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Steven Hartung beim Treffen mit SUPERillu
A. Wetzel/SUPERillu
Steven Hartung
Internet
Steven Hartung als Mitglied der Kameradschaft Zella-Mehl
Internet
Ex-Neonazi Steven Hartung
„Ich war Nazi. Ich bin raus“

Neun Jahre war Steven Hartung einer der führenden Neonazis Thüringens und kannte auch Angeklagte im NSU-Prozess. Vor zwei Jahren stieg er aus

Redaktion
on 14. Juni 2017

Dass der junge Mann bis vor zwei Jahren einer der führenden Rechtsextremisten Thüringens war, mag man kaum glauben, wenn man Steven Hartung gegenübersteht. Er trägt Dreadlocks wie Bob Marley und lebt vegan, was nichts anderes heißt, als dass er auf jegliche Tierprodukte verzichtet. Kein Fleisch, keine Schuhe aus Leder, nicht mal ein Ei zum Frühstück. Seit zwei Jahren studiert Hartung an der Universität Jena Philosophie und Soziologie, wurde in den Fachschaftsrat des Instituts für Philosophie gewählt. Er will die Welt begreifen, hinterfragt das Leben – vor allem sein eigenes. Im Sommer 2011 stieg Steven mithilfe des Aussteigerprogramms EXIT-Deutschland aus der Szene aus. Heute distanziert er sich von seiner rechten Vergangenheit. Steven: „Ich werde oft gefragt, wie viel von dem damaligen Steven noch in mir steckt. Da sage ich: Nichts mehr.“

Beate Zschäpe
dpa

Die Angeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe. Das Verfahren beobachtet Steven Hartung genau. Von Zschäpe und der NSU hatte er in der Szene nie gehört

Zeit in der Szene. Mit 13 machte Steven seine ersten Erfahrungen mit Rechtsradikalismus. Er war damit sogar etwas jünger als Beate Zschäpe die sich gerade vor dem Oberlandesgericht München wegen zehn Morden und der Bildung der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) verantworten muss. Während Zschäpe als 16-Jährige auf eine neonazistische Jugendclique in Jena stieß und dabei die anderen beiden NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennenlernte, war es bei Steven Hartung der Schulhof, auf dem er mit rechtsradikalem Gedankengut in Berührung kam. Hartung: „Dort haben wir Kassetten und CDs mit rechter Musik getauscht.“ Er wird Mitglied im Feuerwehr- und Fußballverein, ist dort stets mit Alltagsrassismus konfrontiert. „Da war es ganz normal, gegen Ausländer zu sein.“ Er kaufte sich T-Shirts mit Konterfeis rechter Bands und Springerstiefel. Hartung: „Meinen Eltern hab ich gesagt, das sind Feuerwehrstiefel.“ Mit 15, 16, er hat gerade eine Lehre begonnen, schloss er sich der Kameradschaft Zella-Mehlis an. „Ich wollte meine Ideologie nicht mehr nur für mich im stillen Kämmerlein ausleben.“ Kameradschaftsabende mit abstrusen Diskussionen über den historischen Nationalsozialismus, das Gestalten von Flugblättern und die Organisation von Demonstrationen bestimmten jetzt seinen Alltag. Auch Gewalt gehört dazu. „Wir waren der Meinung, wir haben die einzig gültige Wahrheit gepachtet. Und alle anderen waren verblendet – vom System oder der Geschichte. Das hatte schon Sektencharakter.“ 2008 schlossen sich 130 Neonazis aus zwölf Thüringer Städten zusammen und Steven wurde einer der drei Rädelsführer. Er war angekommen, ganz oben. Er trug jetzt einen schwarzen Kapuzenpullover, schwarze Jeans, Sonnenbrille – von einem Linksautonomen kaum zu unterscheiden. „Das hatte auch strategische Gründe“, sagt Steven. „Das Wichtigste war ja, Nachwuchs zu akquirieren. Das ging ohne Springerstiefel leichter.“

Der Ausstieg. Doch mit der äußerlichen Veränderung, machte Steven auch immer mehr eine innere Wandlung durch. „Ich hab irgendwann auch „Feindliteratur“ gelesen, um die andere Seite zu verstehen und demontieren zu können, aber dabei hab ich erkannt, dass die gar nicht so falsch liegen.“ Stück für Stück änderte sich sein Weltbild, er rutschte mit seinen Ansichten immer weiter nach links. Und dann stellte ihm auch noch sein Herz ein Bein: Er verliebte sich in ein Mädchen aus der sogenannten „antifaschistischen“ Szene. Steven zog sich immer mehr aus der Szene zurück und wagte 2011 den öffentlichen Austritt. Bis heute wird er von alten Kameraden bedroht. Noch immer hat er ein mulmiges Gefühl, wenn er seine Eltern in der Heimat besucht. Aber auch einige Mitglieder der Antifa glauben nicht an seine komplette Abkehr von alten Ideologien. Steven: „Ich kann meine Geschichte nicht abstreifen und wiedergutmachen, sie ist ein Teil von mir. Aber ich kann aus ihr lernen und versuchen, andere davor zu bewahren, den gleichen Irrweg zu gehen.“ Matthias Quent, Rechtsextremismusberater der Universität Jena, bestätigt ihn: „Ja, Steven Hartung ist glaubwürdig ausgestiegen.“ Auch das Thüringer Landesamt bestätigt auf Anfrage, dass Hartung als „Aussteiger aus der rechtsextremistischen Szene in Erscheinung getreten ist“.

Ralf Wohlleben
R. Koehler/propicture

Der Angeklagte im NSU-Prozess Ralf Wohlleben. Steven Hartung kannte ihn und war sogar mal bei ihm und seiner Familie zum Essen

NSU-Prozess. Den aktuellen Prozess gegen die Thüringer Neonazi-Bande um Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben verfolgt Steven genau. Er hat über die Gruppierung, die sich Nationalsozialistischer Untergrund nennt, eine eigene Meinung entwickelt: „Der NSU ist möglicherweise nur eine Spitze des Eisbergs. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass es noch andere Spitzen gibt. Oder dass der Eisberg in Gänze mal hervortritt … Ich hab radikale Einzelpersonen kennengelernt, die für die Sache bis zum Äußersten gehen würden. Die haben keinen Bezug zur Realpolitik, sind so verbissen in ihrer abstrusen Ideologie - die würde ermutlich alles tun.“

Redaktion
on 14. Juni 2017

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