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Ostseeinsel Ruden Conny Marlow Ursula Toth
K.Nikola/SUPERillu
Einsam und glücklich
DAS LEBEN IST EINE INSEL

Seit elf Jahren leben Conny Marlow und Ursula Toth auf dem Ruden, einer kleinen Insel im Greifswalder Bodden . Sie sind die einzigen Bewohner. Während im Sommer täglich Ausflügler kommen, ist das Paar im Winter auf sich gestellt

Redaktion
on 14. Juni 2017

Ein Gruß über'n Zaun oder schnell noch etwas einkaufen - was für andere zum Alltag gehört, ist für Conny Marlow, 64, und seine Lebensgefährtin Ursula Toth, 66, einfach nicht drin. In den dunklen Monaten sehen die beiden Insulaner sogar oft wochenlang keinen einzigen Menschen.

Ihr Motorboot „Odin“, das sie im Sommer jederzeit in 45 Minuten ans Festland bringt, liegt winterfest vertäut im Hafen. Wollen sie ihren großen Monatseinkauf machen, müssen sie Tage im Voraus bei dem Heringsfischer anrufen, der immer mal wieder auf dem Bodden unterwegs ist. Der kommt dann „demnächst mal“ vorbei. Conny Marlow stellt klar: „Wir sind aber keine komischen Käuze, nur weil wir allein auf dem Ruden wohnen. Wir wollen unser Leben in einem gelassenen Rhythmus führen, genießen die Ruhe.“

Hektik gibt es hier tatsächlich nicht. Aber die Natur, die hat es schon manchmal in sich und zehrt an den Kräften.

„Oft gibt es gerade im Januar ganz fiese Wetterlagen“, sagt Seebär Marlow. „Die lösen in mir ein Gefühl von Einsamkeit aus, das ich sonst gar nicht kenne.Wenn Raureif auf den Bäumen liegt, der Himmel stahlgrau und es dazu noch windstill ist, kommt es mir so vor, als hätte jemand eine Glocke über uns gestülpt.“ Wenn das Gefühl zu lange anhält, hilft nur eins: „Rein ins Haus, ordentlich heizen und die Urlaubsfotos vom letzten Jahr sortieren.“ 2014 waren sie in Kroatien: blaue Adria, schmucke Städtchen, aber überall Touristen! Nach drei Wochen waren sie froh, wieder auf ihrem stillen, 25 Hektar großen Eiland zu sein.

Früher wohnten Lotsen auf der Insel, die zwischen Usedom und Rügen am Rande des Greifswalder Boddens liegt. Nördlich und südlich des Ruden gibt es Fahrrinnen, durch die die Lotsen die Schiffe von und nach Greifswald und Wolgast navigierten. 1865 lebten 38 Menschen hier. Es gab fünf Wohn- und zwölf Wirtschaftsgebäude, sogar eine Schule. Im Zweiten Weltkrieg baute die Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht einen 20 Meter hohen Beobachtungsturm auf der Insel.

Heute beherbergt der Turm eine Ausstellung zur Regionalgeschichte, und von der Plattform hat man einen tollen Blick über die langgestreckte Insel und den weiten Bodden. Der Wind zerrt am Schal von Ursula, als sie auf ihrem Inselrundgang dort oben angekommen ist. „Da !“, ruft sie und zeigt auf einen Fuchs, der unten durchs Gebüsch schnürt. Später wird sie nachschauen, wo er sich einen neuen Bau in den Sandboden gegraben hat.

Ursula Toth erzählt: „Klar gibt's auch mal Streit zwischen uns. Dann geht Conny hier und ich da lang. Aber schon nach zehn Minuten treffen wir uns wieder, weil die Insel so klein ist. Man muss sich halt aufeinander einlassen. Und man sollte schon was übrighaben für den anderen !“ Dass sie mal mit einem Mann allein auf einer Insel leben würde, hätte sie sich früher nicht träumen lassen.

Das leben auf der Insel

Wie kam es dazu ? Conny Marlow, der als junger Mann zur See gefahren war, hatte Mitte der 80er in der Nähe von Rostock ein Gasthaus mit Jugendherberge übernommen. Das bedeutete für ihn: 16 Stunden Arbeit und immer die Sorge ums Geld. 2002, da war er gerade mal 50 Jahre alt, kam der Zusammenbruch: Kollaps, Intensivstation. Marlow sagt: „Danach wollte ich neu anfangen, egal wo. Es hätte auch in Brasilien sein können.“

Auch Ursula, seine damalige Mitarbeiterin, brauchte zu dieser Zeit einen Tapetenwechsel. Sie erinnert sich: „Die Idee von einem Neuanfang schweißte uns zusammen, wir wurden ein Paar.“ Gemeinsam suchten sie nach einer neuen Bleibe und einer neuen Aufgabe. Es gab zwei Bedingungen: Es sollte etwas Ruhiges sein und am Meer liegen. Da erfuhren sie, dass der alte Hafenmeister auf dem Ruden aufhören wollte ...

Der Bürgermeister der Gemeinde Kröslin, zu der der Ruden gehört, zeigte ihnen die Insel. Ein paar Tage lang überlegten sie, dann sagten sie zu. Marlow: „Natürlich war das gewagt, aber es hat funktioniert mit uns!  Und jetzt ist Schluss mit diesen ollen Kamellen ! Wichtig ist, dass wir hier zueinandergefunden haben - und jeder zu sich selbst.“

Die Arbeiten, die sie im Winter als Hafenmeister und Naturschutzwarte verrichten müssen, sind überschaubar. Und doch machen Conny und seine Ulla wirklich alles gemeinsam, immer schön im Inselschritt: morgens unten am Hafen den Pegelstand ablesen. Dann einmal komplett die Insel ablaufen, deren Bäume wegen des ewigen Westwinds ganz verbogen sind: Wo treibt sich der Inselfuchs herum, der vor ein paar Jahren über die zugefrorene Ostsee kam? Ist ein Baum auf den Rundweg gestürzt ? Am Nachmittag holen sie Feuerholz aus dem Schuppen. Und vor der Dämmerung gilt noch ein fürsorglicher Blick dem Dieselgenerator, der sie mit Strom versorgt und den sie per Fernsteuerung an- und abschalten können.

Wenn am Abend der Flachbildfernseher mit dem Kaminfeuer um die Wette flackert, sitzen die beiden einträchtig nebeneinander auf der Couch. Im Lotsenhaus, dem einzigen noch bewohnbaren Gebäude der Insel, haben sie sich vier gemütliche Zimmer ausgebaut.

Das Trinkwasser bringen sie vom Festland in großen Tanks herüber, das Spülwasser für die Toilette wird aus dem Hafenbecken gepumpt. Auch einen Kühlschrank haben sie nicht, weil der Keller kalt genug ist. Uneingeschränkt modern ist nur die Art, wie sie mit dem Rest der Welt kommunizieren: Es gibt Telefon, Fernsehen und Internet.

Seit 1925 steht der Ruden unter Naturschutz, seit fünf Jahren gehört er der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Sie erklärte die Insel zum Nationalen Naturerbe, weil sich hier auf engstem Raum besondere Lebensräume wie Dünenwald und Salzwiesen befinden.

In den Sommermonaten sind Conny Marlow und Ursula Toth vor allem als Naturschutzwarte gefragt. Denn dann kommen pro Tag rund 100 Touristen mit Schiffen von Peenemünde herüber, pro Jahr sind das immerhin rund 14 000. Eine Stunde lang dürfen die Tagesausflügler die Insel erkunden, ohne dabei die Wege zu verlassen, dann legen die Dampfer wieder ab.

Außerdem müssen die beiden ein Auge auf die vielen Sportsegler werfen, die im Hafen anlegen. „Unter ihnen sind lieb gewordene Bekannte, aber auch Prominente, Bischöfe und Chefärzte“, sagt Ursula Toth.

Und, wie lange wollen sie selbst noch auf dem Ruden leben ? Marlow antwortet: „Solange wir uns fit fühlen. Unser Vorgänger zog erst aufs Festland zurück, als er 75 war. Das wären also noch elf Jahre.“

Redaktion
on 14. Juni 2017

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