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Trauer um Franz Bartzsch
Vronis Ex-Bandchef tot: Abschied von einer Komponisten-Legende

Er war glücklich, wollte heiraten. Ganz unerwartet wurde der geniale Musiker aus dem Leben gerissen

Bärbel Beuchler
on 23. Mai 2017

Es ist kalt, fünf Grad unter Null am 5. Januar des neuen Jahres, als sein Herz aufhört zu schlagen. Er sitzt im Auto, allein, auf dem Parkplatz der Firma Holz Possling in Berlin-Britz. Zwei Stunden lang bemerkt niemand, dass da jemand bewegungslos hinter dem Lenkrad des Kia Sorento hockt. Dann kommt ein Kunde aus dem Baumarkt an dem Geländewagen vorbei. Schon als er kam, hatte er das dunkle Auto auf dem Parkplatz gesehen, nun steht es immer noch da. Er sieht jemanden im Auto, klopft an die Scheibe. Im Wagen klingelt ein Handy, doch der Mann auf dem Fahrersitz rührt sich nicht, ist zusammengesunken. Der Kunde eilt zum Baumarkt, bittet um Hilfe, die Feuerwehr wird gerufen. Ein Ersthelfer mit Notfallkoffer eilt über den Parkplatz. Der Mann am Steuer ist nicht ansprechbar. Wenige Minuten später ist die Feuerwehr vor Ort. Eine Ärztin beginnt mit einer Herzdruckmassage, vergeblich. Im Auto klingelt unaufhörlich das Handy.

Das Herz

Es ist Dienstag, 5. Januar, als Sinja, die 12-jährige Tochter von Franz Bartzsch, ihren Papa auf dem Handy anruft. Nach langem Klingeln nimmt jemand ab. „Papa?“, fragt sie. Eine fremde Stimme meldet sich: „Dein Papa ist umgefallen.“ Das Mädchen hatte schon einmal erlebt, dass ihr Papa umfiel. Damals spritzte sie ihm kaltes Wasser ins Gesicht, das half. Sinja ist aufgeregt, ruft Anke an, die Lebensgefährtin ihres Papas. Anke Schenker ist eine bekannte Sängerin, sang u. a. mit den Swing Sisters und bei United Voices. Sie ist noch völlig fassungslos, als SUPERillu mit ihr spricht.

Zum Tod von Franz Bartzsch: der Parkplatz vor Holz Possling
M. Handelmann/SUPERillu

Letzte Station: Bartzsch wurde auf dem Parkplatz eines Holzgroßhandels in Berlin-Britz im Auto gefunden

Lebensgefährtin Anke Schenker

Das Sprechen fällt ihr schwer. „Ich weiß nicht, was wird“, sagt sie, „in mir ist eine große Leere ...“ Anke ist die Frau, mit der Franz alt werden wollte. Drei Mal war er verheiratet, immer mit viel Emotionen, drei Mal war es schiefgelaufen. Mit Anke, das war was anderes. Der Ausnahmekomponist und die Sängerin mit der großen Stimme - ein musikalisches Kraftpaket. Aber das war es nicht, was sie zusammenhielt. „Man kann es nicht erklären“, erzählt Anke, „dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit war von Anfang an da.“ Ihre Stimme versagt. Fünf Jahre ist es her, dass beide ein Paar wurden. Es begann, als Schlagzeuger Fränki Hille, ein langjähriger Kollege von Franz, gestorben war und Manager Wolfgang Schubert ein Gedenkkonzert für ihn organisierte. Anke sollte ein Lied singen, das sie einst für ihren verstorbenen Vater geschrieben hatte. „Ich rief Franz einfach an und fragte ihn, ob er es arrangieren könnte.“ Er konnte. „Natürlich kannte ich Franz schon vorher, den großen Franz Bartzsch, wer kannte ihn nicht“, erzählt Anke. „Aber erst, als wir miteinander zu tun hatten, habe ich gemerkt, was für ein lieber Mensch er ist, eine herzensgute Seele.“

Hochzeitspläne

Sie wollten heiraten. Im April 2009 war sie zu ihm in sein Haus in der Nähe von Havelberg gezogen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte die Hochzeit längst stattgefunden. „Aber ich habe immer nach einem besseren Zeitpunkt gesucht. Im Sommer, dachte ich. Und ein paar Pfund abnehmen wollte ich auch noch. Es wäre doch mein erstes Mal gewesen.“ Jetzt ist alles anders. Franz ist tot. Am 5. Januar früh noch rief er sie aus seinem Studio in Berlin-Friedenau an. Guten-Morgen-Küsschen. Franz war mit Bodo Kommnick verabredet. Die beiden arbeiteten an einer Filmmusik. Als Bodo gegen Mittag eintrifft, ist die Studiotür verschlossen. Anke beruhigt ihn: Du kennst doch Franz. Er hat sich verzettelt, ist vielleicht einkaufen ... Aber dann erreicht sie der beängstigende Anruf von Sinja. „Ich hatte furchtbare Angst“, erzählt Anke Schenker, „Franz war im Herbst schon einmal umgefallen. Die Ärzte wollten ihm damals vorübergehend ein Aufzeichnungsgerät einsetzen. Aber Franz wollte das nicht. Er wäre ja noch nicht einmal zum Arzt gegangen, wenn ich ihn nicht gedrängt hätte.“ Der Professor nahm ihm das Versprechen ab, sich sofort zu melden, wenn es noch einmal passieren sollte. „Anfangs hatte ich ihn überallhin begleitet“, erzählt Anke. Aber mit der Zeit kehrte der Alltag zurück. „Franz fühlte sich besser durch ein blutdrucksenkendes Mittel, und irgendwie wähnten wir uns auf der sicheren Seite.“ Eine trügerisches Gefühl. Als Anke an jenem 5. Januar von der aufgeregten Sinja alarmiert wird und nun selbst die Handynummer von Franz anruft, ist wieder der fremde Mann dran. Im Hintergrund hört sie die Feuerwehr. Sie bittet ihn, nicht aufzulegen und hört, wie die Notärztin eintrifft und versucht, Franz zu reanimieren. Dann die schockierende Nachricht. „Ich habe geschrien ...“ Zwei Stunden später steht Anke Schenker vor der Pathologie der Vivantes-Klinik. Man lässt sie nicht hinein. „Wahrscheinlich hätte man mich nicht mal informiert, wenn Sinja nicht zufällig bei ihrem Vater angerufen hätte.“

Zum Tod von Franz Bartzsch: Imbissverkäuferin Katrin Pommerening war Augenzeugin
M. Handelmann/SUPERillu

In Sichtweite: Katrin Pommerening sah vom Imbiss-Stand aus die Rettungsaktion. Der Tote, sagt sie, hatte rote Flecken

Zerstörte Träume

Anke versucht Haltung zu bewahren. „Er war mein Traummann“, sagt sie traurig. „Der beste Mann der Welt. Wir hatten so viel vor, wollten im Frühjahr mit Sinja nach Teneriffa, vorher unsere Küche umbauen. Deswegen war Franz wohl auf dem Baumarkt. Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass so etwas passiert. Franz war ein Sonnenschein. Für so einen Fall hat er keine Vorkehrungen getroffen. Fünf Jahre waren wir zusammen. Viel zu kurze Zeit. Aber ich bin dankbar für alles. Was jetzt wird, weiß ich nicht. Es kommt mir vor, als wäre ich in einem Vakuum.“

Sein Leben

Franz Bartzsch galt in Ost und West als begnadeter Musiker. Der gebürtige Schmöllner begann 1969 als Bassist in der Gerhard-Stein-Combo, wechselte in das Dresden-Septett, aus dem 1973 Lift hervorging. Damals schon war er ein talentierter Komponist. „Ich habe Franz an Lakomys Flügel ein paar Melodien vorgespielt“, erzählt Angelika Mann, „und wünschte mir ein Lied von ihm!“ Bartzsch schrieb der Lütten das „Champuslied“, einen ihrer großen Titel. Die Lütte ist von der Todesnachricht geschockt: „Wenn ich jetzt seine Lieder höre, fange ich an zu heulen.“

Franz und Vroni

1974 gründete Bartzsch gemeinsam mit Veronika Fischer und dem Gitarristen Johannes Biebl „Veronika Fischer & Band“. Er komponierte Vronis große Hits wie „Dass ich eine Schneeflocke wär“, „Sommernachtsball“ oder „Auf der Wiese haben wir gelegen“. Bartzsch hatte die 70er-Jahre im Osten als die schönste Zeit seines Lebens bezeichnet. „Als Vroni Fischer und ich ganz schön arm in der Wörther Straße in Berlin geprobt haben, die letzten Pfennige für ein Leberwurstbrötchen zusammenkratzen mussten. Wir wussten nicht, was wird, aber wir wollten etwas.“ Veronika Fischer ist erschüttert. „Franz ist ein Freund, wir hatten eine Verbindung durch die Musik, wir wollten uns jetzt mal treffen. Er wollte etwas für mich schreiben. Er hat ja meine größten Hits geschrieben.“ Sie erzählt: „Ich wusste, dass er schwächlich war, gelegentlich was mit dem Herzen hatte. Aber er wollte nicht darüber sprechen!“ Bartzsch lebte eben nach dem Motto seiner Großmutter: „Was von allein kommt, geht auch wieder von allein!“ Zu SUPERillu sagte er: „Ich bin einer, der so gut wie nie zum Arzt geht!“ Von Franz’ gesundheitlichen Problemen wusste auch Ute Freudenberg. „Ich bin geschockt, kann kaum reden ... Mit Franz geht einer der wunderbarsten Komponisten des Landes. Er war so ein lustiger Kollege!“

Neue Wege

Die Band 4 PS mit den Gründungsmitgliedern Franz Bartzsch, Johannes Biebl, Frank Hille und Michael Kaszubowski entstand Anfang 1977 aus der Begleitband von Veronika Fischer. In jenen Tagen lernte Musik-Agent Wolfgang Schubert den Komponisten kennen. Schubert: „Dieses filigrane Kompositionsempfinden mit der Verspieltheit zwischen deutscher Klassik und amerikanischen Grooves machte Franz’ Lieder von da an zu meinen Favoriten. Aber vor allem gehörte Franz zu den genialen Künstlern und Gutmenschen, deren Töne Herz und Seele hörbar machten!“ Diese Genialität bemerkten auch andere ...

Zweite Karriere

Als Bartzsch 1980 nach einem Auftritt im Westen blieb, fasste er auch dort schnell Fuß. Als Studiomusiker und Komponist arbeitete er für große Stars wie Udo Jürgens und Roland Kaiser. Roland Kaiser: „Ich kenne Franz Bartzsch, seit er damals die DDR verlassen hatte, um seine musikalische Karriere in Berlin West fortzusetzen. Ich verdanke ihm einige meiner Titel, wie z. B. „Ich glaub, es geht schon wieder los“. Wir sind auch zusammen auf Tournee gegangen. Er war mein musikalischer Leiter.“ Der plötzliche Herztod von Franz Bartzsch bewegt den „Kaiser“ sehr: „Es ist sehr bedauerlich, dass Franz so früh von uns geht. Wir haben nicht nur zusammen gearbeitet, sondern auch privat eine schöne Zeit miteinander verbracht.“ Auch Musikmanager Jörg Stempel, der sich wie kein anderer um die Wahrung des AMIGA-Erbes verdient gemacht hat, erzählt von der Zeit, als Bartzsch mit Kaiser auf Tournee ging: „1987 wurden Roland Kaiser und Band zum Gastspiel anlässlich der 750-Jahr-Feier nach Berlin eingeladen. Doch Franz, Bandleader und Keyborder von Kaiser, hatte als Republikflüchtling Einreiseverbot. Roland sagte: „Dann spiele ich nicht!“ Die DDR-Funktionäre bissen in den sauren Apfel - Bartzsch durfte tatsächlich im Palast der Republik auftreten. Und konnte zahlreiche Rock- und Popmusik-Kollegen wiedersehen. „Auch wenn manche nie zu einem Schlagerkonzert gegangen wären - ihren Franz wollten sie mal wieder live erleben.“

Musik im Oscar-Film

Auch im Film „Das Leben der Anderen“, Oscar-Gewinner 2007, ist Bartzschs Musik zu hören. Jörg Stempel: „Drei Nächte lang hatte ich die Chance, Florian Henckel von Donnersmarck den Ostrock vorzuführen.“ Der Regisseur war begeistert, wählte letztendlich zwei Lieder von Bartzsch für die Filmmusik aus: das „Champus-Lied“ und den Titel „Ich würde, wenn ich wüsste, dass ich könnte“. Franz zu Ehren gab Stempel zu dessen 60. Geburtstag im selben Jahr eine Porträtplatte mit dessen Hits - als Komponist oder beteiligter Sänger - heraus. Der Musikmanager: „Bei der Fülle der von ihm geschriebenen Titel fiel es mir schwer, eine vollendete Auswahl zu treffen. Wir haben miteinander diskutiert und dabei manches Streitgespräch geführt, wobei ich letztendlich aus Respekt und großer Sympathie nachgegeben habe, damit Franz seine Lieblingstitel auf der CD wiederfindet.“

Gedenken

Tief betroffen sind auch viele Fernseh-Macher in Ost und West. Franz hatte für „Polizeirufe“ und „Tatorte“ komponiert, für Erfolgsserien wie „Schloss Einstein“, „Blankenese“, „Neues aus Büttenwarder“, „Heimatgeschichten“, „Sperling“ ... Im Februar, kündigt Angelika Mann an, wollen Freunde in Berlin ein Gedenkkonzert veranstalten.

Bärbel Beuchler
on 23. Mai 2017

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