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Leipzig
Voss Albrecht
Imageboom der Messestadt
Mein Leipzig lob ich mir, aber ...

„Mein Leipzig lob ich mir ...“, schrieb Goethe einst über die Stadt, die derzeit einfach nur Hypezig genannt wird. Weltweit erlebt die Messecity einen Image-Boom. Doch was ist dran an diesem Loblied?

Redaktion
on 16. Juni 2017

Nach sieben Jahren wieder eine Ausstellung in der eigenen Stadt. Neo Rauch, einer der teuersten Maler der Welt, lud Freunde der Kunst im September zum Rundgang in die Leipziger Baumwoll-Spinnerei ein. Zwei Tage ging die Show, zwanzig neue Rauch-Bilder waren zu bestaunen. Es kamen 20 000 Leute und es war zu spüren: Eine Stadt feiert sich selbst. Eine Stadt, die auch in den Medien derzeit von allen gefeiert wird.

Was ist dran an Leipzig? Sagt man zu Recht mittlerweile „Hypezig“? Hype ist englisch und bedeutet „angesagt“. Ist es wirklich „Das bessere Berlin“, wie Marketingprofis die Stadt mit ihren 528 000 Einwohnern nennen und zum spontanen Umzug aufrufen? Eine ganz persönliche Spurensuche.
 

Andreas Irngartinger SUPERillu-Reporter Michael Schelenz im Ctuy-Tunnel Leipzig
PICTURE POINT

Leipzig von unten: Projektleiter Andreas Irngartinger (rechts) führt SUPERillu-Reporter Michael Schelenz durch die Baustelle des City-Tunnels. Ab Dezember rollen Regionalzüge und S-Bahnen durch die Röhre

Als Leipzig kam. Ich lebe seit Ende 1990 in Leipzig. Als junger Mann, kurz nach der Wende, stand ich öfters mal neben Rauch am Tresen. Oder neben Sebastian Krumbiegel, der damals gerade „Die Prinzen“ gründete. Oder neben der unbekannten Schönen, die heute Schauspielerin und Sängerin ist. Oder, ein bisschen später, traf ich auf Robby, einen Abiturienten, heute Chefredakteur der SUPERillu. Man kannte sich. Unsere Lieblingsklubs hießen „Zündspule“ und „Distillery“. Die gibt es übrigens immer noch, und Szenemagazine zählen sie heute zu den zehn besten Locations Deutschlands. Einen festen Ort hatten diese Läden nicht. Oft sprach sich erst um Mitternacht herum, in welchem Keller die Party ist. Also hin, paar Bierkästen übereinander gestapelt, Alufolie drüber, Tekkno ab, Flasche Wodka auf und los ging's. Das war die Szene damals. Überraschend, unberechenbar, anders.

Leipzig lebt. Ich habe also den Vergleich zu früher. Es stimmt, Leipzig ist jung geblieben. In der Südvorstadt, rund um die Karl-Liebknecht-Straße, die alle nur „Karli“ nennen, gibt es Kneipen, Klubs, Kinos, Cafés, Bioläden, Kinderwagen dicht an dicht. Am Wochenende ist der Teufel los. 40 000 Studierende wollen eben was erleben! Aber ist das Grund genug für so einen Hype um Leipzig, für so ein Getue? Gibt es solche Meilen nicht überall? Genau wie die jungen Leute mit ihren Strickmützen, Trainingshosen und dem Mate-Fläschchen in der Hand? Treffen sich nicht auch in München, Köln und Dresden Nachtschwärmer auf Brücken und trinken Bier und Bionade? Natürlich, aber um die Sachsenbrücke im Clara-Park, den neuen Leipziger Open-Air-Treff am Abend, wird plötzlich ein Kult gemacht. Schon komisch.

Silva aus Leipzig in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Jungnickel/SUPERillu

Das Drogen-Problem: Die Boomtown hat ein Drogenproblem. Alkohol, Heroin und neuerdings Crystal überschwemmen den Markt. 2012 gab es 4160 Drogenabhängige und fünf Suchttote

Leipzig schockt. Ich habe das Gefühl, Leipzig schämt sich ein bisschen für so viel Lob von allen Seiten. Für ein zu gutes Image. Denn es gibt auch ein zweites Gesicht. Mir fallen täglich die Leute auf, die verzweifelt in Mülleimern nach etwas Essbarem suchen. Letzte Woche sah ich einen Mann, der kopfüber im Flaschencontainer steckte und nach Pfandflaschen wühlte. 10,6 Prozent Arbeitslose gibt es in der Messestadt, ein Drittel mehr als im Bundesdurchschnitt. Okay, vor zehn Jahren waren es noch doppelt so viele, aber für eine Boomtown doch recht heftig. Der Verdienst pro Kopf liegt bei 1 051 Euro im Monat. Kein Wunder, dass es 20 000 „Aufstocker“ gibt, Menschen, die trotz festem Job und regelmäßigem Gehalt Hartz IV zum Überleben brauchen. „Der Hype nervt“, findet Juliane Nagel, Friedenspreisträgerin 2013 und für Die Linke im Leipziger Stadtrat.

Leipzig strahlt. Es gibt viele schöne Flecken. Am Sonnabend fallen Konvois von Reisebussen aus ganz Deutschland in die Stadt ein. Die Besucher bestaunen die herrlich sanierten Fassaden von Oper und Gewandhaus, die Nikolaikirche und das Bach-Denkmal vor der Thomaskirche. Sie pilgern zum Fußballstadion, schlürfen Austern in der Mädlerpassage, trinken Bier für 4,40 Euro den halben Liter. Vor dem Leipziger Zoo bilden sich lange Schlangen an den Kassen, erstaunlich bei Preisen von 17 Euro für Erwachsene und 10 für Kinder. Es ist Leben in der Stadt. Alles vom Feinsten, und dennoch nur die halbe Wahrheit. Denn das sind meistens Touristen. 1,23 Millionen kamen 2012, stolze 6,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Gondwanaland im Leipziger Zoo
Jungnickel/SUPERillu

Der Leipziger Zoo ist einer der schönsten Deutschlands. Das „Gondwanaland“ mit seinem Regenwald ist einzigartig. Hier fühlen sich vom Äffchen bis zum Flusspferd alle wohl

Wenn ich ein paar Straßen rausfahre aus der Innenstadt, sehe ich verlassene Fabrikhallen, entvölkerte Stadtteile wie die Eisenbahnstraße gleich hinterm Hauptbahnhof, vernagelte Fenster und Türen, Birken, die aus der Dachrinne wachsen. Aber auch das ist für mich Leipziger Charme. Das Schöne an dieser Stadt sind für mich nicht unbedingt die Jugendstilvillen im Waldstraßen-Karree. Aber Weltstadt?

Leipzig verändert sich. Es gibt neue In-Viertel. Plagwitz zum Beispiel. Seit ein paar Jahren Heimat der Künstler und jungen Familien mit Geld. Aus früher lärmenden Fabriken entstanden schicke Wohnungen hinter roten Ziegelmauern. In ehemals verdreckten Kanälen glänzen echte Gondeln aus Venedig, die überraschte Touristen durch die Kanäle der Stadt schaukeln. Hier leben inzwischen 100 000 Menschen. Das sind mehr als doppelt so viele wie in Leipzig-Grünau, dem berühmten DDR-Plattenbaughetto („mit Innen-WC“) aus den Siebzigern. Die trostlosen Hochhäuser dort sind zum Teil verschwunden oder rückgebaut. Grünau ist nur noch halb so groß wie früher. Die Mieten in den beliebten Stadtteilen wie Musikerviertel und Waldschlößchenviertel ziehen enorm an, 8 bis 10 Euro für den Quadratmeter sind schon fast normal.

„Hypezig“ hin oder her. Fakt ist, dass sich Leipzig in den vergangenen zehn Jahren wirklich berappelt hat. Mit der Verbundnetz Gas sitzt hier das größte ostdeutsche Unternehmen. Inzwischen baut Porsche an der Pleiße mehr Autos als in Zuffenhausen, hat BMW sein Elektromobilitätszentrum in die Stadt der Freiheit verlegt und fliegt DHL mit der gemeinsamen Lufthansa-Tochter Aerologic Päckchen um die ganze Welt. Leipzig hat sich vom Wunschdenken freigemacht, neben Mainhattan zum zweiten Finanz- und Dientleistungszentrum Deutschlands aufzusteigen.

Leipzig ist individuell. Es kommt auf einen selbst an! Daher erzähle ich noch die Geschichte von meinem alten Bekannten "Onezero", der schon so lange in der Stadt ist wie ich. Ein Amerikaner, Ende 60, lange graue Haare, ab und zu ein Job als Englisch-Lehrer, immer gut gelaunt und mit Holzstock unterwegs, für mehr Halt auf dem Gehsteig und im Leben. „Onezero“ (gesprochen „Wannsiero“) hat offiziell keinen Namen mehr, den hat er abgelegt. Er hat stattdessen eine Zahl im Pass stehen, die „1069“. „Onezero“ ist immer vor demselben irischen Pub in der Südvorstadt anzutreffen. Er malt nicht, er schreibt nicht. Er diskutiert mit den Gästen, philosophiert, hat selten Geld und daher nichts dagegen, wenn er ein Guinness spendiert bekommt. „Michael“, sagt er immer mit seinem amerikanischen Akzent, „Leipzig ist wundervoll. Alle kennen mich, aber keiner weiß, wie ich heiße. Es ist so herrlich unpersönlich und zugleich persönlich. Und verdursten werde ich in dieser Stadt mit ihren aufgeschlossenen Menschen mit Sicherheit nie.“

Redaktion
on 16. Juni 2017

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