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Arnold Vaatz und Helmut Kohl 2012
Arnold Vaatz
Arnold Vaatz über Helmut Kohl
"Keiner außer ihm konnte das erreichen"

Zum Tode des Alt-Kanzlers schreibt SUPERillu-Kolumnist Arnold Vaatz, zur DDR-Zeit Bürgerrechtler, heute CDU-Politiker, über Helmut Kohls Leistung für  Deutschland und Europa

Arnold Vaatz
on 22. Juni 2017

Es existiert ein Bild: Helmut Kohl sitzt im Dezember 2014 im Rollstuhl vor der Dresdner Frauenkirche. Mit zerzaustem Haar, abgemagertem Gesicht. Entstellt von Alter und Krankheit – in den Augen aber ein stiller Triumph.
Den Brandt/Schmidt’schen Slogan „Wandel durch Annäherung“ nannten wir in den späten 70ern nur noch „Handel durch Anbiederung“. Der Westen kroch dem Osten hinten rein. Die Kumpanei der Apparate – Bischof Ost trifft Bischof West, Firmenchef trifft Kombinatsleiter –, das war die „Annäherung“. Und wo blieb der „Wandel“?
Helmut Kohl schrieb diese Po­litik nicht fort. Er veränderte sie grundlegend. Für Wirtschaftshilfen forderte er Gegenleis­tungen: Reisen in Familiensachen. Nicht nur für auserlesene Kader! Für Otto Normalverbraucher. Hunderttausende Ossis reisten und sahen: Die DDR stand auf dem Abstellgleis der Geschichte. Der Glaube an den Sozialismus starb ab. Bis in die höchste Nomenklatura. Auch deshalb wurde 1989 nicht geschossen: Die, die den Finger am Abzug hatten, sahen keine Zukunft mehr für die DDR.
Am 19. Dezember 1989 sprach Helmut Kohl in Dresden vor der Ruine der Frauenkirche. Er schloss seine Rede mit dem Satz: Er sei, wenn es die geschichtliche Stunde zuließe, „für die Einheit unserer Na­­tion“. Die Menschen jubelten. Die Fernsehbilder gingen um die Welt. Kohl zeigte aber vor allem uns Ostdeutschen, wo in der DDR die Mehrheit stand. Die Presse hatte bis dahin das Gegenteil suggeriert.
Für einen Kanzler wäre es damals leichter gewesen, die Wiedervereinigung zu verhindern, als sie zu erreichen. François Mitterrand, Margaret Thatcher, Ruud Lubbers, Giulio Andreotti – fast alle lehnten eine deutsche Einheit ab. Und ob die angeschlagene Sowjet­union ihren Satelliten aufzu­geben bereit war, stand in den Sternen. Helmut Kohl erwies sich als Meister der Vertrauensbildung. Nach einem halben Jahr verstanden alle, dass eine von au­­ßen erzwungene Teilung Deutschlands eine Gefahr, eine friedliche deutsche Wiedervereinigung aber eine große Chance für Europa war.  Gorbatschow gab den Weg frei, und Kohl griff ihm mit Milliarden unter die Arme.
Ich sehe von den damaligen deutschen Politikern keinen, dem zuzutrauen gewesen wäre, dieses deutsche und europäi­sche Einigungswerk zu erreichen. Keinen außer ihn. In der Welt sieht man das ähnlich. Nur in Deutschland nicht. Eine deutsche Zeitung brachte zur Todesnachricht das Foto eines Grabes mit Blumengestecken. Überschrift: „Blühende Landschaften“. Was für eine moralische Verkommenheit!  
Helmut Kohl war für selbstverliebte Meinungsproduzenten eine tödliche narzisstische Kränkung. Wer die eigenen Gedankengebilde für unwiderstehlich hält, kennt keine schlimmeren Feinde als jene, die auf diese Gebilde pfeifen, weil es Wichtigeres gibt. Und damit auch noch Erfolg haben. Wie Helmut Kohl.

Arnold Vaatz
on 22. Juni 2017

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