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Mecklenburg-Vorpommern
A. Bock/MLK
Heimat Hagenow
Die „Letzte Generation Ost"

Kristin Trüb (28) stammt aus Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern. Über die letzte Ost-Generation, von der viele längst woanders leben, hat sie nun ein Buch gemacht

Redaktion
on 16. Juni 2017

„Letzte Generation Ost“ heißt ihr Buch. Darin Fotos und Interview mit neun Menschen, die alle in der Kleinstadt Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern geboren und in der Neubau-Siedlung Kiez aufgewachsen sind. Die Mediengestalterin und Fotodesign-Studentin Kristin Trüb ist auch dort großgeworden. Der Ausbildung wegen ist sie dann erst ins Rheinland gegangen, jetzt macht sie ihren Master an der Fachhochschule Dortmund. Für ihren Bachelor-Abschluss gestaltete die Fotografin mit ihrer alten Pentacon 6-Kamera ein Buch über ihre Altersgenossen aus der  Heimat, die letzte Generation Ost. Entstanden ist eine interessante Milieustudie über Heimat, Identität und Veränderung.

Kristin, was brachte Sie auf die Idee für Ihr Buch?

Zum einen mein Studium, zum anderen hat es mich interessiert, wie andere Leute meiner Altersstufe über ihre Heimat denken. Ich kann mich nicht wirklich gut an die DDR erinnern und frage mich, welchen Einfluss der Umbruch, die Wende 1989 auf mein leben hatte. Ich wollte wissen, ob es nur mir so geht, oder auch anderen. Die von mir befragten Personen stammen alle wie ich aus Hagenow und alle leben, inklusive ihrer Eltern, mit einer Ausnahme, nicht mehr  dort, sondern entweder in Rostock, Schwerin oder Hamburg, oder auch in Berlin.

Ich wollte mich einfach mal mit dem Land, aus dem ich komme, das ich aber selbst gar nicht wirklich kenne, auseinandersetzen. Dabei war mir wichtig, nicht nur Infos aus Dokus bzw.Talkshows oder dem familiären Umfeld zu ziehen, sondern mit den Menschen, die genauso viel oder wenig wie ich wissen, zu sprechen. Also habe ich Kontakt zu alten Freunden und Klassenkameraden aufgenommen, die wie ich in Hagenow auf dem Kietz großgeworden sind.

Worum geht es in Ihrem Buch?

Es geht nicht nur um die Gedanken und Erinnerungen der vorgestellten Personen. Es geht auch immer wieder um die Veränderung der Plattenbausiedlung. So gibt es einen Bauplan am Anfang und später wieder, allerdings mit unterschiedlichen Straßennamen, da diese nach der Wende verändert wurden. So heißt die ehemalige Straße der Befreiung heute Plantagenweg. Auf dem neuen Plan kann man auch sehen, welche Platten aufgrund von enormen Leerstand bereits abgerissen wurden und welche noch folgen sollen.

Die Siedlung Kietz in Hagenow hat gilt heute als „vergessener Stadtteil“, kein wirtlicher Ort, viele Wohnungen stehen leer ...

Alle Interviewpartner erzählen, wie toll es war dort aufzuwachsen und wie sich die Siedlung verändert hat und das sie heute nicht mehr dort leben möchten. Das zeigt ganz klar, wie auch die Veränderung in den Köpfen stattgefunden hat. Vor der Wende war es super, im Plattenbau zu wohnen. Niemand hat was Negatives darüber gesagt. Heute möchte niemand mehr so wohnen. Warum eigentlich? Die Platte spielt eine wichtige Rolle in meiner Arbeit, nicht nur weil dort alle aufgewachsen sind, sondern weil sie ein Symbol für die DDR ist.

Was verbindet diese ehemaligen Siedlungs-Bewohner, außer, dass alle Hagenow verlassen haben?

Ich fand es faszinierend, dass alle bei meiner Frage, ob es in ihrer Generation noch einen Ost-West-Konflikt gebe bzw. Unterschiede, die spontane Reaktion aller war: Nein, dafür sind wir zu jung, das interessiert uns nicht mehr. Und dann folgte bei allen das Aber. Stets kam es in einem Halbsatz, oft auch mit einem Augenzwinkern oder als Witz, es folgte immer etwas nach dem Motto: Naja, die Wessis sind schon anders, mehr etepete oder ähnliches. Diesen Unterschied haben alle doch noch irgendwie gemacht, obwohl sie wie ich die DDR nur drei bis vier Jahre miterlebt haben und in dem System kein ganzes erwachsenes Leben zugebracht haben.

Die Klischees sind immer noch, auch 25 Jahre nach der Wende, in den Köpfen verankert. Das ist schon spannend, aber eigentlich auch nicht verwunderlich. Sowas braucht einfach Zeit.

Gibt es darüber hinaus Gemeinsames, typisch Ostdeutsches?

Manchmal sind es nur unterschiedliche Worte, die man benutzt. Aus meiner Sicht gehört aber auch die Erfahrung eines besonderen Gemeinschaftssinns dazu. Wenn ich hier im Ruhrgebiet mit Freunden spreche und die Rede kommt zufällig auf die eigene Kindheit, dann zeigt sich schnell, dass viele Mütter im Westen zuhause waren und nicht gearbeitet haben wie die Mütter im Osten. Uns Ost-Kindern ist die frühe Kitaerfahrung zu eigen, während westdeutsche Jugendliche oft lange in der Obhut der Mutter zuhause waren, bevor sie in den Kindergarten kamen. Das sind halt andere Erfahrungen und das ist total ok, ich werte das eine nicht besser oder schlechter als das andere, es ist aber ein Unterschied.

Ein Erfahrungsschatz der „letzten Ost-Generation“, den man vielleicht mehr würdigen sollte?

Jeder von uns hat ganz unterschiedliche Erfahrungen im Leben gemacht, die er zum Beispiel in die aktuelle politische Lage einbringen kann. Wir Kinder aus dem Osten sind in zwei Staaten sozialisiert. Unsere Erfahrungen, aber auch die der älteren sind sicherlich wertvoll und sollten viel mehr mit einbezogen werden. Das Kinderbetreuungssystem zum Beispiel hat damals einfach sehr gut funktioniert. Natürlich darf man nicht vergessen, dass das vom Staat so gewollt war, da zum einen jede Arbeitskraft benötigt wurde und zum anderen der Staat von Anfang an Einfluss auf seine Bürger nehmen konnte. Aber das System an sich hat funktioniert und Frauen konnten ihrem Beruf genauso nachgehen wie Männer und trotzdem eine Familie gründen. Das ist heute definitiv noch anders. Das sollte man einfach mal viel intensiver analysieren und mit Menschen reden, die diesen Betreuungssystem erlebt haben. Ich weiß nicht, ob sowas gemacht wird, also auf politischer Ebene, aber ich würde es mir wünschen.

Das kann man auch auf Menschen beziehen, die aus anderen Ländern kommen. Man sollte ihre Erfahrungen und Fähigkeiten nutzen und sie nicht als Ausländer abstempeln. Viele sehen diese Menschen als Last, ich finde sie sind wertvoll für unsere Gesellschaft.

Wie haben Ihre Eltern die Wende erlebt?

Mein Vater war nach der Wende eine Zeitlang LKW-Fahrer. Ich kann gar nicht sagen wie lange, wahrscheinlich nur 1-2 Jahre. Aber ich kann mich gut daran erinnern, weil ich es aufregend fand. Ich habe ihn während der Arbeit an meinem Buch gefragt, wie das damals für ihn war, auf einmal durch ganz Deutschland fahren zu dürfen. Er meinte, er hätte darüber nicht wirklich nachgedacht. Für ihn war wichtig, dass es uns, also seiner Familie, gutgeht. Das ist alles irgendwie so schnell passiert, dass man keine Zeit hatte darüber nachzudenken.

Redaktion
on 16. Juni 2017

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