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Ursula Karusseit (r.) und Uta Schorn
J. Weyrich/SUPERillu
Interview mit Ursula Karusseit
Die Wege ihres Lebens

Man kennt sie aus der Serie „In aller Freundschaft“. Ihre Karriere begann an der Berliner Volksbühne. Populär wurde sie mit DDR-Filmen wie „Wege übers Land“ und „Einzug ins Paradies“

Bärbel Beuchler
on 24. Mai 2017

Sie ist eine robuste, temperamentvolle Frau, die sich auf jede Situation einstellen kann und ihre Vitalität noch gar nicht nachzuschminken brauchte“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“ über Ursula Karusseit, als sie 1986 in Köln die Titelrolle in Brechts „Mutter Courage“ spielte. Damals war sie 47 Jahre. Jetzt ist sie 75 geworden und steckt voller Aktivität und Spiellust, wie Millionen TV-Zuschauer dienstags in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ sehen können. Seit 1998 spielt sie darin die Kantinenwirtin Charlotte Gauss, die genauso bescheiden und voller Herzensgüte ist wie sie selbst. Was sie noch an Komödiantentum zu bieten hat, zeigt Ursula Karusseit seit 17 Sommern auch im „Theater am Rand“ in Zollbrücke. Wir trafen sie hier vor der Probe des Stückes „Mitten in Amerika“. 

Das Theater am Rand wurde 1998 von Thomas Rühmann gegründet, dem Chefarzt aus der Serie „In aller Freundschaft“. Seitdem spielen Sie jeden Sommer hier. Was zieht Sie her?

Es ist ein lebendiges Theater. Was hier entstanden ist, wurde von den Leuten aus der Region gebaut. Und das hört nicht auf. Es wird gehämmert, gesägt, geschraubt und bis zuletzt ausprobiert. Es ist kein Theater, bei dem wir Rollen einstudieren und dann spielen. Es ist ein Erzähltheater, bei dem alles mitspielt, was uns umgibt. Bei „Mitten in Amerika“ kommen wir zum Beispiel über die Wiese gelaufen. Das ist für mich der Reiz.

Wenn andere Urlaub machen, spielen Sie hier Theater. Wie gefällt das Ihrem Mann Johannes?

Dem passt das eigentlich gar nicht, dass ich den ganzen Sommer spiele. Er arbeitet nicht mehr, will los, sich etwas ansehen. Das reizt mich nun gar nicht. Für mich ist diese Sache hier die Verbindung zur Welt, zum Leben, nicht dass ich als Tourist herumreise. Ich gucke mir gern etwas an, wenn ich auf Gastspielen bin. Als wir zu DDR-Zeiten in Italien „Der gute Mensch von Sezuan“ spielten, habe ich mir nach den Proben Genua und in Florenz die Uffizien angesehen. So finde ich es schön. 

Wollen Sie ihm nicht entgegen kommen, wo Sie nun 75 sind?


Ich habe versprochen, nächstes Jahr nicht mehr jedes Wochenende zu spielen. Ich möchte ja auch gern wieder Freunde zum Grillen in meinen Garten einladen.

Ist das ein Tribut ans Alter?

Es ist doch sehr relativ, was man unter Alter versteht. Wenn ich nur noch schlurfe, keine Texte mehr behalten kann, dann wäre das ein Grund für mich zu sagen: Jetzt bin ich alt. Natürlich kommst du ins Grübeln, wenn du die kurze Zeitspanne siehst, die bleibt. Mein Sohn ist jetzt schon 47. Die Zeit vergeht rasend. Aber ich will mich davon nicht bedrängen lassen. Dann könnte ich mich gleich eingraben.

Sie bewältigen das Älterwerden einfach spielend. Richtig?


Ja, das war schon immer so. Ich komme kritischen Augenblicken mit Arbeit zuvor und habe viel Glück gehabt. Nicht zuletzt ist es meinem Naturell geschuldet, dass ich Spaß am Theater habe.

Woher kommt diese Spiellust? Ihre Eltern waren ja dagegen, dass Sie Schauspielerin werden.

Kann ich nicht sagen. Aber meine Großeltern haben für uns Kinder - ich habe noch drei Geschwister – immer so Stegreifspiele aufgeführt. Zum Beispiel, wie ein Frau am Schalter eine Fahrkarte kaufen will. Ich habe noch ein Foto, da sitzt mein Großvater hinter so einem gebastelten Pappschalter und meine Großmutter davor, mit einem Schirm in der Hand und einem Kopftuch um. Dann ging das Spektakel auf ostpreußisch los: „Will ’ne Kart, ’n Billet für zwee Mark.“ Mein Opa: „Wohin?“ „Das geht Ihnen jar nischt an!“ Und diesen Dialog schaukelten sie zu unserem Ergötzen hoch. Am Ende bedroht Oma den armen Mann hinter dem Schalter mit dem Schirm. Eine Fahrkarte verkauft er trotzdem nicht. Da dreht sie sich um und sagt: „Dann geh ich eben zu fuß“ Vielleicht kommt die Liebe zum Spielen von ihr. Es waren viele ganz harmlose, schöne Sachen, die sie uns mit großem Spaß vorgespielt haben. Vielleicht habe ich meine Spiellust von ihnen geerbt.

Die beiden hatten einen guten Humor, so wie Sie erzählen.


Au ja. Sie waren streng, aber sehr fröhliche Menschen. Ich sehe meinen Großvater, wie er da stand, das Gesicht verzog und sich die Hände rieb, wenn er sich freute. Das hat mir großen Eindruck gemacht. Und meine Großmutter hatte es drauf, nach dem Essen an den Fransen der Lampe überm Tisch zu zupfen und zu rufen: „Minna, komm abräumen!“

Sie sind in Westpreußen geboren. Als Fünfjährige erlebten Sie die Vertreibung. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?


Es war ein wahnsinnig kalter Januar 1945, als man uns holterdiepolter rausjagte. Meine Mutter hatte für uns Kuchen gebacken, jedem einen Koffer gepackt, weil sie wusste, dass wir raus müssen. Aber sie wusste nicht, dass es so holterdiepolter ging. Dadurch konnten wir nichts mitnehmen, flohen mit dem, was wir auf dem Leib trugen. Ich hatte eine Zipfelmütze auf dem Kopf, die zu einem Mantel gehörte. Der Mantel fehlte. Die rote Zipfelmütze habe ich nie vergessen.

Du musst doch gefroren haben?

Das weiß ich gar nicht mehr. Wir sind zum Bahnhof und in einen Güterzug geklettert. Ich erinnere mich, dass Menschen auf den Waggondächern hingen, um sich an den Schornsteinen, ein bisschen zu wärmen. Als die angefrorenen Züge dann mit einem Ruck anrollten, fielen viele Leute runter …

Sie landeten in Parchim.


Ja, wir waren drei Jahre dort. Mein Vater war Stellmacher und versorgte für die Dörfler mit Holzpantinen. Als die DDR gegründet wurde, suchte man Neulehrer und bot ihm ein Studium an. Er wurde Berufsschullehrer in Gera und wir zogen dorthin.

Die Vertreibung wurde in der DDR nie thematisiert. Haben Ihre Eltern darüber gesprochen?

Bei uns herrschte Offenheit. Meine Eltern haben nicht geschwiegen, sie haben erzählt, und ich war wissbegierig. Ich habe meinen Vater auch gefragt, ob er jemanden erschossen hat im Krieg. Er antwortete, das hätte er mit seinem Glauben nicht vereinbaren können, und ich glaubte ihm. Allerdings fügte er hinzu, er sei nicht in die entsprechende Zwangslage gekommen.

Ihre Eltern waren Baptisten. Wie hat Sie das geprägt?


Schon sehr. Ich habe mich vieles nicht getraut. An der Schauspielschule habe ich mich heimlich beworben. Als die Zulassung kam, empfing mich mein Vater mit den Worten: „Du willst wirklich Schauspielerin werden? Auch über die Leiche deiner Mutter?“ Da habe ich mich das erste Mal gegen meine Eltern erhoben.

Sie hatten Ihnen sogar verboten, sich die Filmoperette „Das weiße Rössl“ anzusehen. Warum?


Meine Eltern waren Menschen mit klaren Grundsätzen. Aber wie sie den Theaterbetrieb sahen, das verriet doch ihre leichte Beeinflussbarkeit durch eine oberflächlich urteilende Öffentlichkeit. In der Gemeinde war ein Bankdirektor von Gera. Der fand das anrüchig, dass ich Schauspielerin werden will. Einmal bin ich mit meinen Eltern zum Gottesdienst gegangen, da studierte ich schon in Berlin. Diese scheelen, abwertenden Blicke, die mir entgegenkamen – als wäre ich aussätzig.

Änderte sich die Einstellung Ihrer Eltern zu Ihrem Beruf?


Ja. Sie haben sich um 180 Grad gedreht, als sie mich in meiner ersten Rolle sahen. Ich spielte in der Volksbühne die Anna in Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ mit Ruth Kommerell und Hans-Joachim Hanisch. Zwei großartige Schauspieler. Das Stück wurde im Fernsehen live ausgestrahlt. Da meine Eltern keinen Fernseher hatten, fuhren sie extra zu einer LPG–Bäuerin, die einen Apparat hatte, um sich ihre Tochter anzugucken. Danach wurden sie ganz ehrfürchtig. Besonders meine Mutter interessierte sich sehr für meine Arbeit. Als ich 1968 „Wege übers Land“ drehte, ließ meine Mutter meinen Vater wochenlang allein in Gera und kam zu mir nach Berlin, um sich um meinen einjährigen Sohn Pierre zu kümmern. Sie fuhr auch mit an die Drehorte in Mecklenburg.

Haben Sie die Operette inzwischen gesehen?


Nein, es kam immer was dazwischen. In diesem Sommer war ich zur Aufführung nach Beelitz eingeladen worden – es hat wieder nicht geklappt.

Ihr Vater hat einen langen Arm ... Der TV-Roman „Wege übers Land“ von Helmut Sakowski erzählt das Leben der Bäuerin Gertrud Habersaat. Es ist Ihre markanteste Rolle.


Die Popularität, die ich damals bekam, hat mich erstaunt. Ich nahm das aber nur beiläufig wahr, weil ich nicht das Gefühl eines nunmehr gesteigerten Lebens hatte. Aber die Figur hinterließ einen bleibenden Eindruck bei den Leuten. Ich werde heute noch darauf angesprochen.

Haben Sie nach so viel Erfolg und so langer Berufserfahrung noch Selbstzweifel?

Ja. Ich kenne aber auch diesen Ehrgeiz nicht, dieses Rackern, um Erfolg zu haben. Das wird sich nicht mehr ändern. Ich war immer gewöhnt, meine Arbeit mit innerem Einsatz zu machen. Heute muss man vieles machen, um Geld zu verdienen. Dadurch erniedrigen wir uns so ...

Was vermissen Sie in ihrem Beruf heute?


Kontinuität. Man hat keine Zeit mehr, in der Arbeit etwas zu entwickeln. Mir fehlt auch das Mannschaftsspiel. Ein Einzelner kann das Beste erreichen, wenn alle dasselbe Ziel haben. Der WM-Sieg der deutschen Fußballer ist das beste Beispiel. So war das auch bei uns an der Volksbühne. Wir kannten das nicht, dass man einen heraushebt und ihn hochfurzt.

Pierre ist der Sohn des Schweizer Regisseurs Benno Besson, den Sie bei Ihrem ersten Engagement am Deutschen Theater kennenlernten. Wie lange waren Sie verheiratet?

25 Jahre. Zusammen gelebt haben wir zwölf. Kurz nach unserer Silberhochzeit ließen wir uns 1995 in Lausanne scheiden. Ich hatte einen Schweizer Pass und war ja auch Schweizerin. Damals war ich schon sehr glücklich mit meinem jetzigen Mann Johannes. Bennos Leben hatte sich ganz auf die Bühne konzentriert. Ich fand keinen Zugang zu dieser Einseitigkeit. Ich bin ein Mensch, der noch andere Dinge als das Theater schön findet. Ich habe gern Besuch, koche gern, grabe in meinem Garten herum, erfreue mich an meinen Hunden.

Was wäre Ihre Traumrolle?

Eine Figur wie Miss Marple, eine schrullige alte Dame mit Köpfchen und Ambitionen ...

Bärbel Beuchler
on 24. Mai 2017

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