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Annekathrin Bürger Neptunbrunnen
M.Handelmann/SUPERillu
„Hostess“
Zu freizügig für Filmwächter!

Zur SUPERillu-„Hostess“: In der DDR gab es keine Prüderie. Trotzdem sollten die erotischen Nacktszenen aus der Filmkopie für die DDR-Kinos entfernt werden …

Bärbel Beuchler
on 13. Juni 2017

In der DDR gab es keine Prüderie. Trotzdem sollten die erotischen Nacktszenen aus der Filmkopie für die DDR-Kinos entfernt werden ...

Ein Wochentag Mitte August 2007. Touristen stehen Schlange vor dem Fernsehturm. Sie wollen Berlin aus der Vogelperspektive sehen. Rund 1,2 Millionen Besucher üben sich seit der Eröffnung des „Telespargels“ am 3. Oktober 1969 jährlich vor den Kassen in Geduld, um den Rundblick aus über 200 Metern Höhe zu genießen.

Liebe und Spitzen. In diesem Ambiente drehte Rolf Römer (² 2000) im Sommer 1975 den DEFA-Film „Hostess“ (Premiere 15.2.1976). Er entführt die Zuschauer in die farbenfrohe Alltagswelt am Berliner Alexanderplatz. Eingebettet in stimmungsvolle Bilder erzählt „Hostess“ die turbulente Liebesgeschichte einer Stadtführerin und eines Kfz-Mechanikers, die den Zuschauer oft schmunzeln lässt. Auch wenn kleine Spitzen wie „Nun spiel nicht den sozialistischen Gralshüter !“ oder „Die Ehe haben wir Sozialisten nicht erfunden“ heute nicht mehr den Effekt haben wie in den 70ern. Die Hauptrolle schrieb Römer für seine Frau Annekathrin Bürger. Gemeinsam mit Schauspielerin Angela Brunner, ihrer Filmschwägerin, kehrt sie auf Einladung von SUPERillu an ihren „Arbeitsplatz“ von damals zurück. Eine Hostess, heute heißt das Managerin, mogelt uns an der Touristen-Schlange vorbei. Im Telecafé ist für uns ein Tisch reserviert.

Wann waren Sie eigentlich zuletzt auf dem Fernsehturm ?

Annekathrin Bürger: Als wir „Hostess“ gedreht haben. Wenn wir Besuch bekamen, gab Rolf den Stadtführer. Er kam immer an den Schlangen vorbei hier rauf, weil ihn die Hostessen kannten.

Der Film steigt mit sehr erotischen Szenen in die Geschichte ein. War das nicht ungewöhnlich ?

Bürger: Aus der Sicht von Rolf Römer nicht. Wenn sich zwei Menschen lieben, ist Sex am Sonntagmorgen normal. Wir sind mit FKK aufgewachsen. Die Prüderie hielt bei uns erst nach der Wende Einzug. Aber es gab tatsächlich auch damals bei der Abnahme durch die Hauptabteilung Film beim Kulturministerium Stimmen, die meinten, diese Szenen sollten nur bei den Kopien fürs »nichtsozialistische Ausland« drin bleiben.

Es würde mich wundern, wäre das der einzige Anstoß gewesen.

Bürger: Natürlich war das nicht der einzige. Es gab einen Riesenzorn, weil Rolf die Szene nicht rausgeschnitten hat, in der er als Straßenarbeiter mit langen Haaren aufgetreten ist. Das widersprach dem Bild von der sozialistischen Arbeiterklasse. Damit es kein anderer macht, hatte er die Filmbüchse aus dem Schnitt mit nach Hause genommen. So ging die ungeschnittene Fassung ins Kopierwerk.

Dieser Film zeichnet ein kritisches, aber liebevolles DDR-Bild.

Bürger: Die Vorstellung der DEFA war aber eine andere. Albert Wilkening, der damalige Direktor, wollte eine Komödie á la »Mit mir nicht, Madame!« Es wurde Rolf vorgeworfen, er hätte einen touristischen Film gemacht. So ein Schwachsinn. Jedes Land sieht seine Hauptstadt gern in Spielfilmen.

„Hostess“ eröffnete 2006 die Retrospektive „Berlinfilme der DEFA“. Wie kam der Film an ?

Bürger: Die Zuschauer amüsierten sich von Anfang bis Ende. Lachten, als Jettes Freundin Roswitha ihrer Chefin die Wandzeitung mit dem nackten Arsch zeigt, unter dem das Motto steht „Die Wahrheit ist konkret“. Oder am Schluss, als Gerd Bienert - der Hausmeister - sagt, dass er den Müll weiter trennt, obwohl es keinen Sinn macht.

Würden Sie sagen, der Film ist Spiegel der damaligen Zeit?

Bürger: Würde ich sagen, ja. Für mich ist er einer der heiteren, locker gemachten DEFA-Filme, der die Realität des DDR-Alltags nicht auslässt. Es war damals normal, dass alle ihre Handwerker gespickt haben, obwohl man eigentlich dagegen war. Eine Autoreparatur ging nicht ohne Schmiergeld. Es herrschte permanent Materialmangel, weil man ja keine Privatinitiative zuließ.

Angela Brunner (die heute Bilder malt und Bücher illustriert): Ich erinnere mich, wie ich nach Tapete rumgerannt bin. Überall gab es die gleiche, Streifen oder Ornamente ... Sicher, die Sehnsucht vieler war eine Schrankwand. Da passte viel rein. Es war aber auch ein Zeitgeschmack. Trotzdem war man bestrebt, seine Wohnung individuell zu gestalten. Es gab eine Gemütlichkeit, die ich in den IKEA-Wohnungen von heute vermisse.

Bürger: Die Wohnung war der Treffpunkt, wohin man Freunde einlud, kochte. Da wurde dann probiert und experimentiert. Chinesisch kochen war damals in. Weil es bestimmte Zutaten nicht gab, ließ man seine Phantasie spielen. Das machte Spaß. Und man freute sich, wenn man Geschirr aus Bürgel, Meißner Zwiebelmuster oder die Kreationen von Hedwig Bollhagen auf den Tisch stellen konnte.

Was empfinden Sie, wenn Sie jetzt einen Blick von hier oben auf Berlin werfen ?

Bürger: Freude, dass eine Filmkamera heute ungeniert lange übers Brandenburger Tor in den Westen gucken kann, ohne dass sich jemand bei der Abnahme beschwert. Es ist schön, wieder mal hier oben zu sitzen und mit Angela Spaß zu haben.

Brunner: Das empfinde ich auch. Ich bin dankbar, dass ihr mich zu diesem Treffen eingeladen habt. Es ist ein glücklicher Tag für mich.

hostess 2017
M.Handelmann /SUPERillu

Hostess 2017

Annekathrin Bürger mit einer Familie aus Vietnam

Bärbel Beuchler
on 13. Juni 2017

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