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Volkmar Frenzel
J. Weyrich/SUPERillu
Volkmar Frenzel
J. Weyrich/SUPERillu
Volkmar Frenzel
Y. Maecke/SUPERillu
Volkmar Frenzel
J. Weyrich/SUPERillu
Der Unternehmer ist pleite
Das Frenzel-Drama

Der Tiefkühlkost-Hersteller Frenzel aus Sachsen, zu dem auch ein Werk im Oderbruch gehört, ist zahlungsunfähig. Vorzeigeunternehmer Volkmar Frenzel steht nun vor den Trümmern seines Lebenswerkes

Redaktion
on 29. Mai 2017

Die Nachricht schien unglaubwürdig. Der sächsische Unternehmer Volkmar Frenzel hat für seine Tiefkühlkostfirma Insolvenz angemeldet. Was? Volkmar Frenzel, der Überflieger, der Siegertyp, das Verkaufsgenie, der vielfach ausgezeichnete Unternehmer soll am Ende sein? Auch die SUPERillu berichtete mehrmals über die Erfolgsgeschichte des Selfmade-Mannes, begleitete seinen schier unaufhaltsamen Aufstieg. Ein paar Stunden nach der Unglücksmeldung sitze ich dem ostdeutschen Vorzeige-Unternehmer in seinem geräumigen, aber schlicht eingerichteten Büro am Rande des 300-Einwohner-Dorfes Choren bei Döbeln in Mittelsachsen gegenüber.

Ein erster Eindruck

Der Mann, den ich immer als lebenspralles, agiles Energiebündel mit vollem dunklem Haar wahrgenommen habe, scheint nur noch ein Häufchen Elend. Er wirkt erschöpft, müde, streicht über ein paar sprießende Haare auf seinem fast kahlen Kopf. Aber er lächelt sehr tapfer, begrüßt mich in seinem unverkennbar sächsischen Dialekt: „Na, früher war ich schön und reich. Jetzt bin ich arm und krank.“

Er zieht einige Ordner hervor, zeigt mir einige Schriftstücke und erklärt: „Hier, diese Bank hatte keinen Spielraum mehr, weil sie in der Karstadt-Pleite mit drinhing. So fehlte uns Geld. Eine andere Bank strich uns den Kreditrahmen von zwanzig Millionen Euro, und plötzlich fehlten mir mehr als acht Millionen, um noch Produkte einkaufen zu können. So blieb nur die Insolvenz.“

Der bisher alleinige Geschäftsführer holte sich den Insolvenz-Spezialisten Jörg Spies als zweiten Geschäftsführer an seine Seite. „Der Mann ist gut. Ich hoffe, dass er die 350 Jobs in meinen Betrieben retten kann. Die Kunden stehen ja hinter uns, und unsere Produkte sind nach wie vor gefragt“, weiß der Unternehmer. „Ich will das mit meinen Leuten durchstehen“, spricht er sich Mut zu, doch dann klingt er wieder ein wenig entmutigt, fügt hinzu: „Trotz meiner Krankheit.“

Der Schock

Dann spricht er wieder über das harte Geschäft mit der Tiefkühlkost, über die Konkurrenz und mögliche Intrigen. Immer wieder ruft er seine Sekretärin im Vorzimmer: „Petra, bring mir doch mal alle Mappen, auch die mit dem Angebot.“ Ich kann lesen, dass ihm 2007 mehr als 50 Millionen Euro für sein Unternehmen angeboten wurden. „Da hätte ich gut 20 Millionen Gewinn gemacht. Aber der Investor wollte nur meinen Namen und das Werk im Oderland. Die anderen Jobs wären weg gewesen. Ich habe abgelehnt, hätte mich doch zu Hause nicht mehr sehen lassen können, wenn ich aus Geldgier Hunderte Jobs vernichtet hätte. Nee, da sind wir Ostdeutschen vielleicht doch anders geschnitzt.“

Volkmar Frenzel knabbert Salzstangen, trinkt eine Tasse Kaffee nach der anderen, lächelt ein wenig verlegen, sagt plötzlich: „Und jetzt stehe ich dumm da, und dann ist da noch der Krebs. Ich gebe zu, dass ich geraucht habe wie ein Schlot. Je größer der Stress war, desto mehr Zigaretten qualmte ich. Im vergangenen Frühjahr nahm ich dann zehn Kilo ab, hatte auf einmal keine Kraft mehr.“

Volkmar Frenzel musste ins Krankenhaus. Die Ärzte diagnostizierten Lungenkrebs. Sechs Wochen war er in der Klinik, eine Chemotherapie folgte. „Ich ging trotzdem jeden Tag in die Firma. Der Krebs ist zurückgewichen, steht sozusagen still. Mir geht es wieder gut im Augenblick. Das Rauchen habe ich aufgegeben“, sagt er und nach einer Pause fügt er hinzu: „Aber man weiß ja erst nach einigen Jahren, ob die Krankheit wirklich besiegt ist.“

Immer wieder ruft er nach seiner Sekretärin Petra Göpfert, holt auch seinen Prokuristen Norbert Wurzel und den Verkaufsleiter Andreas Haugk mit zum Gespräch. Der Prokurist, ein Franke, glaubt: „Wir werden die Planinsolvenz schon erfolgreich bestehen.“

Wenn das Gericht zustimmt, kann in der Planinsolvenz die Geschäftsführung das Verfahren in eigener Regie durchführen, wird nicht von Insolvenzverwaltern entmachtet. Gläubiger müssen dann beschwichtigt werden, aber auch ein neuer Investor muss her. „Es muss neues Geld in die Firma kommen, weil es an Eigenkapital fehlt.“ Das ist das große Problem der meisten ostdeutschen Firmen. Zwanzig Interessenten haben sich schon gemeldet. „Die meisten wollen nur ein Schnäppchen und die Marke übernehmen“, glaubt Frenzel. Ein Unternehmen aus Hamburg hat aber ein seriöses Angebot gemacht. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, murmelt der Chef und lächelt matt.

Marke Frenzel

Volkmar Frenzel lässt heute an drei Standorten Tiefkühlkost produzieren. In Frenzels Geburtsort Choren, in Ringleben in Thüringen und in Manschnow im Oderland. Er ist der drittgrößte Tiefkühlkost-Produzent Deutschlands, liefert seine Waren in 17 Länder, darunter auch Japan und Dubai.

Trotz der augenblicklich prekären Situation erinnert sich der Unternehmer gern an die Anfänge und seinen Aufstieg. Nach einer Fleischerlehre zu DDR-Zeiten jobbte er erst als Kraftfahrer, später als Autoschrauber und Verkehrsmeister. „Mein Ziel war es aber immer, ein Selbstständiger zu sein.“ Am 1. April 1981, kurz vor seinem 28. Geburtstag, erfüllte sich Volkmar Frenzel dann seinen großen Lebenstraum. „Aus einem alten B 100 baute ich meinen ersten Kühlwagen und verkaufte Eis. Auf der Straße, an den Konsum oder die HO“, erzählt er mir mit leuchtenden Augen. Das Speiseeis holte er sich aus Cafés und vielen kleinen Eisfabriken des Landes. „Obwohl ich in der DDR 89 Prozent Steuern zahlen musste, hat sich das gelohnt, und es hat auch mächtig Spaß gemacht.“

Als die Mauer fiel, fuhr der pfiffige Eishändler zur Firma Schöller nach Nürnberg, bot seine Logistik für den Verkauf der West-Eiscreme an. Das Geschäft florierte prächtig. Doch dann wollte er mehr. Frenzel: „Ich baute 1992 in meinem Heimatdorf Choren ein Kühlhaus, um eigene Produkte zu produzieren und zu vertreiben.“ Fünf Jahre später übernahm er auch noch die Kyffhäuser- und die Oderland-Tiefkühlkost. Neben Tiefkühlgemüse produzierte die Marke Frenzel Fertiggerichte für die Mikrowelle oder sächsische Spezialitäten wie Quarkkäulchen.

Das Österreich-Abenteuer

Dann erzählt Volkmar Frenzel nachdenklich von seiner Expansion im Jahr 2005 nach Österreich. „Wer nicht expandiert, wird geschluckt. So eiskalt funktioniert Marktwirtschaft.“ Die „Firma Austria Frost“, größter Tiefkühlkost-Produzent des Landes in Groß-Enzersdorf bei Wien, stand vor dem Aus. Frenzel verhandelte lange, schlug dann zu, kaufte sie für rund acht Millionen Euro. „Das ging am Ende leider schief. Paletten wurden geklaut, ein Betriebsrat verspielte viel Firmen-Geld im Casino. Es gab anderen Ärger, und ich musste das Werk unter Preis verkaufen. Ein teurer Ausflug“, sagt Frenzel bedenklich.

Die Schulden wuchsen, und dann kam der Krebs. Geschlagen will sich Volkmar Frenzel nicht geben. „Ich will kämpfen. Für meine Mitarbeiter. Für meine Gesundheit.“ Als wir uns zum Abschied die Hand geben und ich ihm alles Glück der Welt wünsche, drückt er mir die Hand fester und fester. Da spüre ich, dass der Mann noch viel Kraft für sein Lebenswerk hat.

Redaktion
on 29. Mai 2017

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