochen daheim.

Und die Schule?

Für „Borgia“ hab’ ich mit der Schule pausiert. Das hätte ich nicht geschafft. Aber es kann gut sein, dass ich das irgendwann nachhole.

„Borgia“ ist das größte Projekt deiner bisherigen Karriere, einer deutsch-französischen Produktion mit Darstellern aus 18 Nationen. Wie ehrfürchtig ist man, bei so einem Riesen-Projekt, dabei sein zu dürfen?

Am Anfang war ich total geschockt, dass ich überhaupt die Rolle bekommen habe. Damit hatte ich nie und nimmer gerechnet. Das war ja eins meiner ersten Castings in Englisch. Und ich hab’ zum damaligen Zeitpunkt nur so leidliches Schulenglisch gesprochen. Am Anfang des Drehs hab’ ich mich deshalb auch mehr auf die Sprache, als auf das Spiel konzentriert. Aber mit der Zeit hab’ ich mich da gut eingegroovt und fing sogar an, auf Englisch zu träumen. Wir haben ja auch hinter der Kamera Englisch gesprochen. Irgendwann hab’ ich mich dann wie in einem Austauschjahr gefühlt.

Deine Ziehmutter spielt Andrea Sawatzki und repräsentiert eine der wenigen deutschen Darsteller im Film. Wie war’s mit ihr?

Sie ist eine wirklich liebenswerte Person, die mir irrsinnig beim Dreh geholfen hat. Bei meinen ersten öffentlichen Auftritten war sie sofort zur Stelle, wenn ich vor Nervosität gar nicht wusste, was ich sagen sollte ... Sie ist wahnsinnig faszinierend und interessant und eine ziemlich coole Frau.

Kanntest du die Geschichte der Borgia-Dynastie eigentlich?

Ehrlich gesagt, nein. Ich hatte nur den Namen Borgia und auch Lucrezia Borgia schon mal gehört, mehr aber auch nicht. Deshalb hab’ ich vor dem ersten Casting erst mal Wikipedia befragt. Und bevor der Dreh losging haben wir Darsteller lange mit dem Drehbuchautor Tom Fontana und dem Regisseur Oliver Hirschbiegel zusammen gesessen und die Geschichte und die Figuren erarbeitet und analysiert.

Die „tageszeitung“ nannte dich kürzlich „rotgelockte Venusfalle“ ...

Das hab’ ich gar nicht mitbekommen. Aber klingt doch nett ... (lacht)

In deiner Rolle wirst du von der süßen Lolita zur Blutschänderin, die sich mit Bruder und Vater einlässt –  und zeigst dabei auch sehr viel Haut zeigt. War das schwer?

Sagen wir so, es war nicht leicht und auch nicht total angenehm. Ich hatte aber großes Glück, weil mich alle Regisseure sehr beschützt haben und vor allem in solchen Szenen sehr behutsam mit mir umgegangen sind und aufgepasst haben, dass es nicht unangenehm für mich wird ... Aber merkwürdig war es schon, auch wenn das nicht die ersten Nacktszenen waren, die ich gedreht habe. Dafür aber die Schwierigsten.

Du bist erst 18 - woher hast du diese Sinnlichkeit?

Darum mach’ ich mir gar keine Gedanken. Ich spiel’ einfach ...

Wie fanden deine Mama und dein Freund diese Freizügigkeit?

Da vertreten sie die gleiche Meinung wie ich: das gehört zu meinem Job und darf nicht überbewertet werden. In erster Linie, sind sie stolz auf mich.

Woher hast du eigentlich deine Schauspielbegabung. Du hast ja gar keine Schauspielschule besucht ...

Keine Ahnung. Meine Mutter ist Klavierlehrerin. Von ihr hab’ ich vielleicht die Muße und die Freude an den schönen Künsten ... Aber Klavier spiele ich nicht. Ich war dafür immer zu aktiv, konnte nicht stillsitzen. Stattdessen hab’ ich lange Ballett getanzt.

Den ersten Teil von „Borgias“ sahen im Schnitt 5,5 Mio. Und auch Filme wie „Die Päpstin“, „Die Säulen der Erde“ oder „Die Wanderhure“ verzeichnete Zuschauerrekorde. Wie erklärst du dir diese weit verbreitete Faszination am Mittelalter und der Renaissance?

Vielleicht lieben die Leute die Flucht in eine andere Zeit. Eine Zeit die einerseits so grausam war und gleichzeitig so märchenhaft ... Und es zeigt den Menschen heute, dass das Leben früher noch schwieriger war, als ihres heute. Vielleicht ist das irgendwie ein Trost.

Was die Darstellung der Gewalt betrifft, musste der Film einige Kritik einstecken, weil er für manche zu brutal ist ...

Egal was man macht, es gibt immer geteilte Meinungen, man wird nie alle zufrieden stellen. Ich finde aber, dass es richtig war, das Ganze so schonungslos zu zeigen, sonst wäre der Film nicht authentisch. Und da waren wir noch „sanft“ – in Wirklichkeit ging es doch noch viel brutaler zu ... Und wer den Film nicht geeignet für seine Kinder hält, was ich verstehe, der setzt die Kinder eben nicht vor den Fernseher.

Hättest du denn gern im 15. Jahrhundert gelebt?

Nein, gelebt nicht. Aber ich hätte gern mal wie eine Zeitreisende einen Ausflug dahin gemacht, um mal reinzuschnuppern. Ich bin froh, im Hier und Jetzt zu leben. Schon allein wegen der Rolle der Frau, die damals nicht viel zu sagen hatte. Und auch wegen der Hygiene, die wohl keine große Rolle gespielt hat ... Aber die Kostüme aus der Zeit sind schon sehr faszinierend. Man bekommt damit eine ganz andere Körperhaltung, weil sie so schwer sind, dass man sich richtig aufrecht dagegenstemmen muss, sonst reißen sie einen runter. Das geht echt auf den Rücken und trotzdem macht es total Spaß, sie zu tragen.

Du bist in Sibirien aufgewachsen, bist aber als du neun warst mit deiner Mutter und deinem Kater nach Deutschland gekommen ...

Ja, meine Mutter hatte sich in einen Deutschen verliebt und deshalb sind wir aus Sibirien weg. Das war für mich ein großes Abenteuer. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nie im Ausland gewesen. Und mir war auch gar nicht richtig klar, dass ich für immer meine Heimat verlasse.

Was sind deine stärksten Erinnerungen an deine Kindheit in Russland?

Ich komme aus der Stadt Surgut, in Westsibirien. Das ist eine Gas- und Ölstadt, alles ist sehr industriell geprägt. Und es liegt sehr sehr viel Schnee. Bis zu sechs Monate teilweise. Und wenn diese Schneeberge dann schmelzen, kann man kaum noch laufen vor lauter Matsch ... Ich bin aber ein sehr sonniger Mensch. Ich bliebe die Wärme, das Licht. Deshalb bin ich auch so glücklich, jetzt in Berlin zu leben.

Bist du noch manchmal in deiner Heimat?

Seit unserem Weggang war ich noch einmal da. Dafür sind wir aber manchmal in der Ukraine bei meiner Oma.

Gibt’s ein paar Eigenschaften an dir, die typisch Russisch sind?

Nein, ich würde sagen, ich bin in allem ein Mix. Ich lebe ja nun schon die Hälfte meines Lebens in Berlin. Deshalb seh’ ich mich auch eher als Berlinerin. Trotzdem bin ich natürlich stolz auf meine Wurzeln.

Man hört überhaupt keinen russischen Akzent bei dir ...

Zum Glück. Daran hab’ ich auch hart trainiert. Vor allem mit dem rollenden R hatte ich ein paar Probleme. Ich lese aber sehr viel und das hat mir sehr beim deutschen Satzbau geholfen ... Trotzdem liebe ich die russische Sprache. Sie hat so was Hartes und Melancholisches zugleich.

Sprichst du denn heute noch Russisch?

Ja, mit meiner Mutter. Das will ich mir auch erhalten.

Denkst du manchmal darüber nach, wo du heute stündest, wenn ihr in Sibierien geblieben wärt?

Oh, keine Ahnung. Vielleicht hätte ich mich weiter aufs Ballett konzentriert. Das hab’ ich ja in Deutschland wegen der Schauspielerei aufgegeben.

2004 standest du erstmals für einen Kurzfilm vor der Kamera. Wie hat man dich für die  Schauspielerei entdeckt?

Ich hab’ in meiner Schule einen Flyer von einer Schauspielschule gefunden und da hab’ ich mich einfach mal angemeldet. Diese Schule stand in engem Kontakt mit einer Agentur und denen bin ich dann aufgefallen.

War das immer dein Traum, Schauspielerin zu werden - du hast ja dafür sogar deine Ballettkarriere aufgegeben?

Nein, ein Traum war das eigentlich nicht. Ich hatte einfach mal Lust, was Neues auszuprobieren. Deshalb hab’ ich ein paar Theaterkurse in der Schule besucht. Das hat mir solchen Spaß gemacht, dass ich mich bei dieser privaten Schauspielschule beworben habe und in deren Agentur aufgenommen wurde ... Ich bin da im Grunde reingestolpert. Und mit dem Tanzen hab’ ich aufgehört, als es mit der Schauspielerei immer mehr wurde. Beides intensiv zu machen ging nicht. Aber ab und an besuche ich noch ein paar Tanzkurse. Und mein Freund muss mitziehen ... (lacht)

Du bist bereits mit 17 mit deinem Freund zusammen gezogen. Wieso so früh?

Ich wusste einfach, der ist es. Und mir war immer klar, dass ich mit 18 ausziehen werde. Nun war es eben ein Jahr früher. Meine Mutter und ihr Mann wohnen draußen in Lankwitz und das war immer mühsam, in die Stadt zu kommen. Deshalb wollte ich gern so schnell wie möglich zentraler wohnen.

Was steht als Nächstes bei dir an?

Erst mal Freizeit. Ich hab’ gerade eben ein TV-Projekt abgeschlossen: „I don’t like Mondays“. Da geht’s um das Leben nach einem Amoklauf an einer Schule. Ich spiele die Tochter einer Lehrerin, die dabei umgekommen ist und die nun auf den kleinen Bruder aufpassen muss, weil der Vater ein Wrack ist ... Ein toller Film.

„I don’t like Mondays“, „Polizeiruf“, „Tatort“, „Borgia“ – lauter ernste Stoffe. Sieht man dich auch mal in einer Komödie?

Dazu hatte ich leider noch nie die Chance, das würde ich aber gern mal ausprobieren ... Aber erst mal hoffe ich von ganzem Herzen auf die Fortsetzung von „Borgia“.

Redaktion
on 23. Mai 2017

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