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Crystal-süchtige Babys in Sachsen
A. Jungnickel/SUPERillu
Reportage
Die geerbte Sucht: Crystal-süchtige Babys

In Sachsen, wo der Konsum der Droge Crystal Meth rasant ansteigt, kommen immer mehr Babys mit Entzugserscheinungen zur Welt. Auch im Leipziger St.-Georg-Klinikum

Annette Hörnig
on 26. Mai 2017

Er ist ein Leichtgewicht, der winzige Kerl im Wärmebett neben der Tür. Auf der Intensivstation des Leipziger St. Georg-Klinikums liegen viele Säuglinge, die mit allen möglichen Krankheiten zu kämpfen haben. Aber Babys drogenabhängiger Frauen haben eine spezielle Last geerbt. Die Sucht ihrer Mütter bezahlen sie mit ihrer Gesundheit.

Anstieg. „Die Babys leiden nach der Geburt extrem“, sagt Eva Robel-Tillig, Chefärztin der Neonatologie. Die Säuglinge müssen stationär versorgt werden. Manche nur zwei Wochen, andere über Monate, je nachdem, welche und wie viele Drogen die Kindsmutter konsumiert hat. Immer mehr nehmen auch die Modedroge Crystal Meth. Diese kristalline Substanz mit dem chemischen Namen Methamphetamin breitet sich vor allem im Südosten der Republik, in Bayern und Sachsen, rasant aus. Nah an Tschechien, wo das meiste von dem Teufelszeug herkommt, billig hergestellt in Drogenküchen. Geschätzte 3,5 Tonnen sollen jedes Jahr nach Deutschland gelangen. Ein Gramm gibt es schon für rund zehn Euro. Manche mischen die leicht zu beschaffenden Grundstoffe auch selbst nach Anleitung aus dem Internet, dann ist es noch billiger.

Verbreitung. Die Substanz ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ärzte, Anwälte, Politiker, Selbstständige und Jugendliche schnupfen oder inhalieren das Zeug. Crystal putscht auf, stärker noch als Kokain, wirkt damit leistungs- und konzentrationssteigernd. Die Droge enthemmt auch sexuell. Und sie macht sofort süchtig: Man kann alles, ist super drauf, braucht wenig Schlaf. Anfangs jedenfalls. Dann folgt der Absturz.

Probleme. Kinderärztin Eva Robel-Tillig betreut auf der Nachsorgestation (15 Betten) im Schnitt drei bis vier Kinder drogenabhängiger Frauen. „Im Jahr sind es derzeit 70 bis 80 betroffene Säuglinge, Tendenz steigend“, sagt sie. „Ihre Mütter nehmen Opiate wie Heroin, Crystal oder mehrere Drogen. Es ist meist ein Mischkonsum.“ Oft sind es ältere Frauen, die schon jahrelang süchtig sind. Säuglinge, deren Mütter etwa Heroin spritzen, haben starke Entzugssymptome. Sie schreien viel, erbrechen. „Aber wir können den Entzug schaffen, sodass sie gesunden und aus der Abhängigkeit raus sind. Auch die Mütter können das“, so die Medizinerin. Crystal ist viel tückischer. „Es macht nicht physisch, sondern psychisch abhängig. Damit ist es langfristig gefährlicher. Es können Organschäden auftreten, Hirnatrophie, Probleme wie Schizophrenie.“ Nicht nur bei den Konsumenten, sondern später auch bei deren Kindern. „Äußerlich verhalten sich Babys von Crystal-Konsumentinnen eher unspektakulär", sagt Dr. Robel-Tillig. „Sie sind teils lethargisch, schlafen viel, sind untergewichtig, trinken schlecht und gedeihen nicht gut. In selteneren Fällen, je nach Dauer des Drogenkonsums der Mutter, können Fehlbildungen auftreten. Man muss davon ausgehen, lass sie mental und motorisch zurückbleiben.“ Das erlebt die Ärztin in der Sprechstunde, das zeigen auch Studien aus den USA und Schweden.

Therapie. Während die Babys der Drogenmütter auf der Station behandelt werden, dürfen die Frauen bei ihren Kindern bleiben. „Das wollen die meisten Mamas. Aber wer Crystal genommen hat, muss hier damit aufhören, und das fällt vielen sehr schwer“, sagt Dr. Robel-Tillig. Einige wenige der Kinder zeigen Symptome, die Opiat-Entzugserscheinungen ähneln. Dann müssen auch sie mit Morphin – in Milligramm-Dosen und in abnehmender Menge – ganz langsam entwöhnt werden. Die meisten dieser Kinder wachsen nicht zu Hause auf. „Wir haben regelmäßig Helferkonferenzen, an der Kinderärzte, Jugendamtsvertreter und Drogenberater teilnehmen und das weitere Vorgehen für die Familie festlegen. 30 bis 50 Prozent der Babys entlassen wir mit der Mutter nach Hause. Aber nach einem Jahr lebt nur noch ein Viertel bei den eigenen Eltern“, sagt Chefärztin Robel-Tillig. Wegen des Kindeswohls.

Netzwerk. Seit 2009 gibt es das Zentrum für Drogenhilfe am St. Georg-Klinikum. Ziel ist es, drogenabhängigen Eltern und ihren Kindern gemeinsam zu helfen. Einmalig in Sachsen wird dort eine Kombination verschiedener Hilfen angeboten – von der Kindergruppe bis zum Erziehungsbeistand. Markus Thörmer (37), Leiter des Fachbereichs Familienhilfe, sagt: „Eine Sucht behält man sein Leben lang, es ist eine psychische Erkrankung. Natürlich lieben auch diese Eltern ihre Kinder. Aber suchtkranke Mütter und Väter brauchen sehr viel Unterstützung und Kontrolle.“ Nicht viele schaffen es. Am Zentrum herrscht derzeit wegen starker Nachfrage Aufnahmestopp. Kinderärztin Eva Robel-Tillig fordert noch mehr Prävention: „Wir müssen mit der Aufklärung über Drogen viel früher in den Schulen ansetzen.“ Sie beugt sich über das Wärmebett mit dem kleinen Baby, das so viel schläft und noch nichts weiß. „Es lohnt sich um jede Familie, um jedes Kind!“, sagt die Ärztin.

Annette Hörnig
on 26. Mai 2017

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