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Claudia Wenzel und Ruediger Joswig
M. Handelmann/SUPERillu
Star–Interview: Claudia Wenzel & Rüdiger Joswig
Eine Ost-West-Ost-Liebesgeschichte

25 Jahre Mauerfall – für Claudia Wenzel (55) und Rüdiger Joswig (65) hat dieses Jubiläum eine ganz besondere Bedeutung. Im Doppelinterview ziehen die Schauspieler eine Bilanz ihrer Lebens- und Liebeswende 1989

Redaktion
on 24. Mai 2017

Für viele Fernsehzuschauer war Rüdiger Joswig 16 Jahre lang Kapitän Ehlers in der ZDF-Serie „Die Küstenwache“. Seine Frau Claudia Wenzel er­­langte durch die ARD-Reihe „Unser Leh­­rer Dr. Specht“ Popularität, ist zurzeit in der Serie „In aller Freundschaft“ zu sehen. Der 9. November 1989 spielt im Leben des prominenten Paares eine besondere Rolle. Rüdiger Joswig stammt aus Anklam, was die wenigsten wissen. Denn er ist 1987 mit seiner damaligen Familie nach Westberlin ausgereist. Claudia Wenzel kommt aus Wittenberg. Für ein „Mauer“-Gespräch mit SUPERillu erschien ihnen die Berliner Landesvertretung Sachsen-Anhalt der passende Ort. Hier läuft noch bis 30. November die Ausstellung „So hoch war die Mauer“ - ein Gemäldezyklus von Manfred Wenzel, dem Vater der Schauspielerin.

Wo wir jetzt sitzen, war Grenzgebiet …

Joswig: … und ein paar Meter weiter, an den Bahngleisen, verlief der To­­des­streifen. Al­­les war vermauert und be­­wacht. Der Bahn­hof Friedrichstraße war für uns West­­berliner der wich­­tigste Knotenpunkt. Über dem Bahnsteig im Tränenpalast standen Grenzer auf einem Gitter mit der MPi im Anschlag – nach unten gerichtet, auf die Leute. Mir geht noch heute ein Schauer über den Rücken. Grauenvoll.

Sie sprechen von sich als Westberliner.

Joswig: Das war ich damals. Heute fühle ich mich als Berliner und habe die Freiheit, auch wieder in den Ostteil zu fahren. Das blieb mir nach der Ausreise verwehrt. Man kann ganz schwer beschreiben, wie das war, durch die toten Bahnhöfe in Ostberlin zu rasen.

Hätten Sie damit gerechnet, dass Deutschland mal wieder ein Land wird?

Joswig: Es gibt einen Brief von mir an Freunde im Osten. Darin hatte ich geschrieben, dass die Tage des Systems gezählt sind. Aber den Gedanken an Wiedervereinigung hatte ich dabei nicht. Ich hätte gern noch zwei Jahre länger in der Gemütlichkeit von Westberlin gelebt – sage ich ganz ehrlich.

Wenzel: Ich war zu der Zeit am Leipziger Schauspiel engagiert, habe an den Montagsdemonstrationen teilgenommen. Wir haben uns Gedanken ge­­macht, wie eine Reform des Systems aussehen soll. Dann hieß es, die Grenze ist offen. Das war der helle Wahnsinn. Wir sind nach Berlin und haben gefeiert. Dann bekamen die Montagsdemos eigenartige Züge. Es ging nicht mehr um politische Forderungen. Die Leute wollten die D-Mark.

Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig
M. Handelmann/SUPERillu

Beim Interview erinnerten sich Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig daran, dass sie 1984 in Leipzig zusammen auf der Bühne standen – und es sofort knisterte

Welche Erwartungen und Hoffnungen verbanden Sie mit dem Mauerfall?

Wenzel: Freiheit. Das ist ein großer Begriff, aber er trifft zu. Ich habe Freiheit für mein Tun und Handeln erwartet. Nach der Wende hatte ich das Gefühl, ich konnte alles sagen. Seitdem hat sich vieles verändert. Es hat auch heute manchmal Konsequenzen, wenn man sich non­­­­konform äußert. Was ich sehr genieße, ist die Freiheit, überall hinreisen zu dürfen. Dass man uns das in der DDR vorenthalten hat, kreide ich dem Staat an. Ich hatte das Gefühl, eingesperrt zu sein und habe mich immer gefragt, wieso misstraut dieser Staat seinen Menschen so, wenn der Sozialismus angeblich die beste aller Gesellschaftsordnungen ist?

Joswig: Für mich war die Mauer ein in Beton gegossenes Hindernis, das nicht nur die fast 17 Milli­­­onen Menschen in der DDR, sondern auch Millionen im Ostblock da­­ran gehindert hat, ihr Land zu verlassen oder sich die Welt anzugucken. Sie war für mich auch Sinnbild für die Unmenschlichkeit eines Systems. Als die Mauer am 9. November fiel, war das mein schönster Feiertag.

Wenzel: Zum Schluss hat sich doch jeder über die DDR lustig gemacht. Mal sehen, wer das Licht ausknipst, war so eine Redewendung. Das war doch furchtbar!

Joswig: Nicht alle haben sich lustig gemacht. Es gab schon viele, die standen zu dem System. Dann gab es die große Masse der Anpasser. Wer nicht im wahrsten Sinne des Wortes an die Mauer stieß, konnte sehr bequem leben in dem Land. Das darf man nicht vergessen. Und dann gab es diejenigen, die Angst hatten. Und Angst darf man keinem Menschen vorwerfen.

Dass es die DDR überhaupt gab, liegt in der Geschichte begründet.

Joswig: So sehe ich das auch. Die Teilung Deutschlands war die Folge des Nazireiches und seiner Zerschlagung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Land wurde von den Alliierten aufgeteilt. Im Osten hatte die Sowjetunion die Hoheit, im Westen waren es England, Frankreich und die USA. Damit stießen hier zwei feindliche Weltsysteme aufeinander. Es gab 40 Jahre Kalten Krieg. Wäre Hitler 1933 nicht an die Macht gekommen, wir hätten nie einen 9. November gebraucht.

Herr Joswig, warum haben Sie die DDR 1987 eigentlich verlassen?

Joswig: Ich habe das Land nur aus politischen Gründen verlassen. Ich brauchte keine 200 Sorten Mineralwasser oder 400 Sorten Käse. Das hat mich alles nicht interessiert. Ich fühlte mich zunehmend in meiner Lebensfreiheit eingeengt. Den größten Anstoß, über mein Leben in der DDR nachzudenken, gab die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976. Damals dachte ich noch nicht ans Weggehen. Das Bedürfnis wuchs danach. Ich wollte mir nicht mehr diktieren lassen, welches Buch ich lesen darf, welches verboten ist. Welche ideologische Einstellung ich haben muss … Und dann wollte ich auch reisen, wie Claudia es schon gesagt hat, meine Freunde besuchen. Ich konnte nicht wie hinter einer Gefängnismauer leben.

Wie zufrieden sind Sie geworden?

Joswig: Meine Vorstellungen vom Leben in dieser Welt haben sich erfüllt. Aber in dem Land, wie ich es 1987 kennengelernt habe, hat sich  seit 1989 leider vieles sehr zum Negativen verändert. Geradezu unerträglich ist für mich, dass jemand von seiner Arbeit nicht leben kann. Als ich nach Westberlin kam, konnte jeder mit einem festen Job sich und seine Familie ernähren. Leiharbeit, Billiglöhne – das erschüttert mich schwer. Die soziale Marktwirtschaft, wenn sie sich denn wieder auf ihre Grundwerte besinnt, ist meiner Meinung nach die ultimative Antwort auf das abgewirtschaftete sozialistische Wirtschaftssystem.

Herr Joswig, Sie sind mit Ihrem Sohn ausgereist. Welches Bild hat er von der DDR?

Joswig: Er hat die DDR vor allem durch mich erlebt. Bei uns war Politik immer ein Thema, und ich habe ihn eingebunden. Auch heute reden wir noch viel darüber. Ich habe mir 1989 zwei Stücke aus der Mauer gebrochen, die mein Leben so sehr beeinflusst hat. Als Erinnerung und Mahnung. Eins habe ich meinem Sohn mitgegeben, der seit vielen Jahren in den USA lebt. Wenn er es Amerikanern zeigt, sind die oft überrascht, dass die Mauer weg ist.

Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig
M. Handelmann/SUPERillu

Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig sind seit 2003 verheiratet. Die Schauspieler stehen immer wieder gemeinsam vor der Kamera und auf der Bühne

Welches Resümee ziehen Sie, Frau Wenzel?

Wenzel: Ich lebe jetzt in einer Welt, die mir alle Möglichkeiten bietet, einschließlich negativer. Aber ich bin sehr froh, dass ich jetzt beide Systeme kenne. Dass ich den Sozialismus erlebt habe und dass ich jetzt den Kapitalismus in all seinen Formen erlebe. Ich hatte eine schöne Kindheit, konnte studieren. Unter den heutigen Bedingungen hätten meine Eltern mir und meinen vier Geschwistern kein Studium finanzieren können. Trotzdem ist es jetzt besser. Man hat mehr Raum für Lebensträume.

Wie viel Osten steckt noch in Ihnen?

Joswig: Ich empfinde mich als Wossi. Aber weit über die Hälfte meines Lebens habe ich in der DDR verbracht. Sie hat mich geprägt. Es war nicht alles schlecht – diesen Spruch kann ich nicht mehr hören. Er ist für mich Ausdruck dafür, dass die Realität, in der wir gelebt haben, geschönt und Negatives verdrängt wird. Aber natürlich haben wir nicht in völliger Tristesse gelebt, sondern geliebt, gelebt, geküsst, gefeiert und toll gearbeitet.

Sie beide haben dem Mauerfall auch Ihr persönliches Glück zu verdanken.

Joswig: Ohne den Fall der Mauer wären wir uns nicht wieder begegnet. Und hätten nicht unser größtes persönliches Glück gefunden, nicht wahr, meine Süße?

Wenzel: Wir beide sind für uns Glückstreffer und haben sehr für unsere Liebe gekämpft. Als ich mich 1984 in Rüdiger verliebte, spielten wir zusammen in Leipzig Theater, waren aber beide verheiratet.

Joswig: 1987 bin ich mit meiner Familie nach Westberlin ausgereist und damit stand fest, dass sich zwischen uns nichts entwickeln würde. 1992 haben wir uns dann zufällig wiedergetroffen.

Wenzel: Ich war inzwischen geschieden und die Liebe flammte auf. Allerdings mussten wir uns ein paar Jahre heimlich treffen, Rüdiger war noch verheiratet. Seit 1996 leben wir zusammen, vor elf Jahren haben wir geheiratet.

Redaktion
on 24. Mai 2017

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