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Cindy aus Marzahn
SUPERillu
Berufsschullehrer Olaf Walbrach
M. Handelmann/SUPERillu
 Andreas Dobbert
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Wolfgang Klämbt
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Das Theater von Luckenwalde
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Peter Migulla
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Die einstige Lenin-Schule in Luckenwalde
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Lehrerin Chris Walbrach
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Cindy aus Marzahn
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Cindy aus Marzahn
„Immer voll ruff uffs Schlimme“

Sie ist der Shooting-Star der deutschen Comedy. Was ist das Geheimnis der perückenblonden Kodderschnauze? SUPERillu besuchte ihre Heimat. Marzahn? Nee, Luckenwalde!

Redaktion
on 24. Mai 2017

Sie ist der Shooting-Star der deutschen Comedy. Seit sie 2007 im Berliner „Quatsch Comedy Club“ zur besten Newcomerin gekürt wurde, füllt die kräftige Lady im pinkfarbenen Joggingdress deutsche Show-Hallen. Was ist das Geheimnis der perückenblonden Kodderschnauze? SUPERillu besuchte ihre Heimat. Marzahn? Nee, Luckenwalde!

Auf pinkfarbenem Shirt über kräftigem Busen steht „Alzheimer Bulemie“. Die Auflösung dazu gab „Cindy aus Marzahn“ selbst: „Ich fresse den ganzen Tag und vergesse abends zu kotzen.“ Wer derart deftige Verbal-Kost nicht mag, kann ja wegzappen. Ihre Fans aber klatschen und trampeln. Was ist das Geheimnis der perückenblonden Kodderschnauze?

Comedian-Star

Seit sie 2007 im Berliner „Quatsch Comedy Club“ zur besten Newcomerin gekürt wurde, füllt die kräftige Lady mit ihrem - pardon - Hintern von der Größe einer Bitterfelder Bahnhofsuhr, der meist in einer gewöhnungsbedürftigen Jogginghose Platz findet, deutsche Show-Hallen. Fazit der Kritik: Wer kann, der kann - und Cindy kann. Ihr Motto: Ehe andere über mich witzeln, mache ich das besser selbst. Es geht das Gerücht, die kräftige Lady in Pink könne sogar braune Stützstrümpfe von der Theater-Bühne herunter verkaufen - immer komisch, immer erfolgreich, immer ohne intellektuelle Pirouetten. „Immer voll ruff uffs Schlimme“, wie der Berliner so sagt.

Die Kecke von Nachbars

Das Erfolgskonzept der „Cindy aus Marzahn“ heißt Authentizität. Wer sie hört, spürt, diese „Cindy“ gab und gibt es wirklich - als tragikomisches Abbild einer real existierenden Nachwende-Loser-Göre, die es schafft zu überleben - mit dem Charme eines russischen T-54-Panzers, dem Blick eines Beagles und der Lautstärke einer baschkirischen Dorfkapelle. O-Ton: „Cindy kriecht keener klein!“ Die Erfinderin freimütig in Interviews über die Bühnenfigur „Cindy“: „Das war einfach der erste Name, der mir einfiel. Sie könnte auch Steffi aus Birkenwerder, Kiara aus Köln oder Mandy aus Meißen heißen ...“ Ihr Vater Detlef (Rentner, einst Kraftfahrer), dem die Tochter übrigens so manchen bodenständigen Gag verdankt: „Wir fanden alle, dass Cindy zu unserer Ilka am besten passt ...“

Ilkas Welt

Im richtigen Leben nämlich heißt sie Ilka Bessin, geboren am 18. November 1971 in Luckenwalde (eine knappe Autostunde vor Berlin). Hier ist Cindy/Ilka bekannt wie ein bunter Hund. In der ehemaligen Lenin-Schule (jetzt „Friedrich Gymnasium“) hat sie die zehnte Klasse abgeschlossen, auf dem Sportplatz der kommunalen Berufsschule beim 1000-Meter-Lauf mächtig geschnauft, im einstigen Wälzlagerwerk „Köchin jelernt“ und nach der Wende 1990 die Rausschmiss-Papiere fürs Arbeitsamt bekommen.

Ihr Vater Detlef, der zur DDR-Zeit auf dem LKW-Bock für „Autotrans“ durch Europa tourte und dabei sogar den Mauerfall verpennt hatte („Ick höre am Steuer doch keen Radio!“) erinnert sich: „Am liebsten hat Ilka im Sommer bei uns im Schrebergarten in die Sonne geguckt oder im DDR-Fernsehen den Kessel Buntes mit der Helga Hahnemann. Die hat ihr sehr imponiert.“ Und Ilkas Mutti Christel, die vor der Wende in einer Schuhfabrik Näherin war: „Die Kleene is willensstark. Die wollte immer irgendwie bekannt werden. Und wenn die sich so wat innen Kopp jesetzt hat, zieht se det ooch durch ...“

Dann schildert sie die im Familienkreis immer wieder gern kolportierte Szene aus dem Stadtpark, in den Ilka schon als Kindergarten-Kind keinen Schritt mehr gehen wollte, um irgendeinen Willen durchzusetzen. „Det hat se ja dann ooch jeschafft“, stöhnt Mutter Christel, die übrigens ihre Tochter bis heute nicht an ihren Kochtopf lässt: „Nee, nee: Nur reingucken darf se. Meine Kohlrouladen mache ich lieber alleene.“ Und wenn sie ihr Lieblingsrezept preisgibt, klingt dabei ein wenig wie „Cindy aus Marzahn“ durch: „Wissen Se, wie man eine gute Kohlroulade macht? Als erstes nimmt man seinen Autoschlüssel, und ab geht es nach Polen. Dort sind die Kohlköppe nämlich größer und besser ...“ Damit wäre also ein „Cindy“-Heimat-Geheimnis gelüftet: Mutters Luckenwalder Kohlrouladen. Längst nicht alles, was sie immer wieder nach Hause zieht.

Ilkas Heimatgefühl

Da wären die beiden Lehrer Chris und Olaf Walbrach, die sich voller freundlicher Zuneigung an das fröhliche „Mädchen mit den blitzgescheiten Reaktionen“ erinnern. Berufsschullehrer Olaf Walbrach: „Nur beim 1000-Meter-Lauf hat sie eben gern mal gemogelt ...“ Oder Andreas Dobbert, ein Kochkollege aus dem Wälz-lagerwerk: „Ilka konnte manchmal echt stressen. Deshalb haben wir sie gern bei der Essenausgabe eingesetzt ...“

Ein Ilka-Fan ist auch Kulturamtschef Wolfgang Klämbt: „Die Cindy-Veranstaltungen in unserem Theater waren immer ausverkauft.“ Macht exakt 734 verkaufte Plätze - zur Freude des technischen Theaterchefs Peter Migulla, der seinen Job natürlich auch dem Erfolg des kommunalen Spielhauses verdankt. Migulla lobt: „Die Ilka hat überhaupt keine Star-Allüren. Sie ist eine von hier geblieben, mit Gags, die vielmals voll ins Schwarze treffen.“ Stimmt.

Wie sagte „Cindy aus Marzahn“ doch kürzlich in einem Interview über die Leute der Arbeitsagentur (Luckenwaldes Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 11,6 Prozent): „Das Schlimmste, was ich in dieser Agentur erfahren musste, waren Ignoranz und die mangelnde Bereitschaft, Menschen eine Chance zu geben. Als ich nach meinem Gewinn im „Quatsch Comedy Club“ Mittel für eine Eingliederungshilfe beantragte, bekam ich von meiner persönlichen Arbeitsvermittlerin zu hören: „Diese Hampelei finanzieren wir nicht!“

Für Ilka Bessin sind solche „Ausrutscher“ noch lange kein Grund, mit den Menschen ihrer Heimatstadt zu hadern. Ilona Specht von der Luckenwalder Tafel: „Als sie vor einem Jahr bei Günther Jauch eine halbe Million Euro abräumte, hat sie prompt einen großen Teil des Geldes gespendet. Ich denke, solche Hilfe ist ihr wichtig, weil sie selbst auch die andere Seite des Lebens gut kennt, selbst mal ohne Job war und sich mit Energie wieder nach oben gebracht hat.“

Über dieses „Oben“ hat Ilka Bessin eine klare Position: „Ich denke nicht, dass ich mich verändert habe. Außerdem sorgen meine Eltern und meine Freunde schon dafür, dass ich nicht abhebe ...“

Redaktion
on 24. Mai 2017

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